Ein Kalender über die immerwährende Schönheit der Natur
Begleitet von den Illustrationen von Andrea Wan und Zitaten aus den jeweiligen Kapiteln folgen wir den Jahreszeiten durch das Buch – und setzen diese Reise nun im Frühjahr fort: April, Mai und Juni stehen im Mittelpunkt.
Ausgehend von ihrer siebenunddreißig Hektar großen Farm in Ohio, die Josephine Johnson und ihr Mann in Wildnis zurücküberführt haben, beobachtet sie Monat für Monat die sich verändernde Landschaft mit der Präzision einer Naturforscherin und der Sprache einer Dichterin. Die Pracht der Landschaft blitzt auf, der unaufhaltsame Zyklus von Wachstum und Vergänglichkeit, es wimmelt von kleinen und großen Lebewesen, die parallel zu den Menschen in und mit der Natur existieren. Es entsteht eine poetische wie lebendige Reflexion, die das Wunder und die Kraft der Natur genauso einfängt wie die Zeichen ihrer Zerstörung, ihre Schönheit und Sterblichkeit ebenso greifbar macht wie die mit ihr verbundene Hoffnung. Ursprünglich 1969 veröffentlicht, hat Josephine Jonson mit diesem Buch eine zeitlose wie brillante Chronik der Jahreszeiten geschaffen.
FRÜHLING
Über den Fluss und in den frühen Frühling. Der Schnee ist fast verschwunden, die Blätter sind braun und nass, manche sogar trocken, beweglich. Ein schwerer Moosteppich, ein auf einer Wurzel wachsender Garten, wird von einer schmelzenden Schneewehe gespeist. Winzige Blüten wilden Mauerpfeffers, wie Seerosenblätter, sind im Moos verborgen, und in der Sonne fühlt es sich warm und schwammig an. Wie seltsam und schön dieser kleine tropische Garten!
April
Diese Blumenmeere im Frühling, die Jahr um Jahr am selben Ort entstehen, sind eine wiederkehrende Freude, die nie versagt. Eine der Freuden, die einem vergönnt sind, wenn man jahrelang am selben Ort lebt. Büschel von Blumen auf haarigen Stängeln haben den Hang erobert. Die Blütenblätter lavendelfarben, weiß, rosa und violett und manchmal ein seltenes helles Blau. Derselbe Flecken Erde, mit Moos, Schneckenhäusern, Farnen, Eichenblättern übersät, produziert diesen blassen Regenbogen. (...) Diese Blumenmeere im Frühling, die Jahr um Jahr am selben Ort entstehen, sind eine wiederkehrende Freude, die nie versagt. Eine der Freuden, die einem vergönnt sind, wenn man jahrelang am selben Ort lebt.
Mai
Mitte Mai ungefähr beginnen die Waschbären in der Abenddämmerung zum Haus zu kommen. (Der erste war vorsichtig und klein dieses Jahr. Er wirkte steif, wie von einer alten Wunde.) Die lose, sackartige Gestalt eines Waschbären scheint die Form zu verändern wie eine haarige Amöbe. Durch ihn fließen andere Tiere, als borgten sie sich für einen Moment diesen geräumigen grauen Mantel, setzten die schwarze Maske auf. Schwein, Katze und Fuchs sind dort, Weißrüsselnasenbär – mitunter sogar der Grizzly. Dem Waldmurmeltier ähnelt er, dem Grauhörnchen bisweilen, aber nie dem Opossum.
Juni
Die Essenz des Juni ist der blühende wilde Wein, ist das Geißblatt und sind die Gänseblümchen. Und dieses Jahr nehme ich zum ersten Mal den starken, moschussüßen Duft des Götterbaums wahr. Jenes Baums, der überall wächst wie Gras, egal wo, und selbst wenn er es wollte, nicht aussterben könnte. Die weißen und purpurnen Bartfäden blühen, eine Stille ist in der Luft, die Hitze beginnt, und die Kuckucke rufen.
WINTER
Das Sonnenlicht fällt mir wie ein goldener Pullover auf die Schultern. Es trocknet den kühlen Schlamm. Es spiegelt sich in den glänzenden Knopfaugen der Meise. Es ist eine freie, absichtslose Segnung der Winterwelt. Die trockenen Hülsen der Weinreben bewegen sich in der Brise mit einer leisen Musik, nicht mit winterlichem Klirren. Was für ein Intervall ist das? Was für ein seltsamer Hohlraum, gleichbedeutend mit Glück? Das Herz ist ein warmer, summender Hohlraum. Ich lebe. Ich bin.
Januar
»Doch jetzt bringt die extreme Kälte ihr wahres, angemessenes Geschenk – die Beschränkung. Zieh dich in ein Zimmer zurück. Setz deine Lesebrille auf. Wie staunenswert die einzelnen Maschen eines Stoffs! Wundervoll die kristalline Struktur einer Honigwabe im Glas. Betrachte die klaren geriffelten Kliffs zerbrochener Gelatine, die gelben Eisschollen, kaum je zuvor gesehene topasene Zersplitterung. Schau in die hellroten Augen der aus reifenden Bananen geborenen Fruchtfliegen. Begutachte den Staub in den Schrammen des Tisches, die groben goldenen Poren von Zitronen, die wolkigen Muster kalten Kaffees am Boden weißer Tassen. Eine Welt, die sich hier offenbart.«
Februar
»Ich sitze am Fluss, ein brauner, buckliger Fels, und wir sinnieren in der Stille, im Schnee. Den kühl dahingleitenden Fluss zwischen uns, die Welt jenseits der Hügel gibt es nicht. Nur diese weiße Klamm, diese Spuren wilder Pfoten im Schnee. Der Gedanke, dass all dieses unbekannte kreatürliche Leben hier wieder und wieder vorbeikommt, erzeugt ein seltsam traumgleiches Gefühl der Verzauberung. Es ist der Keim von Märchen, die Suche nach verlorenen Tälern. Zeitlose Inseln in der Welt der Zeit. Entweder sollte ich nie mehr fortgehen oder nicht mehr zurückkehren.«
März
»Im Haus öffnen sich die zarten, kalten Forsythienblüten. Ein Triumph. Ein Erfolg. Ein Gefühl, als gehöre man endlich zu den großen Gärtnern. Sie sind nicht vermodert, nicht erschlafft, haben nicht gewartet, bis ihre Brüder draußen in voller Blüte stehen. Ich betrachte diese frostigen Finger wieder mit Ehrfurcht.«
HERBST
»Erster Tag der vielen Schichten. Jetzt also wieder Wollsocken, Schal und Stiefel. Aber angenehm auf der Weide, in der Sonne. Braune Grashüpfer kamen durch die Blätter, machten viel Lärm dabei. Die silbernen Schnaken tanzten im silbernen Unkraut auf und ab.
Mein Kopf fing an zu hüpfen, auf und ab wie ein Ball. (Das Verkettungsgeheimnis des Lebens, dieses unsichtbare Netz, durchdringend und verbindend. Rhythmus. Sehr merkwürdig.)«
Oktober
»Jetzt ist die Zeit der Herbstbrauntöne. Die stacheligen Kastanien bersten und platzen auf. Leuchtende Nüsse, leuchtenden Rehaugen gleich. Wie glänzende Edelsteine fallen sie zwischen die glänzenden Blätter. Hellbraun, blattbraun, wachtel-, murmeltier-, streifenhörnchenbraun.«
November
»Klare Regentropfen hängen an allen Zweigen. Ein zartes Schweben an den jungen Buchenästen. Nichts ist so schön wie ein klarer, sauberer Tropfen Wasser.«
Dezember
»Die sinnende, stille, eingeschlossene weiße Welt aus Schnee, reglos, abgesehen von den Vögeln, den grauen Winterammern und den Zaunkönigen, ein zeitloser Moment, wie eine immense Perle, ein Augenblick der Stille vor der Sonne und dem Tausend-Diamanten-Glitzern und dem regenbogenfarbenen Klang des Lichts.«
Mehr Nature Writing bei den Aufbau Verlagen
Es sind zärtliche, imaginative Texte, in denen die Sprache zu einem besonderen Resonanzraum für Natur wird; sie bewegen sich zwischen Essay, Sachbuch und Prosa, und muten bisweilen so poetisch an wie Lyrik. Nature Writing ist nicht nur ein weiteres Genre – es unternimmt den Versuch, der Natur einen Platz jenseits unserer Verwertungsinteressen einzuräumen. Großartige Bücher der Aufbau Verlage tragen dazu bei.