13. Apr. 2022

Wie Putins Krieg die Welt verändert – Rüdiger von Fritsch über sein neues Buch »Zeitenwende«

Rüdiger von Fritsch ist einer der gefragtesten Russland-Experten unserer Zeit. In seinem neuen Buch »Zeitenwende – Putins Krieg und die Folgen« analysiert er scharfsinnig den Krieg in der Ukraine. Hier im Gespräch versucht er, bereits einige Antworten auf die drängenden Fragen zu geben: Was wird mit der Ukraine geschehen? Und wo werden die imperialen Bestrebungen Russlands enden?

Sie haben Ihr Buch geschrieben, während der Krieg noch läuft. Warum bereits jetzt?

Im Wesentlichen aus zwei Überlegungen: Zum einen besteht ein sehr großer Bedarf an Erklärung und Einordnung. Beides versucht das Buch zu leisten: Warum hat Wladimir Putin diesen Krieg begonnen? Wir müssen uns klarmachen: Er handelt nicht irrational, sondern aus einer anderen Rationalität heraus als wir. Und: Sein Handeln beruht auf einer offensichtlich verfehlten Wahrnehmung der Wirklichkeit – des 
Unabhängigkeitswillens und Widerstandsgeistes der Ukrainerinnen und Ukrainer, der tatsächlichen Stärke der ukrainischen Streitkräfte, aber auch der eigenen. Zusammen mit seinen geopolitischen Zielen und einem großrussischen, imperialen Reflex erklärt dies seine Entscheidung, jetzt anzugreifen.

Aber können wir denn jetzt schon über die Folgen des Krieges sprechen?

Ganz gleich, wie dieser Krieg ausgeht, einige Folgen werden sich auf jeden Fall einstellen. Die wichtigste ist: Wladimir Putin hat entschieden, das System der gemeinsam gestalteten Sicherheit, das in Europa seit der zweiten Hälfte des Kalten Krieges den Frieden gewahrt hatte - auch unter Mitwirkung der Sowjetunion und Russlands! –, radikal zu beenden. Dies ist das wichtigste Ergebnis dieses schrecklichen Krieges. Wir müssen uns klar machen, dass wir vor einer Ära neuer Konfrontation stehen. Darauf müssen wir uns, auch in Deutschland, einstellen.

Ist die deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte damit gescheitert?

Sagen wir es so: Wladimir Putin hat nicht nur unsere, sondern die internationale Politik, wie wir sie kennen, an ihre Grenzen geführt. Um ein Bild zu benutzen: Er hat das Schachbrett mitten im Spiel umgeworfen. Damit sind allerdings weder die Regeln des Schachs falsch geworden, noch in der Vergangenheit unternommene Züge unsererseits. Der politische Ansatz, den wir verfolgt haben, bleibt ja gut und richtig: Entschlossene Reaktion, wo gemeinsam verabredete Regeln verletzt sind, bei gleichzeitiger Bereitschaft, bestehende Konflikte im Dialog zu lösen. Aber diesen Dialog hat Wladimir Putin nun abrupt beendet.

Wie kann, wie wird dieser schreckliche Krieg aus Ihrer Sicht enden?

Im Prinzip gibt es vier Szenarien: Einen ukrainischen Sieg, einen russischen Sieg, eine Eskalation Russlands oder ein Patt. Bei den beiden ersten Szenarien ist der Ausgang relativ klar: die Ukraine würde ihre Souveränität bewahren – oder diese würde vernichtet werden. Eine Eskalation der russischen Kriegführung gegen die Ukraine kann zu Weiterungen führen, die schwer absehbar sind, könnte aber ebenfalls mit einer Unterjochung der Ukraine durch Russland enden. Kommt es zu einem Patt, verabreden also beide Seiten einen Waffenstillstand und den Versuch einer Lösung strittiger Fragen, wird es – neben der Regelung von Gebietsfragen – im Kern um die gleiche Frage gehen: Wird es der Ukraine erlaubt sein, einen selbstbestimmten Weg in die Zukunft zu gehen oder bestimmt Russland über diesen? Denn das zu erreichen, ist Wladimir Putins Ziel.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Russland einlenkt?

Ein Grundproblem besteht darin, dass Wladimir Putin diesen Krieg nicht verlieren darf. Nicht nur, weil es aus russischer Sicht unvorstellbar ist, dass die Nuklearmacht Russland in einer militärischen Auseinandersetzung mit einem aus russischer Sicht kleinen und gar nicht recht existierenden Nachbarn nachgibt. Sondern auch, weil Wladimir Putin in der Ukraine um seine eigene Macht zu Hause kämpft. Macht er zu deutliche Kompromisse, ist diese gefährdet.

Wird es dennoch eine Zukunft mit Russland geben?

Mit dieser Führung, diesem Präsidenten ist dies gegenwärtig nicht vorstellbar. Dennoch müssen wir zweierlei tun: Zum einen der Konfrontation ihre Brisanz dadurch nehmen, dass wir bestimmte Regeln des Miteinanders vereinbaren: Maßnahmen der Transparenz und der militärischen Vertrauensbildung, Schritte der Rüstungskontrolle und der Abrüstung. Wir müssen aus der Konfrontation eine geordnete Konfrontation machen. Und zum anderen dürfen wir nie den Glauben daran verlieren, dass die Zukunft uns heute unbekannte Lösungen bringen kann für Probleme, die wir heute genau kennen und für unlösbar halten. Geschichte ist lang und windungsreich und wir wollen ja an dem Vorsatz festhalten, auch mit Russland auf dieser eurasischen Landmasse verträglich, friedlich und zum gegenseitigen Nutzen zusammenzuleben. Wir müssen, so und wo das möglich ist, bis dahin den mutigen Frauen und Männern der russischen Zivilgesellschaft zur Seite stehen. Wladimir Putin führt mit seinem Krieg ja auch sein Land ins Verderben, dem und insbesondere dessen Menschen ich unverändert in großer Sympathie verbunden bin.

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