»Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.« – Jana Hensel im Interview

Im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erscheint Jana Hensels neues Buch »Es war einmal ein Land«. Im Interview spricht sie über die Rechtsdrift im Osten, den Verlust des Glaubens an Demokratie und die Frage, wie wir jetzt (noch) miteinander ins Gespräch kommen.

Das Buch steht auf Platz 2 der Sachbuchbestenliste von Die Zeit, Deutschlandfunk und ZDF.
Es war einmal ein Land
Empfehlung

Es war einmal ein Land

Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet

Hardcover
22,00 €

Sie schreiben: »Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.« Was genau hat Sie dazu bewogen, es dennoch zu schreiben? 

Es ist ja meistens so, dass man, um ein Buch schreiben zu können, viele Gründe und einen Anlass braucht. Die Lage in Ostdeutschland besorgt mich und viele andere bereits seit mindestens zehn Jahren. Seit der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel driften immer mehr Menschen nach rechts ab und wählen die AfD. Ich habe das in all den Jahren beobachtet, war als Journalistin für Die Zeit bei vielen Demonstrationen dabei. Habe die Wut, den Hass und die latente Gewalt hautnah erlebt. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aber sehen wir, dass die AfD – anders als erhofft – immer weiter wächst, in manchen ländlichen Regionen schon die Mehrheit hinter sich weiß. Diese Menschen haben sich von der Demokratie verabschiedet und ich glaube auch nicht, dass sie in naher Zukunft zurückzuholen sind. Die sind weg. Die kommen nicht so schnell wieder. Das meine ich, wenn ich sage, dass das ein Buch ist, was ich nie schreiben wollte.

Zitatgrafik aus Interview mit Jana Hensel. Text: "Einen derart bitteren Ausgang der Wiedervereinigungsgeschichte habe ich lange befürchtet, aber mir natürlich nie gewünscht."

Jana Hensel
Autor:in

Jana Hensel, geboren 1976, aufgewachsen in Leipzig, wurde 2002 mit ihrem Porträt einer jungen ostdeutschen Generation »Zonenkinder« schlagartig bekannt.

Das waren die vielen Gründe – und was war der konkrete Anlass? 

Das war die tiefblaue Karte am Abend der letzten Bundestagswahl. Die AfD hatte im Osten fast alle Direktmandate gewonnen. Es blieben nur drei rote Flecken übrig. Auf einem dieser Flecken befindet sich mein Elternhaus im Leipziger Süden. Dort hat die Linkspartei gewonnen. Ich schaute also auf die Karte und war geschockt. Denn dieser Ort, von dem aus ich einst im Herbst 1989 als 13-jähriges Mädchen an der Hand meiner Mutter zu den Montagsdemonstrationen gegangen war, von dem ich also in mein Leben aufgebrochen war, dieser Ort befand sich nun inmitten eines blauen Meeres. Fast wie eine Insel. 

Zitatgrafik aus Interview mit Jana Hensel. Text: "Ich musste mir eingestehen, dass ich den Osten, mit dem ich mich eigentlich mein ganzes Leben beschäftigt hatte, verloren habe."

Sie formulieren bereits in der Einleitung eine starke These: Es geht um nichts Geringeres als das Ende der Demokratie. In Ostdeutschland sei dieses Ende bereits eingetreten. Wie ernst ist die Lage? 

Sehr ernst. Nicht wenige Ostdeutsche haben den Glauben an die Demokratie verloren. Und übrigens nicht erst in den letzten Jahren, sondern schon vor ziemlich langer Zeit. Wann und wie genau, das erzähle ich im Buch in zwei für mich sehr wichtigen Kapiteln. Sie erzählen die politische Biographie der Ostdeutschen und sie zeigen, dass der Rechtsruck im Kern eine Art Erschöpfung ist. Denn viele Jahre lang haben die Ostdeutschen Deutschland von links zu verändern versucht – und sind damit gescheitert. Mehr verrate ich nicht. Das muss man dann im Buch lesen. Aber es ist eine sehr spannende Geschichte, von der ich sagen würde, sie wurde so noch nie erzählt. 

 Zitatgrafik aus Interview mit Jana Hensel. Text: "IDas ist nicht nur eine These, die irgendwie am Schreibtisch entstanden ist. So ist schlicht die Lage."

Welche Reaktion auf Ihr Buch würden Sie sich wünschen? 

Ich wünsche mir ein konstruktives Gespräch über das Buch. Und ich hoffe sehr, dass man die Ansichten der AfD-Wählerinnen und -Wähler, die ich zu verstehen versuchen will, nicht für meine eigenen hält. Die AfD ist eine große Gefahr.

Ich bin dafür, dass man sie verbietet – auch wenn die Menschen, die sie wählen, dadurch nicht verschwinden und die Probleme bleiben werden. Unsere Demokratie muss sich wehrhaft zeigen, viel wehrhafter, als sie es in der Vergangenheit getan hat. 

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