22. März 2022

»Von der Kraft der Schwachen«: Ingo Schulze über Anna Seghers

Anna Seghers: Jüdin, Kommunistin, politische Aktivistin, aber vor allem eine herausragende Schriftstellerin. Ihr Werk gehöre zum Besten, was die deutschsprachige Literatur hervorgebracht habe, so Ingo Schulze. Hier ein Auszug aus seinem Vorwort zu »Und habt ihr denn etwa keine Träume«, einem Band mit Anna Seghers' großen Erzählungen.
Ingo Schulze

Von der Kraft der Schwachen

Bevor unsere Deutschlehrerin mit dem Unterricht begann, bat sie darum, die gerahmte Schwarzweißfotografie von Anna Seghers wieder gerade zu rücken. Außer ihr hatte es offenbar niemanden gestört, dass Anna Seghers schief an der Wand hing, womöglich war es von uns gar nicht bemerkt worden. »Nicht dass sie noch runterfällt!«, sagte unsere Lehrerin und fügte dann hinzu: »An der Anna liegt mir schon viel.« Dieser Satz hat mich damals – Ende der Siebziger, ich war in der neunten oder zehnten Klasse – derart überrascht und befremdet, dass ich mich heute noch an ihn erinnere. Wie konnte man denn eine Schriftstellerin allein beim Vornamen nennen? Das tat nicht mal meine Mutter. Zudem war Anna Seghers eine offizielle Figur, immerhin die Präsidentin oder mittlerweile Ehrenpräsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. Und ging einen denn das, was sie schrieb, außerhalb der Schule wirklich etwas an? Gerade nach der Schullektüre von »Das siebte Kreuz« – einem Roman, der mich durchaus berührt hatte, der aber eine Welt beschrieb, die in meinen Augen ein für alle Mal vergangen war und nichts mehr mit mir zu tun hatte – erschien mir das familiäre Verhältnis zwischen der Deutschlehrerin und Anna Seghers noch unerklärlicher.

 

Für mich entdeckt habe ich Anna Seghers erst relativ spät, und das – abgesehen von dem Roman »Transit« – vor allem durch ihre Erzählungen, Geschichten und Legenden. Viele davon gehören für mich zum Besten, was die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat, und damit auch zu jenem Fundus, der uns Heutige unmittelbar anspricht.

Es lässt sich kaum ein Jahr in Anna Seghers’ Schriftstellerleben finden, in dem sie keine Erzählung geschrieben hat. Sie brauchte und nutzte die kürzere Prosaform so kontinuierlich wie keiner ihrer Zeitgenossen. Denn offenbar ermöglichte die Erzählung ihr eine vergleichsweise schnelle Reaktion auf sich verändernde Verhältnisse. Zeitlich spannt sich der Bogen von der Weimarer Republik kurz nach der Inflation über die Weltwirtschaftskrise und die »Machtergreifung« der Nazis, die Flucht von Anna Seghers und ihrer Zeitgenossen. Denn offenbar ermöglichte die Erzählung ihr eine vergleichsweise schnelle Reaktion auf sich verändernde Verhältnisse. Zeitlich spannt sich der Bogen von der Weimarer Republik kurz nach der Inflation über die Weltwirtschaftskrise und die »Machtergreifung« der Nazis, die Flucht von Anna Seghers und ihrer Familie nach Frankreich, den Spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg und die Emigration nach Mexiko, ihre Rückkehr nach Deutschland, die Entstehung zweier deutscher Staaten im Kalten Krieg bis hin zu den Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU, dem Mauerbau und noch weit hinein in die beginnende Spätphase der DDR in den achtziger Jahren. Zugleich gibt es in deutscher Sprache und über diesen langen Zeitraum kaum jemanden – Alfred Döblin, der einer älteren Generation angehört, einmal ausgenommen –, dessen Kurzgeschichten, Novellen und Erzählungen stilistisch so variationsreich sind, was nicht zuletzt auf sich wandelnde Haltungen hinweist. […]

 

Ich weiß nicht, ob eine Fotografie von Anna Seghers heute noch in meiner ehemaligen Schule hängt. Möglich ist es, es könnte aber auch sein, dass man sie abgehängt hat, dass sie nun tatsächlich »heruntergefallen« ist, so wie auch lange Zeit das Wandbild verdeckt wurde, in dem die 11. These über Feuerbach von Karl Marx zu lesen war: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern.« Verändert hat Anna Seghers die Welt, schon weil sie die Literatur auf ganz eigene Weise bereichert hat. Es kommt darauf an, sie zu lesen.

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