24. Febr. 2022

»Smyrna in Flammen« - wie der historische Brand Europa veränderte

Der Brand von Smyrna im Jahr 1922 veränderte Europa – und ist heute nahezu vergessen. Im Interview erzählt Lutz C. Kleveman von dieser einst blühenden, bunten Metropole und warum wir gerade jetzt, genau 100 Jahre später, an diese Katastrophe erinnern und über die Geschichte des heutigen İzmir sprechen müssen.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über Smyrna zu schreiben, das heutige Izmir?

Wie schon in meinem Lemberg-Buch, interessiere ich mich leidenschaftlich für Städte, die einst große kosmopolitische Metropolen waren. Gleich bei meiner ersten Reise nach Izmir hat es mich gepackt – es ist eine schöne ägäische Stadt mit einer faszinierenden Geschichte! Es traf sich gut, dass der große Brand, bei dem Smyrna fast völlig niedergebrannt und entvölkert wurde, jetzt genau 100 Jahre her ist. Ein guter Anlass, um das legendäre Smyrna zumindest erzählerisch wieder auferstehen zu lassen.

 

Was machte Smyrna vor dem großen Brand von 1922 vor allem aus?

Smyrna war eine blühende und weltoffene Metropole, die größte Hafenstadt des Osmanischen Reichs und des östlichen Mittelmeers. Sie war extrem multiethnisch: Griechen, Türken, Armenier, Juden, Europäer, Levantiner und Amerikaner lebten hier zusammen. Man kann bei Smyrna sogar von der ersten Global City im modernen Sinne sprechen, in der sich Kulturen und Identitäten vermischten, vergleichbar mit dem heutigen London oder New York.

Sie schreiben auch über die Folgen, die Smyrnas Untergang für Europa hatte. Welche waren das?

Nach der gewaltsamen Zerstörung der Stadt 1922 vereinbarten die Türkei und Griechenland einen Bevölkerungsaustausch, bei dem Millionen Christen und Muslime aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Diese staatlich organisierte Zwangsumsiedlung galt als Erfolg und diente als Vorbild für alle ethnischen Säuberungen und Deportationen im Europa des 20. Jahrhunderts. Smyrna war eine der ersten multiethnischen Städte, die national flurbereinigt wurden, gefolgt von europäischen Städten wie Triest, Lemberg, Prag, Odessa oder Breslau.

 

Warum sollte man sich mit der Geschichte von Smyrna gerade jetzt befassen? Sehen Sie aktuelle Parallelen zu den damaligen Ereignissen?

Mein Buch ist nicht nur ein erzählerisches Geschichtsbuch, sondern zugleich ein politisches Reisebuch, das auch von meinen Begegnungen im heutigen Izmir und auf den vorgelagerten griechischen Inseln erzählt. Dort spielt sich weiterhin, wie nach dem Brand von Smyrna 1922, eine große Flüchtlingskrise ab. Zugleich werden multiethnische Städte wie Smyrna heute wie damals von wiedererstarkten Nationalisten bedroht, die vermeintliche Fremde vertreiben wollen. Diese Geschichte darf sich nicht wiederholen.

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