24. März 2022

»Er sieht, was ich fühle« Katja Eichinger über die Bilder des Fotografen Christian Werner

Am 11. April erscheint Katja Eichingers neues Buch »Liebe und andere Neurosen« mit zehn furiosen Essays. Es geht um Begehren, Lust und Leidenschaft, und um das Wechselspiel von Verlangen und Verunsicherung, wenn wir uns verlieben. Es ist ein radikal vergnügliches Buch, in dem Katja Eichinger auch sehr persönlich von Begegnungen erzählt, in denen sich ihr das Wesen der Liebe offenbarte. Die Bilder, die im Buch enthalten sind, stammen von dem Berliner Fotografen Christian Werner. Hier erzählt Katja Eichinger, warum sie so gern mit ihm zusammenarbeitet und seinen Blick auf die Welt liebt.

Christian Werner ist, neben meiner Lektorin Friederike Schilbach, mein erster Leser. Wenn ich ein Kapitel fertig geschrieben habe, schicke ich es ihm. Meistens reden wir auch, bevor ich mit einem neuen Kapitel anfange. Das ist so ein ständiger Dialog, bei dem er mir natürlich auch seine eigenen Erfahrungen berichtet. Ich habe ihm aber versprechen müssen, dass von seinen Geschichten keine im Buch auftaucht! 

Einige der Fotos in meinem Buch »Liebe und andere Neurosen« stammen aus Christians Archiv. Sein Markenzeichen ist eine ganz spezielle Mischung aus Melancholie, Absurdität und einem Blick fürs menschliche Detail, die ich ganz großartig finde. Außerdem haben wir einen ähnlichen Sinn für Humor und einen fast identischen Musikgeschmack. Das ist wohl die beste Grundlage für eine Zusammenarbeit. Ich bin jedenfalls immer ganz erleichtert, wenn ihm ein Kapitel gefällt und ihm dazu visuell etwas einfällt.

Andere Fotos, wie zum Beispiel das »Fuck Off«-Herz in der Dusche, sind in München entstanden. Christian war für ein paar Tage auf Foto-Safari nach München gekommen und hat sich in meiner Wohnung umgeschaut. Das würde ich mit keinem anderen Fotografen als Christian machen, weil ich ihm total vertraue. Das Herz in der Dusche war so ein kleines Ritual zwischen meinem Mann und mir. Damit haben wir uns immer gegenseitig zum Lachen gebracht, weil’s so kitschig war. Diese kleine Geste verbinde ich mit einer guten Partnerschaft, auch wenn an manchen Tagen »Fuck Off« im Herz steht.

Mein Lieblingsfoto im Buch ist das Hochzeitsfoto von Christians und meinen gemeinsamen Freunden Maurin und Timo. Aufgenommen im Flur eines Berliner Standesamts. Gerade mit Maurin habe ich während der Entstehung des Buchs einige sehr inspirierende Unterhaltungen geführt, natürlich auch über die Ehe. Vor ein paar Jahren  hatte ich ihr ein weißes Kleid geschenkt, das mir zu klein geworden war. Als sich Maurin und Timo im Winter 2021 kurzfristig entschlossen, standesamtlich zu heiraten, wurde es zu ihrem Hochzeitskleid. Das Verrückte war, dass – ohne dass es Maurin oder Timo bewusst war – sie am gleichen Tag heirateten wie ich. Am 17. Dezember. Zur fast exakt gleichen Uhrzeit. Das war wie eine Fortführung der Zufallskette und magischen Fügungen, über die ich in meinem Buch »Liebe und andere Neurosen« schreibe. Ich freue mich schon darauf herauszufinden, welche Bedeutung wir diesem Zufall geben werden und welche Rolle dieses Foto in unseren Leben spielen wird.

In diesem Foto vom Hochzeitskuss im trostlosen Flur des Standesamts hat Christian auch perfekt das Gefühl eingefangen, das in »Liebe und andere Neurosen« als Grundstimmung mitschwingt: Dass Liebe uns helfen kann, uns über Tristesse und Hoffnungslosigkeit hinwegzusetzen. Ja, mehr noch, dass im Angesicht der Liebe eigentlich alles andere egal ist. 

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