23. Febr. 2022

»Leo und Dora«: die Geschichte eines Sommers, der alles verändert

Ein Gästehaus im malerischen Connecticut, ein miesgelaunter Schriftsteller und ein Sommer, der seinem Leben noch einmal eine große Wendung verpassen soll: All das beschreibt Agnes Krup in »Leo und Dora«. Inspiration für den Roman war ihr eigenes Haus, genannt das »Roxy«. Im Interview erzählt sie von den historischen Vorlagen für ihr Buch und den Gespenstern, die im Haus ihr Unwesen treiben.

Liebe Agnes, dein neuer Roman spielt in einem alten Gästehaus in Connecticut. Du bist selbst vor einigen Jahren von New York aufs Land gezogen. War das der Ausgangspunkt für die Geschichte von »Leo und Dora«?

Das alte Haus, in dem wir seit 2016 leben, hatte schon immer einen Namen, es war das »Roxy«. Von den Verkäufern wussten wir, dass es früher ein Gästehaus war. Und dann stand da noch so ein merkwürdiges würfelförmiges Gebäude auf der Wiese, das alle hier das »Casino« nennen. Ich wurde neugierig und habe etwas tiefer gegraben. In unserer Gegend gab es eine ganze Reihe von Gästehäusern für Sommergäste aus New York City. Sie wurden von jüdischen Familien geführt, deren erste Generation um die Wende zum 20. Jahr­ hundert aus dem Rayon um Sluzk im heutigen Belarus eingewandert war. Das Roxy ist eines der wenigen die­ ser Gebäude, das bis heute steht. Die Archive der örtli­chen Leihbibliotheken und die »Historical Societies«, die es im amerikanischen Nordosten in jeder Kleinstadt gibt, die etwas auf sich hält, bieten eine wahre Fundgrube an Dokumenten, Fotos, Briefen, Tagebüchern und Krimskrams. Das Roxy stand in den späten 1960er Jahren offenbar eine Weile leer und die Nachbarn und Bekannten hier im Ort, die damals Teenager waren, erinnern sich noch gut an wilde (illegale) Parties in der alten Tanzhalle, eben dem Casino.

Roxy, Postkarte
Das »Roxy« um 1915

Wie kam der geflüchtete Schriftsteller Leo Perlstein ins Spiel? Gab es auch da ein historisches Vorbild?

Ich habe mich seit dem Studium immer wieder mit Au­toren beschäftigt, die von den Nazis ins Exil getrieben wurden. Besonders verehre ich den Wiener Leo Perutz, den es nach Tel Aviv verschlug und der bis an sein Lebensende unter dem Verlust seines deutsch lesenden Publikums sehr litt. Mein Leo sieht ihm ähnlich und teilt auch seine Leidenschaft für Tarock und Schach. In den USA ist Perutz allerdings nie gewesen, obwohl sein Bruder Paul sich zu Beginn des Krieges in New York endgültig niedergelassen hatte und ihn immer wieder bedrängte, dorthin zu kommen. Seine Literaturagen­ten, Hugo und Annie Lifczis, die sich immer sehr um seine Bücher bemühten, waren nach Buenos Aires aus­ gewandert (nicht nach New York), wo Annie nicht nur Perutz, sondern u. a. auch Werke von Werfel, Schnitzler und Brecht ins Spanische übersetzte. Die von ihnen gegründete Agentur, mit der sie 1960 nach Barcelona umzogen, existiert übrigens bis heute.

Leo, aber auch die anderen Figuren im Roman haben alle heftige Schicksalsschläge hinter sich, aber du erzählst ihre Geschichte in einem heiteren Ton ...

Leo Perutz schrieb in einem fast prophetischen Brief an Annie und Hugo Lifczis schon im Februar 1939: »Das Leben der Juden gleicht dem Regenwurm, der (durch zwei Weltkriege) in drei Teile geschnitten worden ist. Der letzte Teil windet sich ein bisschen, jammert, klagt Jehova an, gräbt sich dann ein und lebt weiter.« Mich interessiert das letzte Drittel des Regenwurms. Wie lebt man weiter mit traumatischen, lebensumwerfen­den Veränderungen, die man selbst ganz gewiss nicht gewollt oder gar herbeigeführt hat? Das gilt in meinem Buch nicht nur für Leo, sondern auch für Dora, und ebenso für andere wichtige Figuren, deren Geschichten ich übrigens in keinem Fall ganz frei erfunden habe. Der Goethe­übersetzende, Klematis­züchtende Profes­sor etwa ist eine Kombination zweier intellektueller Gi­ganten, die in unserem Örtchen Amenia lebten, Joseph Spingarn und Lewis Mumford. Sie alle haben das in irgendeiner Form erlebt: Tod, Verlust, Gewalt, Vertrei­bung, Demütigung. Wie lebt man danach weiter? Liegt Trost oder sogar Freude in den Routinen des Alltags? Ist da irgendwo vielleicht noch Platz für ein kleines Glück?

In deinem Roman treibt ein Gespenst sein Unwesen im Roxy. Spukt es auch heute noch in deinem Haus?

Und ob! Es scharrt und knarrt und scheppert und pfeift, und manchmal schleicht etwas nachts treppauf und treppab und macht meine Katze verrückt. Bei einem so alten Haus, in dem so viele Menschen ein­ und aus­ gegangen sind, kommt schon eine Reihe von Geistern zusammen. Meist verhalten sie sich allerdings recht friedlich. Sie scheinen abzuwarten, wie lange wir es bei ihnen aushalten. Vielleicht wetten sie untereinander oder mit den Murmeltieren, die sich nach wie vor sehr bemühen, das Roxy zum Einsturz zu bringen. Essiglau­ge mit Ammoniak hilft ein bisschen, aber irgendwann werden die Nager – und die Geister! – gewinnen.

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