30. Nov. 2023

»Ich liebe einfach gute, mutige Musik«

250 Komponistinnen versammelt Arno Lücker in seinem gleichnamigen Buch, angefangen von der Byzantinerin Kassia aus dem 9. Jahrhundert bis hin zur musikalischen Avantgarde des 21. Jahrhunderts. In funkelnden Porträts lässt er uns in das Leben der Musikerinnen eintauchen und stellt ihre wichtigsten Werke vor. Hier erzählt der Autor, wie es zu diesem Buch kam, was weibliches Komponieren auszeichnet und was getan werden muss, um den Klassikbetrieb zu erneuern.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit klassischer Musik – als studierter Musikwissenschaftler, Journalist und Kritiker, als Komponist und Pianist. Wie kamen Sie auf die Idee, sich speziell der Musik von Komponistinnen zuzuwenden?

Porträtfoto Arno Lücker
Autor:in

Arno Lücker, geboren 1979 in Braunschweig, studierte Musikwissenschaft und Philosophie und arbeitet als Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Pianist und Komponist.

Eigentlich waren mir Herkünfte, Geschlechtsidentitäten und so weiter von Komponistinnen und Komponisten immer egal. Ich habe mich immer schon intuitiv treiben lassen. Ich liebe einfach gute, mutige Musik. Aber meine Leidenschaft ging als Konzertdramaturg schon häufig dahin, dass ich mich beispielsweise für die Werke von jüdischen Komponistinnen und Komponisten interessiert habe. Komponistinnen sind in der Neuen Musik heute keine Ausnahme mehr. An den Musikhochschulen definiert sich die Mehrheit in Kompositionsklassen inzwischen als weiblich. Aber musikalisch sozialisiert wurde ich rein mit der Musik von Männern. Ab und zu »durften« Klavierstücke von Clara Schumann und Fanny Hensel dazukommen. Das hat mir dann viele Jahre später, genauer: Oktober 2019, nicht mehr gereicht – und ich wollte erstens mich selber mit den Lebensläufen und der Musik von Komponistinnen beschäftigen. Und ich wollte zweitens darüber schreiben und meine Leidenschaft für Musik teilen.

 

In Ihrem Buch stellen Sie »250 Komponistinnen« vor – vom Mittelalter über Renaissance, Barock, Rokoko, Klassik, Romantik, Moderne bis zur Avantgarde des 21. Jahrhunderts. Warum ausgerechnet 250? Wie kamen Sie auf diese Zahl?

250 Komponistinnen
Empfehlung
(2023)
58,00 €

100 hätte ich schwach gefunden. 250 ist eine gute Zahl. Eine hohe Zahl, schon irgendwie verbunden mit dem Gefühl, das damals aber noch ganz schwammig irgendwo in meinem Hirn abrufbereit dahinwaberte: »Nach diesen 250 Artikeln soll niemand mehr behaupten können, die Nicht-Sichtbarkeit von Frauen, die komponieren, sei ein Grund dafür, dass ihre Musik nicht gespielt wird.«

 

 

 

 

Das Besondere an Ihrem Buch ist, dass Sie nicht nur das Leben der musikschaffenden Frauen erzählen, sondern jeweils immer auch eine Komposition in den Mittelpunkt stellen. Über einen QR-Code im Buch können alle diese Werke nachgehört werden. War es schwer, für alle vorgestellten Komponistinnen Aufnahmen zu finden?

Nein. Ich habe erst eine Excel-Tabelle gemacht und ganz sprunghaft Namen eingetragen von Komponistinnen, deren Werke ich online leicht finden konnte und die mich sofort angesprochen haben. Von Anfang an habe ich dann YouTube-Links gesammelt. Natürlich ist es noch viel zu wenig. Aber es gibt mehr als man denkt. Es fehlen allerdings häufig richtig gute Aufnahmen. Wir brauchen unbedingt in den nächsten Jahrzehnten hervorragende Einspielungen von Komponistinnenmusik. Und das Ganze natürlich auch live. Die Kraft der Interpretation sollte man nie unterschätzen. Wenn eine Bruckner-Sinfonie von einem Schulorchester gespielt wird, erkennt man die Meisterschaft des Werkes schließlich auch nicht flächendeckend.

In der Literaturkritik wird seit einiger Zeit die Frage kontrovers diskutiert, ob Frauen anders schreiben als Männer. Was würden Sie sagen, nachdem Sie sich so lange mit der Musik von Frauen beschäftigt haben: Komponieren Frauen anders?

Ich finde die Frage schwierig – schon angesichts der Tatsache, dass es 1200 Jahre Musikgeschichte in dem Buch gibt. Ich meine aber, dass die Anzahl der Talente von Komponistinnen im Durchschnitt höher ist. Wenn eine Frau sich früher dafür entschied, Komponistin zu werden, dann war das fast nie ein Kompromiss (wie bei so manch einem Mann, der sich möglicherweise als junger Pianist schon die Hände ruiniert hatte), sondern eine existenzielle Lebensentscheidung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe ich für mich allerdings einige Komponistinnenwerke entdeckt, bei denen ich immer denke: »Warum finde ich das interessanter als Werk x von Komponist y?« Vielleicht komponiert man unterhaltsamer, dichter, instrumentatorisch farbenfroher, wenn man mehr zu verlieren hat?

Was für mich inzwischen feststeht: Die vielen Komponistinnen, die im 19. Jahrhundert Kunstlieder geschrieben haben, gehen das Thema »Liebe« im Lied viel humorvoller an. Der ironische Abstand zum eigenen Leid – wie er dichterisch bei Heine zu einem romantischen Höhepunkt kommt – findet sich bei Männern eher selten. Wo bei Schubert noch das »Ach und Weh!« dominiert, nehmen Kunstliedkomponistinnen häufiger die Perspektive ein: »Was ist denn mein Liebesleid außerhalb der bekannten Liebesleidnormen?« Das ist vor allem musikalisch spannend, wenn eine Komponistin dann so etwas wie Lachen plötzlich auskomponiert. Da gibt es wahnsinnig spannende Lieder.

 

Der Klassik- und Konzertbetrieb ist nach wie vor sehr männlich geprägt und gilt nicht unbedingt als innovationsfreudig. Was glauben Sie: Wann werden wir auch im Konzerthaus endlich mehr Musik von Frauen zu hören bekommen? Wird das Konzertrepertoire in zehn Jahren ein anderes sein?

Wir befinden uns – die Anzeichen dafür sind untrüglich – ja nun aktuell wirklich in einer Krise der E-Musik. Und wir können den Laden dichtmachen und nur noch rein museale Aufführungen von Puccinis »Madame Butterfly« für Touristinnen und Touristen anbieten, schön mit heteronormativer Langeweile, kolonialistischen Masken und unreflektierter toxischer Männlichkeit in der Inszenierung, wenn wir nicht verstehen, dass wir erstens das Bildungsproblem angehen müssen, zweitens unser älteres Publikum nicht mehr offen diskriminieren dürfen und drittens mutige Programme anbieten sollten.

Wem immer nur dasselbe vorgesetzt wird, der will auch nur das. Wer sich aber regelmäßig überraschen lässt, der bleibt offen und wach. Bewegen sich unsere Sinne und Herzen, bekommt unser Hirn neue Impulse. Wenn Sie die Lieder von Ethel Smyth, Josephine Lang oder Emilie Mayer zum ersten Mal live im Konzert hören: Das ist nicht nur – solche Formulierungen empfinde ich inzwischen als sexistisch – »erfrischend«, das ist existenziell, großartig, witzig, traurig, meisterinnenhaft.

   

Das Gespräch führte Rainer Wieland

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