SHero Stories zum Weltfrauentag: Wir feiern Heldinnen aus der Literatur
An diesem Weltfrauentag feiern wir weibliche Figuren aus Romanen – Heldinnen, die für die vielen verschiedenen Wege stehen, die Frauen sich erkämpfen: Ob in der Verweigerung, im Widerstand oder im Ringen mit sich selbst. Sei es im Kampf um Freiheit, um den eigenen Körper, um Liebe, um ein selbstbestimmtes Leben. Wir alle können uns in diesen Kämpfen wiedererkennen, den großen und kleinen. In diesen Büchern begegnen wir Heldinnen in Ausnahmesituationen und Heldinnen des Alltags, und sie alle zeigen uns Wege auf, zu uns und zu anderen Frauen zu stehen, zusammenzuhalten.
Um uns nur Dunkelheit
Roman
Überlebensheldinnen: Sechs Schwarze Frauen trotzen der Entmenschlichung.
Serah, Junie, Patience, Alice, Lulu und Nan sind sechs versklavte Frauen 1852 in Texas, kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Zu dieser Zeit gelten Schwarze Frauen kaum als richtige Menschen, als »nicht vergewaltigungsfähig« etwa, da, um überhaupt vergewaltigt werden zu können, ein Bewusstsein und eine Menschlichkeit nötig wären, die ihnen fehle – so die damals geltende Meinung. Sexuelle und physische Gewalt sind für sie allgegenwärtig, von weißen Männern, aber auch durch versklavte Schwarze Männer. Peyton erspart uns diese Gewalt im Roman, erzählt sie nicht aus, selbst wenn die Frauen wie Zuchtvieh behandelt werden, die neue Sklaven gebären sollen – eine völlig normale Einstellung zu der Zeit. Statt diese Gewalt ins Zentrum zu stellen, schreibt Peyton über den Widerstand dieser mutigen Frauen, die sich durch kleine Handlungen wehren, die sich ihre Stimmen versuchen zu bewahren und alles tun, um nicht schwanger zu werden. Unter grausamsten Umständen entsteht durch den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Frauen etwas Hoffnung in finstersten Zeiten. Wahre Heldinnen sind diese Schwarzen Frauen, die gegen alle Widrigkeiten um ihre Menschlichkeit kämpfen. Ein bewegendes Mahnmal Schwarzer Geschichte.
Mit beiden Händen den Himmel stützen
Roman
Selbstermächtigt: Lale lernt, sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Lale wächst in den 80er Jahren in einer Berliner Männer-WG auf. Die Männer, die zwischen Partys und Politisieren schwanken, übertreten Lales Grenzen immer wieder. Lale wünscht sich einfach nur ein liebevolles Umfeld und etwas Sicherheit, aber Halt findet sie nur in ein paar wenigen Freundschaften und in der Kunst. Nicht nur Lale wird von den Männern nicht ganz ernst genommen, auch die ständig wechselnden Frauenbekanntschaften in der WG werden mit jeder Menge Zynismus und Chauvinismus behandelt. Und wenn sich eine Frau dagegen auflehnt, wird sie als Verrückte oder Spießerin abgetan. Erschreckend, von diesen Zuständen zu lesen, wo selbst in der linken Szene, die sich Gleichheit und Solidarität auf die Fahnen schreibt, das Patriachat herrscht, und wie dies sich auf ein junges Mädchen und ihren Körper auswirkt. Lale muss ihren eigenen Weg finden zwischen all diesen Widersprüchen, und auch wenn sie dabei strauchelt, wird sie zu einer Frau werden, die zu sich stehen lernt. Ein zutiefst feministischer Roman mit einer wahren Heldin in Lale, die den Mut aufbringt, um sich selbst und ihre Grenzen zu kämpfen. Und es zeigt sich: Das Private ist höchst politisch.
Tokyo Girls Club
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Roman
Gegen-den-Strich-Lebende: Zwei Lebensentwürfe – jenseits von Erwartungen, für sich selbst.
Shoko und Eriko zwei sehr verschiedene Romanprotagonistinnen. Shoko ist eine verheiratete Hausfrau und betreibt einen Lifestyleblog, in dem sie von ihrem hausfrauenuntypischen Alltag erzählt, von ihrer Vorliebe zu Fastfood und wie sie einer Katze gleich in den Tag hineinlebt. Von niemandem lässt sie sich einreden, dass man einen bezahlten Job für ein vollständiges Leben braucht oder Kinder oder einen tadellosen Haushalt. Eriko dagegen hat ihr ganzes Leben auf ihr berufliches Vorankommen ausgerichtet, deshalb lebt sie auch mit 30 noch bei ihren Eltern. Ihr Privatleben hat sie ebenfalls der Ordnung und Produktivität unterworfen. Dennoch bekommt sie nie die Anerkennung, die sie verdient hätte. Beide Frauen suchen nach einem Lebensentwurf, der ihnen Erfüllung bringt, und müssen immer wieder feststellen wie frustrierend das innerhalb der engen Normen und Rollenvorstellungen unserer Gesellschaft ist. Und beide entscheiden sich dafür, ihre berechtigten Sehnsüchte nicht länger hinunterzuschlucken. Sie wollen authentisch sie selbst sein können – um jeden Preis. Dieser Kampf um einen Platz in der Welt, ohne dabei die Heilige-Hure-Anforderung des Patriarchats zu bedienen und alles nett und verständnisvoll wegzulächeln, ist der Kampf von wahren Heldinnen - auch wenn das die beiden in einen Strudel der Orientierungslosigkeit reißt.
Half His Age
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Roman
Feminist Anti-Lolita: Waldo dreht den Spieß um.
Waldo ist siebzehn und wächst in einem Trailerpark in Anchorage, Alaska auf – und verliebt sich in ihren doppelt so alten Creative-Writing-Lehrer Mr. Korgy. Und wer hat sie nicht erlebt als Frau, diese erste Liebe oder Verliebtheit zu einem älteren, reiferen Mann, den man bewundert? Über das Ausnutzen dieser ersten Anfänge weiblicher Sexualität durch Männer wurde schon viel geschrieben – aber McCurdys Hauptfigur Waldo entzieht sich einer schlichten Viktimisierung. Waldo weiß, was sie will, und setzt alles daran, es zu bekommen, setzt ihre Sexualität selbstbewusst als Waffe ein; und selbst als sie auf Kapitalismus-Versprechen und Rettungserzählungen von Frauen durch Männer hereinfällt, ist es ihre sarkastische, bissige, unfassbar clevere und wahnsinnig lustige Erzählstimme, die diese Muster wiederum entlarvt. Waldo ist, trotz und gerade durch ihre Fehler und ihre so verständliche Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung, danach, endlich gesehen zu werden, die Heldin ihrer eigenen Geschichte, die sich als ein feministisches re-telling von Lolita lesen lässt. In dem diese Anti-Lolita endlich eine zynisch-clever-verletzliche Stimme bekommt und die eigene Story fest in Händen hält, und in dem sie sich schließlich selbst befreit von der Abhängigkeit zu einem Mann, der ihr letztlich nichts zu bieten hat.
Bis ans Meer
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Roman
Stille Heldin: Frieda lebt vor, was Überleben heißt – und was es kostet.
Frieda steht für die Stillen Heldinnen, deren Taten nie gefeiert wurden, obwohl nur durch sie das Leben in Deutschland nach einer Zeit der Finsternis weitergehen konnte. Ihr fast übermenschlicher Einsatz war allerdings nicht freiwillig. Frieda liebt das Musikmachen, Schlittschuhlaufen und ihre Familie, als sie im Januar 1945 über Nacht bei minus 30 Grad mit der kleinen Tochter aus Schlesien flüchten muss. Mann und Sohn sind an der Front. Doch sie wollen sich wiederfinden. Ein Versprechen, das sie fast alles kostet. Die junge Frau wird, wie Millionen anderer Mütter und Großmütter, in die schwerste aller Prüfungen hineingeworfen: Bomben, Hunger, Flucht und Vertreibung. Körperliche Gewalt. Die Familie zerrissen. Das Zuhause verloren. Zukunft ungewiss. Getrieben vom Wunsch, dass die Kinder überleben – auch wenn man selbst den höchsten Preis bezahlt. Und dann, nach Ankunft in der Fremde: nicht klagen, nichts fordern. Weitermachen. Das Land wieder mit aufbauen und ein neues Auskommen für die Familie sichern. Wenn die Definition von Heldinnen »Mut, Selbstlosigkeit und Einsatz für andere bei der Überwindung eines großen Hindernisses« bedeutet, dann gehören Frauen wie Frieda unbedingt dazu. Mit einer kraftvollen Botschaft über Stärke und menschlichen Zusammenhalt in Krisen, die man nicht laut genug weitertragen kann.
Zum Weltfrauentag: Wir feiern unsere Autorinnen und ihren Kampf um Selbstbestimmung
Was verbindet Tove Ditlevsen und Brigitte Reimann? Zwei Frauen, die um jeden Preis schreiben wollten und zwei Bücher – »Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will« und »Aber wir schaffen es, verlass Dich drauf!«– , in denen sich Mut, Entschlossenheit und Sehnsucht bis heute erstaunlich nah anfühlen.