15. Jan. 2024

Ernst Toller: Offener Brief an Herrn Goebbels

Ein Schlüsseltext zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit bestürzender Aktualität: In seinem aufrichtigen, meisterhaft lakonisch erzählten Buch »Eine Jugend in Deutschland« beschreibt Ernst Toller die ersten dreißig Jahre seines Lebens. Er schlägt sich auf die Seite der Revolution in München, wird zum Anführer der Räterepublik und erlebt deren tragisches Scheitern. Hier finden Sie einen offenen Brief des Schriftstellers an Joseph Goebbels aus dem Jahr 1933 sowie Fotografien und Zeitzeugnisse aus seinem Leben.
Eine Jugend in Deutschland
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»Am Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland«: Mit diesen Worten beschloss Ernst Toller im Mai 1933 das Manuskript seiner Lebensgeschichte »Eine Jugend in Deutschland«. Da lebte Toller bereits im Schweizer Exil. Den Nationalsozialisten war der Autor verhasst. Hellsichtiger als die meisten seiner Zeitgenossen hatte er die Gefahr erkannt, die von Hitler ausging. Im August 1933 wandte sich Ernst Toller in einem Offenen Brief an Reichs-Propagandaminister Joseph Goebbels:

Offener Brief an Herrn Goebbels (1933)

Als am zehnten Mai die Werke deutscher Schriftsteller, Philosophen und Forscher auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, haben Sie, Herr Goebbels, diesen barbarischen Akt beschützt und gut geheißen und in Ihrer Rede die verbrannten Werke jener Männer, die ein edleres Deutschland repräsentieren als Sie, »geistigen Unflat« genannt.

Sie haben aus den deutschen Verlagen, Theatern, Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen unsre Werke verbrannt, Sie verfolgen die Verfasser, sperren sie ein oder jagen sie aus dem Land.

Sie vertreiben von den deutschen Universitäten die besten Lehrer. Aus den Konzertsälen die Dirigenten und Komponisten. Aus den Theatern hervorragende Schauspieler. Von ihren Arbeitsstätten und aus den Akademien Maler, Architekten, Bildhauer.

Es genügt Ihnen nicht, die zu quälen, die Sie in Ihre Gefängnisse und Konzentrationslager kerkern. Sie verfolgen selbst die Emigranten durch die mannigfachen Mittel Ihrer Gewalt, Sie wollen sie (um in Ihrer Sprache zu reden:) geistig und physisch »brutal und rücksichtslos vernichten«.

Und was ist der Grund so abgründigen Hasses?

Diese Männer glauben an eine Welt der Freiheit, der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, diese Männer sind wahrhafte Sozialisten, Kommunisten oder gläubige Christen, diese Männer sind nicht gewillt, die Stimme der Wahrheit zu verleugnen und der Macht sich zu beugen.

Die Verfolgungen und Ächtungen sind für uns Verfolgte eine große Ehrung, mancher von uns wird jetzt erst beweisen müssen, dass er diese Ehrung verdient.

Sie geben vor, die deutsche Kultur zu retten, und Sie zerstören die edelste Arbeit der deutschen Kultur.

Sie geben vor, die deutsche Jugend zu erwecken, und Sie blenden ihren Geist, ihre Augen, ihre Sinne.

Sie geben vor, die deutschen Kinder zu retten, und Sie vergiften ihre Herzen mit den schändlichen Phrasen eines stupiden Nationalismus und Rassenhasses.

Sie geben vor, das werktätige Volk zu befreien, und Sie schmieden es in die Knechtsfesseln sozialer und geistiger Unfreiheit.

Sie geben vor, Deutschland von seinen »Schuldigen« zu reinigen, und Sie verfolgen die Schwächsten, die Juden. Sie geben vor, dass Sie und der deutsche Geist identisch sind, aber Ihre Taten sind die Ächtung der Ideen Goethes und Lessings, Herders und Schillers, Wielands und Rankes und aller jener Männer, die um die reinsten Werte Deutschlands gerungen haben und sie in die Welt trugen.

Ich las in diesen Tagen Ihre künstlerischen Werke und die Ihrer Parteigenossen. Dass Sie ein schlechtes Deutsch schreiben, will ich Ihnen nicht zum Vorwurf machen, Gewalt verleiht noch kein Talent, dass Sie aber die deutschen Theater zwingen, diese armseligen Werke zu spielen, ist kläglich.

Sie sprechen so viel vom Heldentum, wo haben Sie es bewiesen? Auch wir kennen ein Heldentum, das Heldentum der Arbeit, des Charakters, des unbedingten Menschen, der zu seiner Idee hält.

Sie sprechen so viel von der Feigheit Ihrer Gegner. Wir versprechen Ihnen, dass Ihre Verfolgungen uns härter, Ihr Hass uns reifer, Ihr Kampf uns kämpferischer machen werden.

Wir sind nicht schuldlos an unserem Schicksal, wir haben viele Fehler begangen, der größte war unsere Langmut.

Wir werden, dank der Lehre, die Sie uns gaben, unsere Fehler überwinden. Und das ist Ihr Verdienst.

(Ernst Toller, August 1933)

 

 

Redaktionelle Anmerkung: Wir geben hier den Originaltext von 1933 wieder, die nicht explizite Nennung von Frauen ist im historischen Kontext zu sehen.

 

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