07. Nov. 2023

Drei Schwestern, die Natur und die Ausdruckskraft einer wiederentdeckten Autorin

Porträtfoto Josephine W. Johnson
»Geradezu modern« findet Bettina Abarbanell, wie Josephine Johnson in ihrem Roman »Die November-Schwestern« die Schicksale dreier ungleicher Schwestern entfaltet. Eine weitere Hauptfigur ist die Natur. Die Übersetzerin über die Wiederentdeckung einer sprachmächtigen Autorin.

Mit gerade einmal 24 Jahren erhielt Josephine Johnson für ihr Debüt (1934) den Pulitzer-Preis, jetzt liegt der Roman in einer meisterhaften Neuübersetzung vor. Die Autorin öffnet uns die Augen dafür, wie die Benachteiligten in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und was es braucht, damit sie ihr Leben schließlich selbst in die Hand nehmen können. Ein weiblicher Gegenentwurf zu John Williamsʼ Roman »Stoner«.

 

Josephine Johnsons Sound ist ein sehr besonderer, ihre Prosa dicht, fast lyrisch. Was waren die besonderen Herausforderungen für Sie als Übersetzerin?

Die November-Schwestern
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Der Ton ihres Schreibens ist tatsächlich sehr ungewöhnlich – und ungewöhnlich schön. Es passiert ja viel Existenzielles, Aufregendes in diesem Buch, und trotzdem ist es von einer großen Ruhe geprägt. Ich musste sehr genau hinhören, mich in den Text hineinfühlen, um die besondere Atmosphäre der Einsamkeit und Stille, des Wechsels zwischen Verzweiflung und Hoffnung, die Josephine Johnson sprachlich ganz wunderbar gestaltet, auch im Deutschen herzustellen. Das hat viel mit dem Rhythmus ihrer Sätze zu tun, auch mit dem Klang einzelner Wörter, und kommt in vielen Passagen der Lyrik sehr nahe. Nicht zu vergessen die Dialoge, für die es eine Form zu finden galt, die weder altbacken noch zu heutig daherkommt – wie immer, wenn man Literatur aus einer anderen Zeit übersetzt.

 

Welche Rolle spielt die Natur für die Geschichte?

Die Natur ist für mein Gefühl so etwas wie eine weitere Hauptfigur des Romans. Sie spielt eine sehr große Rolle in der Geschichte, beeinflusst und motiviert die drei Schwestern, ihre Eltern und die anderen Figuren in ihrem Denken, Empfinden und Handeln und spiegelt es zugleich wider. Josephine Johnson gelingt es meisterhaft, sie in Szene zu setzen, es gibt großartige, unvergessliche Beschreibungen sowohl der ländlichen Gegend der USA, in der der Roman spielt, als auch der extremen Wetterphänomene – insbesondere der Dürre –, von denen sie heimgesucht wird. 

 

Was erzählen uns die Schicksale der drei ungleichen Schwestern Marget, Kerrin und Merle heute noch?

Geradezu modern mutet die enorm vielschichtige Darstellung der drei Schwestern an – alle unter den gleichen Umständen geboren und aufgewachsen, sind sie doch in Wesen und Gemüt ganz verschieden und gehen mit den Herausforderungen, vor die sie das harte Leben auf dem Land stellt, alle grundverschieden um. Und doch gleichen sich ihre Gefühle, hoffen sie alle drei – die eine still, die andere aufmüpfig, die dritte zunehmend wahnsinnig – auf ein besseres, einfacheres Leben, auf Freundschaft und vor allem auf Liebe.

Bettina Abarbanell, Literaturübersetzerin, lebt in Potsdam. Sie übertrug moderne Klassiker, darunter die Werke von F. Scott Fitzgerald und Elizabeth Taylor, aber auch zeitgenössische Bestseller wie die von Jonathan Franzen und Rebecca Makkai. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Porträtfoto Josephine W. Johnson
Autor:in

Josephine W.

Josephine W. Johnson (1910–1990) erhielt mit gerade einmal 24 Jahren den Pulitzer-Preis für ihren Debütroman »Die November-Schwestern«. Aktuell wird sie weltweit neu entdeckt – dank ihres einzigartigen Sounds und der Themen, die ihr Werk auch für uns verblüffend zeitgemäß erscheinen lassen. Sie war Feministin und Umweltschützerin, ohne darauf bestehen zu müssen – geprägt durch eine Welt, für die sie uns die Augen öffnet, mit ihrem einzigartigen lyrischen Ton, der präzise und nuanciert, traumhaft und hellsichtig zugleich ist. 

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