»Ich will mich im Leben verbeißen, aber ich stülpe mich nach innen«: Lilli Tollkien im Interview

Lilli Tollkien erzählt in ihrem Romandebüt »Mit beiden Händen den Himmel stützen« von Lale – einem Mädchen, das in einer Berliner Männer-WG der 80er Jahre groß wird und sich zwischen Grenzenlosigkeit und Haltlosigkeit behaupten muss. Im Interview spricht sie über Lales Weg in die Selbstermächtigung, über über eine Form, die Nähe zulässt und doch schützt, und über patriarchale Strukturen in der linken Szene. Und: Es gibt eine Playlist zum Buch!

Der Roman erscheint am 11. März.
Mit beiden Händen den Himmel stützen
Empfehlung

Mit beiden Händen den Himmel stützen

Roman

Hardcover
24,00 €

Worum geht es inhaltlich in deinem Roman?

Auf der ersten Ebene geht es um das Aufwachsen eines Mädchens, Lale, in einer linken Männer-WG im Berlin der 80er Jahre. Es geht darum, dass sie sich zwischen Freiheit und Vernachlässigung bewegt, dass ihre Grenzen übertreten werden, wenn auch nicht immer unbedingt beabsichtigt. Auf der zweiten Ebene habe ich mich gefragt: Was macht das mit dem Körper? Der Körper ist ja der Ort, wo wir alles erfahren und fühlen. Was passiert also mit solchen Erfahrungen, mit denen sich wahrscheinlich viele identifizieren können, die in den 80er und 90er Jahren aufgewachsen sind – wie übersetzt sich das in den Körper?

Zitatgraffik aus Interview mit Lilli Tollkien, Text: "Auf einer dritten Ebene geht es um Lales Selbstermächtigung, um die Zurückeroberung des eigenen Körpers, durch Freundschaft und durch Kunst, durch das Erzählen."

Portraitfoto Lilli Tollkien
Autor:in

Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Roman zu schreiben? 


Es ist so, dass ich diese Geschichte, diesen Stoff schon sehr lange mit mir herumtrage. Immer wieder habe ich auf unterschiedlichste Weise versucht, das irgendwie in eine künstlerische Form zu bringen, und stand mir selbst dabei im Weg. Als meine Tochter zur Welt gekommen ist, und ich mir nach einer schweren Krankheit die Fragen gestellt habe: Was will ich vom Leben und was will ich meinen Kindern vorleben? Da habe ich entschieden, dass ich jetzt endlich in die Welt bringen muss, was ich schon so lange mit mir herumtrage.

Zitatgraffik aus Interview mit Lilli Tollkien, Text: "Ganz am Anfang meines Schreibens stand ein Bedürfnis: »Ich will mich im Leben verbeißen, aber ich stülpe mich nach innen«, das war sowas wie ein Tagebucheintrag."

Gab es auch eine Szene, die am Anfang deines Schreibens stand?

Am Anfang hatte ich einfach eine Notiz, die ich irgendwann mal nachts, als ich nicht einschlafen konnte, aufgeschrieben habe. Und die ist auch noch drin: »Die Zimmer sind in mir, die Wohnung. Ich möchte hinaustreten.« Das war der Anfang. Ich habe damit angefangen, dass ich durch erinnerte und imaginierte Zimmer gegangen bin, denen ich Namen als Überschriften gegeben habe. Entlang dieser Zimmer habe ich dann die erste Fassung geschrieben. 

 

Ging es dir beim Schreiben um etwas Politisches, um das Zeigen patriarchaler Gewalt in einem spezifischen Umfeld etwa?

Ich habe mich nicht hingesetzt und mir vorgenommen: Ich schreibe einen feministischen Roman. Aber es ist das, was dabei herauskommt, wenn man den weiblich gelesenen Körper in männlich dominierten Räumen sprachlich gestalterisch zu fassen versucht. Das war,  glaube ich, viel eher mein Anliegen: Worte zu finden, Bilder, Rhythmus.

Es gibt diesen Slogan aus den 70ern oder 80ern: Das Private ist politisch. Das ist es natürlich. Was die Figur Lale erfährt, betrifft nicht nur sie, sondern ist auf patriarchale Strukturen zurückzuführen und betrifft die Gesellschaft im Ganzen. Diese Dynamiken, die ich beschreibe, sind auf keinen Fall der linken Szene vorbehalten. Es gibt sie überall, aber diese Ungerechtigkeit gewinnt natürlich an Schärfe in einem Umfeld, in dem Parolen von Gleichheit und Solidarität gerufen werden.

Zitatgraffik aus Interview mit Lilli Tollkien, Text: "Damals wie heute sind linke Räume keine safe spaces, bloß weil links draufsteht. Ich glaube, diese Strukturen sind überall zu finden, vielleicht sogar mehr denn je."

Worum geht es dir bei der Form deines Romans, beim Ton?

Ich wollte etwas in eine Form bringen und Sprache körperlich erfahrbar machen, ohne dass man dabei so ein unangenehmes Gefühl bekommt, ein voyeuristisches, und ohne dass man als Lesende das Gefühl hat, man fällt so hinein in die Geschichte. Also wollte ich auch noch eine Distanz über die Form schaffen.

Ich wollte, dass Lesende Bilder oder Stimmungen wahrnehmen, aber nicht davon überwältigt werden. Ein bisschen wie innere Filmszenen, aber eben nicht solche, die einen dazu zwingen, jetzt sofort etwas zu fühlen, sondern Szenen, die noch erkennen lassen, dass der Film künstlerisch gemacht wurde und dadurch Freiraum lassen.

Diese Frage wird dir wahrscheinlich noch sehr oft gestellt, aber ist dein Roman autofiktional?

Es gibt Teile, die stark von meinen eigenen Erfahrungen inspiriert sind, und solche, die rein fiktional sind. Ich selbst trenne da gar nicht so beim Lesen, merke ich, und jetzt, mit fortschreitender KI-Entwicklung, mehr denn je sind es eigentlich, genau wie bei der Fotografie, die Sachen, die einen persönlichen Anteil haben, die mich oft sehr interessieren. Für meinen Roman wünsche ich mir, dass man nicht bei dieser Frage nach Autofiktion stehenbleibt, sondern dass es um den Text selbst geht.

 

Das Interview führte Elisabeth Botros

Die Playlist zum Buch

Immer wieder kommen im Roman auch Musikstücke vor, die ihre Protagonistin Lale hört, und die sie auf einem Teil ihres Weges begleiten. Lilli Tollkien hat eine Playlist für uns erstellt.

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