05. Apr. 2022

Goliarda Sapienza: Hymnen an die Freiheit

Goliarda Sapienza war eine außergewöhnliche und leidenschaftliche Frau, Widerstandskämpferin, Schauspielerin, Schriftstellerin. Sie hinterlässt zahlreiche Texte, die voller Lebenshunger und Freiheitsliebe stecken. International ist sie längst erfolgreich – nun liegt ihr Werk erstmals auf Deutsch vor. Im April erscheinen zwei Bücher von Goliarda Sapienza, die uns in die Innenwelt von starken Frauen mitnehmen, die kompromisslos ihren Träumen und Idealen folgen.

Goliarda Sapienza wird 1924 in Catania als Tochter zweier Vorkämpfer der sozialistischen Bewegung in Italien geboren. Die Mutter ist Feministin, die Familie ein Patchwork und so verlebt Goliarda als das geliebte jüngste Kind eine behütete Kindheit. Mit 16 Jahren geht sie nach Rom an die Schauspielschule und wird, wie schon ihre Eltern, von den Faschisten verfolgt und kämpft im Widerstand. Nach dem Krieg wird sie als Theaterschauspielerin gefeiert und spielt in Filmen wie Luchino Viscontis »Senso« mit. Zwanzig Jahre lang ist sie mit dem Regisseur Francesco Maselli liiert und avanciert zu einer wichtigen intellektuellen Figur der römischen Nachkriegsgesellschaft.

 

1950 beginnt sie, zunächst Gedichte zu schreiben, ab Ende der fünfziger Jahre erkrankt sie an schweren Depressionen. Sie begibt sich in Psychotherapie, doch das Schreiben wird immer zentraler in ihrem Leben. Nach zwei missglückten Selbstmordversuchen und dem Ende der Beziehung zu Maselli, zieht sich Sapienza immer weiter aus der römischen Gesellschaft zurück. Neun Jahre lang arbeitet sie an ihrem großen Roman »Die Kunst der Freude«, isoliert sich immer weiter und verarmt zunehmend. Als der Roman schließlich fertig ist, will kein Verlag in Italien ihn verlegen - zu lang, zu unkonventionell, ein Skandal. Sapienza schreibt kompromisslos weiter, unbeachtet und vergessen, ist zu keinen Zugeständnissen bereit und versetzt dabei Bilder, Möbel und Schmuck. Schließlich begeht sie sogar einen Diebstahl und wird 1980 für einige Monate inhaftiert. Über die Zeit im Gefängnis schreibt sie später in »Tage in Rebibbia«.

 

Nun liegen »Die Kunst der Freude« und »Tage in Rebibbia« erstmals in deutscher Übersetzung vor. Sie werden von einem Vorwort jeweils von Antonia Baum und Maria-Christina Piwowarski eingeleitet.

Das Jahrhundert auslachen: Goliarda Sapienzas Superheldin Modesta

Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Perspektive einer außergewöhnlichen Frau: Modesta ist eine Sizilianerin, die nach Leben dürstet und für ihre Unabhängigkeit kämpft. Sie erlebt das zwanzigste Jahrhundert auf der Suche nach persönlichem Glück und Erfüllung - gegen alle Widerstände. Als großzügige Freundin, liebende Mutter und leidenschaftliche Liebhaberin begegnet sie dem Leben mit der inneren Größe, die den Heldinnen und Helden der Weltliteratur eigen ist.

 

Aus dem Vorwort von Antonia Baum, Autorin und Journalistin:

»Denn sich mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen aus­zukennen, in der Lage zu sein, sie zu unterscheiden von den Wünschen und Bedürfnissen der anderen, ist die Bedingung da­für, dass man sie ernst nimmt und sich erlaubt, etwas zu wollen. Hier so hingeschrieben klingt das nicht besonders kompliziert, es klingt banal. Dabei stimmt natürlich das Gegenteil, wer über sich Bescheid weiß, weiß viel, und "Die Kunst der Freude" ist das Dokument jener Suchbewegungen, die einem solchen Wissen immer zugrunde liegen - eine Art Bildungsroman, in dessen Zentrum Modestas Suche steht.«

 

Freiheit und Frausein: Goliarda Sapienzas Gefängnistagebuch

Schonungslos offen beschreibt Goliarda Sapienza ihre Monate im Frauengefängnis Rebibbia, die Begegnung mit den anderen Frauen, sie entdeckt, was Solidarität und Freundschaft bedeutet, Wärme und die Freiheit, die in einem geschlossenen Raum entstehen kann.

 

Aus dem Vorwort von Maria-Christina Piwowarski, Buchhändlerin und Literaturvermittlerin:

»Die Arbeit an ihrem Jahrhundertroman, „Die Kunst der Freude“, kostete sie alles: Goliarda Sapienza gab Engagements, Aufträge und Freundschaften auf, um sich ganz und gar ihrem Schreiben widmen zu können. Dieses Schreiben war keine Option, es war ein Bedürfnis, es war ein alles bestimmender Drang, es war Goliarda Sapienzas Bestimmung, diesen großen Roman zu schreiben, eine Bestimmung, der sie alles unterordnete. Doch kein italienischer Verlag wollte ihn veröffentlichen: zu unkonven­tionell, ja geradezu skandalös, und mit über 700 Seiten natürlich viel zu umfangreich - für eine Frau selbstverständlich nur. Völlig verarmt sah Goliarda Sapienza keine andere Möglichkeit, als einer Bekannten Schmuck zu stehlen, um sich irgendwie über Wasser zu halten und weiter schreiben zu können, denn das war nach wie vor alles, was sie wollte, das war es, was sie tun musste. 1980 wurde sie für den Diebstahl zu einigen Monaten Haft im römischen Frauengefängnis Rebibbia verurteilt. Wie ganz und gar durchdrungen ihr Sein vom Schreiben war, sieht man nun auch an dem hier vorliegenden Buch, denn aus dieser wieder einmal sehr ungewöhnlichen Erfahrung macht Goliarda Sapienza eine literarische Beobachtung, die, in der wunderbaren Über­setzung von Verena von Koskull und Constanze Neumann einer der außergewöhnlichsten Texte geworden ist, die ich je lesen durfte.«

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