15. Nov. 2022

Reimann lesen

Ein spektakulärer Glücksfund: Brigitte Reimann wird angesichts ihrer verblüffenden Modernität gerade international neu entdeckt. Pünktlich zu ihrem 50. Todestag am 20. Februar 2023 sind bislang unbekannte Manuskripte gefunden worden.

»Wer etwas über Mut und Hingabe erfahren möchte, muss Reimann lesen. Sie zeigt uns, wie man es krachen lässt, scheitert, wieder aufsteht und neu beginnt. Brigitte Reimann ist eine Ikone – eine Pionierin weiblicher Befreiung!« Carolin Würfel

 

Bei der Sanierung eines Hauses in Hoyerswerda, in dem Brigitte Reimann in den 1960er Jahren wohnte (Liselotte-Herrmann-Straße 20), sind neben Briefen und Notizen u. a. große Teile der ursprünglichen Niederschrift ihres Buches »Die Geschwister« aufgetaucht. Das Material wurde unter einer Treppe gefunden, in einer Art Harry-Potter-Verschlag, in dem Schneeschieber und derlei aufbewahrt wurden. Den Mitarbeitern der Sanierungsfirma sagte der Name der Autorin zum Glück etwas, so dass sie die Kisten nicht in den Abrisscontainer warfen, sondern den richtigen Stellen übergaben.

Schloss_Stadtmuseum Hoyerswerda
Ein Glücksfund: Trotz Mäusefraßspuren können wir dank bislang unbekannter Manuskripte Brigitte Reimann und ihr Werk in neuem Licht betrachten.
Die Geschwister
Empfehlung
Hardcover
22,00 €

Dank dieser aufgefundenen Originalfassung kann genau 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung eine erweiterte Neuausgabe vorgelegt werden. Das Buch »Die Geschwister« erschien 1963 und war seinerzeit eines der meistdiskutierten Bücher der DDR-Literatur. Brigitte Reimann erzählt darin die autofiktionale Geschichte einer jungen Frau, die fürchtet, von ihrem Bruder getrennt zu werden, als dieser beschließt, in den Westen zu gehen. Damit machte sie die Tragödie der gerade vollzogenen deutschen Teilung aufs Schmerzlichste erfahrbar.

Zuvor, am 24. August 1962, hatte sie in ihrem Tagebuch festgehalten: »Entsetzliche Aufregung wegen der ›Geschwister‹. Das Manus[kript] mit den Änderungsvorschlägen ist zurückgekommen, die Stasi-Szene gestrichen, die Kunst-Diskussion gestrichen; alles, was an Gefühl oder gar – horribile dictu! – an Bett gemahnt, ist gestrichen, und jetzt kann man meine schöne Geschichte getrost in jedem katholischen Mädchenpensionat auslegen. […] Wenn der Verlag starr bleibt, gehe ich zu einem anderen. Jetzt wird nicht mehr lamentiert, jetzt wird geboxt.«

Brigitte Reimann zeigt sich hier, wie wir sie kennen: selbstbewusst und kampfeslustig. Dennoch fielen etliche Stellen dem Rotstift zum Opfer. Dass diese Geschichte in der DDR trotz Zensurverfahren überhaupt erscheinen durfte, muss heute angesichts der darin enthaltenen kritischen Töne überraschen. In welcher Form aber sich die Druckfassung von der Urfassung der Autorin unterschied, darüber ließ sich bisher keine verlässliche Aussage treffen, da weder Urfassung noch bearbeitetes Verlagstyposkript erhalten waren. 

Der durch den Glücksfund nun mögliche Abgleich der handschriftlichen Originalniederschrift mit der ersten Druckfassung gibt dazu endlich Auskunft – und kann die Vermutung, dass damals politisch Missliebiges geglättet wurde, anhand konkreter Beispiele veranschaulichen: So gibt es z. B. wieder Arbeiter, deren Verbesserungsvorschläge in den Schubladen ihrer Leitung verstauben, lange Wartelisten für Autos, und Elisabeth, der Protagonistin, wird eine »männermordende Taille« nachgesagt. Der Text wirkt insgesamt entschiedener, zupackender und ist noch authentischer in seiner Zeit verankert.

Brigitte Reimann lebte so intensiv und unkonventionell, dass sie damit zugleich aneckte und faszinierte. Unbeirrt glaubte sie daran, mit ihrer Literatur einen Unterschied machen zu können. Nach frühen Erfolgen stieß sie zunehmend an Grenzen, die Aufbruchstimmung in der jungen DDR wich der Ernüchterung. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Stasi – je mehr sie Missstände anprangerte, desto stärker wurde die Kritik an ihr. Spätestens seit dem 11. Plenum 1965 war sie, wie viele andere Künstler, politisch desillusioniert.

Sie führte ein ruheloses, kräftezehrendes Leben, wie sie es suchte und zugleich fürchtete, ihm nicht standhalten zu können. Depressionen machten ihr zu schaffen, unglückliche Lieben und eine immer aggressiver werdende Krebserkrankung. Doch während ihre Ehen scheiterten, hielt sie an der Arbeit fest, engagierte sich politisch, stets sich selbst treu bleibend, gemäß ihren Worten: »nur nicht schweigen, nur nicht schweigend Falsches mit ansehen, und dadurch es billigen«.

Im November 1968 notierte sie, abermals in ihrem Tagebuch, über »Die Geschwister«: »Ich war ein gutgläubiger Narr. Seit der ČSSR-Affäre hat sich mein Verhältnis zu diesem Land, zu seiner Regierung sehr geändert. Verzweiflung, manchmal Anfälle von Hass.« Auch die Änderungen, die sie daraufhin nachträglich an dem Werk vornahm, werden in die Neuausgabe übernommen. Die so entstandene freiherzigere und muti­gere, zugleich reifere und klarsichtigere Ausgabe steht symbolhaft für das kurze Leben dieser viel zu jung gestorbenen Schriftstellerin, die nach den eigenen Vorstellungen leben wollte.

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