01. Sep 2022

On Nomoto, Enkel von Seishi Yokomizo, über den »Meister teuflischer Wendungen«

Seishi Yokomizo (1902-1981) gilt als der beliebteste Autor von klassischen Kriminalromanen in Japan. Allein seine Serie um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi umfasst 77 Bände. Der erste Band dieser Reihe, »Die rätselhaften Honjin-Morde«, erscheint nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Im Gespräch mit On Nomoto, dem Enkel von Seishi Yokomizo, geht es um Erinnerungen an seinen berühmten Großvater und dessen schriftstellerisches Schaffen.

Wie bekannt ist Ihr Großvater in Japan?

Mein Großvater verstarb am 28. Dezember 1981, also vor mehr als vierzig Jahren. Glücklicherweise wurden seine wichtigsten Bücher im Laufe der Jahre immer wieder neu verfilmt und viele Menschen erfreuen sich noch immer an ihnen.

Die meisten Bücher der Kindaichi-Reihe wurden zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den frühen Sechzigern geschrieben. Als der Krieg zu Ende war, rief mein Großvater tatsächlich: »Endlich ist meine Zeit gekommen«, denn es bedeutete auch das Ende der strengen staatlichen Zensur von Kriminalromanen. In seiner arbeitsreichsten Zeit schrieb er mehr als zwei Geschichten gleichzeitig für verschiedene Zeitschriften. Allerdings ließ der Trend zum Realismus auf dem Krimimarkt ab den späten 1950er Jahren seine Liebe zu Krimis mit Privatdetektiven schwinden. Einer der beliebtesten Kindaichi-Krimis, »Maskerade«, wurde 1974 veröffentlicht, obwohl er eigentlich 1962 geschrieben worden war. Nach 1962 griff er erst in den frühen siebziger Jahren wieder zur Feder.

Anfang der 1970er Jahre brachte jedoch der Kadokawa Verlag die Kindaichi-Reihe mit einer neuen Kampagne für die Taschenbuchausgaben wieder auf den Markt. Mein Großvater erhielt vom Kaiser von Japan einen Orden namens Zui Ho Sho (Orden des Heiligen Schatzes). Er zögerte zunächst, ihn anzunehmen, da er nicht schrieb, um Orden zu erhalten. Aber schließlich änderte er seine Meinung und nahm die Auszeichnung an, weil er der Meinung war, dass sie für die Leserinnen und Leser seiner Bücher und nicht für ihn selbst bestimmt war.

 

Seishi Yokomizo

Welche Erinnerungen an Ihren Großvater sind Ihnen noch besonders präsent?

Er ist gestorben, als ich zehn Jahre alt war, daher habe ich noch viele deutliche Erinnerungen an ihn.

Wenn wir bei ihm zu Hause waren, saß ich zum Frühstück, Mittag- und Abendessen immer neben ihm. Sein Platz war auf der linken Seite der Sofabank an unserem Esstisch. Wenn ich neben ihm saß, fühlte ich mich meiner älteren Schwester und meinen Cousins und Cousinen gegenüber irgendwie überlegen. Heute denke ich, dass ich mich getäuscht habe; in Wahrheit bin ich der jüngste seiner Enkelinnen und Enkel, und ich bin sicher, dass meine Schwester und alle meine Cousinen und Cousins diesen Platz neben ihm bereits vor mir eingenommen hatten.

Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist das Klappern seiner Teetasse auf der Untertasse und das schleifende Geräusch von Hausschuhen oder Sandalen. Wenn wir zu Besuch waren, durften wir normalerweise sein Büro nicht betreten, weil wir ihn hätten ablenken können. Wir mussten entweder im Wohnzimmer oder im Esszimmer auf ihn warten. Das Geräusch seiner Hausschuhe und der klappernden Teetasse aus dem sehr langen, schmalen, dunklen Flur war das Zeichen, dass er bereit war, uns zu sehen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie glauben, Ihr Großvater habe die Figur des Detektiv Kosuke Kindaichi nach seinem Vorbild erschaffen. Glauben Sie, dass Sie einige dieser Kindaichi-Eigenschaften geerbt haben?

Wie Sie vielleicht wissen, hielt Kindaichi sich in den USA auf, bevor er den Fall der Honjin-Morde aufklärte. Nun leben wir schon mehr als zwanzig Jahre in den Vereinigten Staaten. Für mich ist das ein echter Zufall! Als mein Großvater jung war, hat er sehr viele amerikanische, englische und sogar australische Krimis gelesen. Ich war immer erstaunt über seinen weiten Blick auf unsere Welt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, als Informationen über andere Länder noch nicht in der Form verfügbar waren, wie sie es heute sind.

 

Was macht die Bücher Ihres Großvaters bei Krimifans in Japan und im Ausland so beliebt?

In Krimis, insbesondere in Kriminalromanen, geht es um extreme Situationen, denen Menschen ausgesetzt sind. Die Art und Weise, wie Mörder denken und handeln, offenbart ihren Hintergrund und ihre Lebenserfahrung – einschließlich ihrer Kultur und Bräuche. Ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser – mich natürlich eingeschlossen – durch diese Geschichten unsere nationalen Grenzen überschreiten können, egal wo man ist oder wo man aufgewachsen ist, um eine andere Seite der Welt zu erleben und zu verstehen.

 

Was würden Sie denjenigen Krimifans sagen, die noch keinen Roman Ihres Großvaters gelesen haben?

Mein Großvater ist ein Autor klassischer Kriminalromane. Früher war er als »Meister teuflischer Wendungen« bekannt, der immer dachte: »noch ein Kniff, noch ein Dreh, noch eine List«. Ich hoffe, dass neue Leserinnen und Leser an seinen Werken Gefallen finden. Bemerkenswerterweise hat er nie vergessen, auch die Gedankengänge der Mörder zu beschreiben. Natürlich ist das manchmal gruselig und sogar grotesk, aber viele Fans in Japan sagen, dass es immer eine Art Erlösung gibt.

Mein Großvater bezog stets einen Aspekt der japanischen Geschichte oder Kultur mit ein, um seinen Geschichten eine besondere Atmosphäre zu verleihen. »Die rätselhaften Honjin-Morde« zum Beispiel handeln von einer privilegierten Familie, die es zulässt, dass der Adel ihr in Edo (Tokio) im Wege steht. Die japanische Gesellschaft befand sich seit der Meiji-Restauration in einem drastischen Wandel. Eines der Opfer im Roman, Akiko, die aus einer Bauernfamilie stammte, aber eine hervorragende Ausbildung zur Lehrerin erhielt, symbolisiert diese Tatsache. Ein anderer Protagonist, Kenzo, steht für diejenigen, die versuchen, die neue japanische Gesellschaft zu akzeptieren, aber immer noch in den alten Strukturen des japanischen Feudalismus verhaftet sind.

 

Das Interview erschien zuerst anlässlich der englischen Übersetzung von Seishi Yokomizos Werken bei Pushkin Press. Hier ist es mit freundlicher Genehmigung von Pushkin Press in leicht gekürzter Form abgedruckt.