Buchpremiere

Buchpremiere: Dichter:innen lesen aus Tove Ditlevsens »Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will« in Berlin

Porträtfoto Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsen (geboren 1917 in Kopenhagen, gestorben 1972 ebenda) erlangte postum weltweite Berühmtheit durch ihre nahezu zeitgleich in mehrere Sprachen übersetzte Kopenhagen-Trilogie. Diese Bücher (Kindheit, Jugend und Abhängigkeit), im Original zwischen 1967 und 1971 erschienen, gelten mittlerweile als Klassiker eines Genres, dem Ditlevsen maßgeblich den Weg ebnete und das heute unter dem Label „Autofiktion“ firmiert. Damit steht sie gleichrangig an der Seite so wichtiger Autorinnen wie Annie Ernaux oder der hierzulande leider vollkommen unbekannt gebliebenen Frida Vogels.

Es folgten zahlreiche Übersetzungen weiterer Prosatexte, etwa Gesichter, Böses Glück oder Vilhelms Zimmer (alle in kurzer Folge im Aufbau Verlag erschienen, in der glänzenden Übersetzung von Ursel Allenstein). Den verlegerischen Einsatz für Tove Ditlevsen kann man nicht hoch genug veranschlagen; dennoch geriet die Wahrnehmung ihres Werks in eine gewisse Schieflage, da sie selbst ihrem eigenen Verständnis nach zuallererst Lyrikerin war – ein Umstand, der auch stets in ihrer kontrollierten, sparsamen Prosa spürbar bleibt.

Sie debütierte 1939 mit dem Gedichtband Pigesind (Mädchenseele). Bis zu ihrem Freitod 37 Jahre später folgten sieben weitere Lyrikbände; hinzu kam ein Band mit Gedichten aus dem Nachlass. Früh erregte sie Aufsehen, galt sie doch als dichtendes Arbeiterkind, das mit gerade einmal 14 Jahren die Schule verlassen hatte. Bereits ihr dritter Band wurde in hoher Auflage gedruckt. Die Lücke in der Vermittlung dieses so wichtigen Teils von Ditlevsens literarischem Schaffen wurde jetzt geschlossen mit dem Erscheinen des Buches Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will, das ihre Lyrik in angemessener Breite präsentiert (abermals in der Übersetzung von Ursel Allenstein). Nun können auch deutschsprachige Leser:innen überprüfen, was ihre Gedichte so ungewöhnlich macht. Sie sind nicht chronologisch, sondern thematisch angeordnet, sodass sich die frühen, noch gereimten Texte mit den späteren kurzzeiligen und freirhythmischen abwechseln und sich dabei gegenseitig kommentieren.

In ihren Versen verbindet Ditlevsen kunstvoll Spuren der symbolistischen Lyrik des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Anklängen an das ihr seit der Kindheit zutiefst vertraute dänische Volks- und Kirchenlied. Der persönliche, ja privat-intime Ton ihrer Gedichte wurde gerade in den Anfangsjahren von überwiegend männlichen Vertretern der Kritikerzunft als eitle Nabelschau missverstanden. Dabei wollte sie lediglich direkt zu den Menschen sprechen, in einer möglichst unverstellten, scheinbar kunstlosen Diktion. Das verhalf ihr einerseits zu großer Popularität – die Autorin Dorthe Nors bezeichnete sie als „Billie Holiday der Sprache“ – und brachte ihr andererseits den Vorwurf ein, eine Traditionalistin zu sein. Tatsächlich aber liebte sie den Regelverstoß, die Betrachtung der Welt aus der Perspektive einer radikalen Außenseiterin. Einmal heißt es bei ihr: „Es ist der wilde Busch, der uns seltene Blüten schenkt.“ Alle Texte sind „vertraut mit Sehnsucht / und geübt mit Verlust“. Sie zeugen von einer Gier nach Leben und zugleich von einem stillen Einverständnis mit Tod und Verderben, von einem Verliebtsein in die eigenen Niederlagen.

Moderation
Maike Albath
27. Apr. 2026
19.30 Uhr
Berlin
Haus für Poesie
Knaackstr. 97/ Kulturbrauerei 10435 Berlin

Titel zur Veranstaltung

Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
Empfehlung

Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will

Gedichte

Hardcover
24,00 €

Autor:innen zur Veranstaltung

Porträtfoto Tove Ditlevsen
Autor:in

Tove Ditlevsen (1917–1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte.

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