07. Okt. 2022

Unterdrückte Stimmen in der Literatur – und was sie uns über unsere Gesellschaft offenbaren.

Julia Wolf, Schriftstellerin und Übersetzerin, erklärt, warum Tillie Olsens Essayband »Was fehlt«, der am 6. Oktober 2022 erstmals auf Deutsch erscheint, so aktuell ist. Und wir erfahren, was das mit ihrem eigenen Leben als schreibende Mutter zu tun hat. Ein Auszug aus ihrem Vorwort.

»I lost craziness of endurance« – mit dieser lapidaren Feststellung erklärt Tillie Olsen in ihrem bahnbrechenden Essay »Silences« von 1962 ihr eigenes zeitweiliges Verstummen als Autorin. Mitte der dreißiger Jahre hatte sich die 1912 geborene Tochter russisch-jüdischer Einwanderer bereits einen Namen im amerikanischen Literaturbetrieb gemacht und den Vorschuss für einen Roman kassiert, den sie nie zu Ende schrieb. Neben ihrem politischen Engagement in der Kommunistischen Partei und der Arbeiterbewegung sowie den familiären Verpflichtungen (Olsen war damals bereits Mutter einer kleinen Tochter) ließ sie diese erste Chance auf literarischen Ruhm verstreichen. Sie gebar drei weitere Töchter und half unter anderem als Texterin, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. In den frühen fünfziger Jahren hatte sich außerdem das politische Klima in den USA gewandelt, und Olsen und ihr zweiter Mann Jack mussten in der McCarthy-Ära aufgrund ihrer politischen Aktivitäten die Verfolgung durch den Staat fürchten. Anfangs schrieb Olsen noch in den freien Momenten zwischen Lohn- und Sorgearbeit, etwa auf den Busfahrten zur Arbeit, aber irgendwann verließ sie schlichtweg die Kraft.

Ich verlor die Verrücktheit, die die Ausdauer verlangte – auch wenn meine Schreib- und Lebensbedingungen andere sind als die von Tillie Olsen in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hat sich mir dieser Satz eingebrannt. Formuliert er doch genau das, wovor ich Angst habe: Dass ich, wenn die doppelte Belastung durch Sorge- und Lohnarbeit größer wird, womöglich nicht durchhalte als Autorin. Irgendwann keine Kraft mehr für Nachtschichten am Schreibtisch habe oder schlichtweg entscheide, dass der Preis zu hoch ist, und aufhöre zu schreiben.

Olsen nähert sich in ihren Essays dem Leben derer, die zeitweilig oder dauerhaft vom Schreiben abgehalten werden und verstummen – »Leben, die nie zum Schreiben fanden«. Anhand von Tagebucheinträgen, Briefen und literarischen Texten unterschiedlichster Autor:innen stellt sie die Mechanismen des silencing dar, wozu sie auch staatliche Repressionen wie Zensur zählt.

Auf vielen Ebenen ist Olsen hochaktuell. Der wichtigste und überraschendste Punkt scheint mir aber zu sein, dass Olsens Ansatz bereits in den frühen sechziger Jahren intersektional war. Stets hat sie die verschiedenen Diskriminierungskategorien wie Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung und soziale Klasse zusammengedacht. Nicht zuletzt kommt Olsens Essay das große Verdienst zu, über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Autor:innen inspiriert zu haben, die Bedingungen ihres Schaffens und ihren Kampf um Sichtbarkeit nicht als bloßes Ergebnis ihrer individuellen Lebensbedingungen zu sehen, sondern beides im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu begreifen.

Mit ihren Essays hat Tillie Olsen zu einer neuen Art des Schreibens gefunden. Hätte sie mit dem großen Roman, den sie immer schreiben wollte, genauso viele Menschen empowern und inspirieren können, wie sie es mit ihren Erzählungen und Essays getan hat? Die Antwort auf diese Frage muss Spekulation bleiben. Fest steht, dass Tillie Olsen uns mit ihren Essays eine Vision von einem literarischen Miteinander geschenkt hat, von einem Raum, in dem alle Stimmen gehört werden.

Was fehlt
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Was fehlt

Unterdrückte Stimmen in der Literatur
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»Tillie Olsens Erzählungen haben mich stark beeinflusst – ihr bahnbrechender Essay über die unterdrückten Stimmen in der Literatur hat mir die Augen geöffnet. Ich las ihn, als ich in den frühen 1970ern in Cambridge lebte, meine kleine Tochter allein aufzog und gerade um mein eigenes Schreiben kämpfte.« (Alice Walker, Autorin von »Die Farbe Lila«)

Tillie Olsens Essayband hat eine ganze Genration verändert. Jetzt erscheint er erstmals auf Deutsch – mit einem Vorwort von Julia Wolf. Aus dem Amerikanischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser.

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