14. Juni 2022

Der Auftakt der großen Saga über die Frauen von Bloomsbury

In ihrer Trilogie »Die Liebenden von Bloomsbury« erzählt Stefanie H. Martin von der Bloomsbury Group, einer Gruppe junger Menschen, deren Leben und Lieben die Welt in die Moderne führen sollten. Hier spricht die Autorin über Virginia Woolf, auf der im ersten Band der Fokus liegt, und die Schwierigkeiten, einen Roman über eine Frau zu schreiben, deren brillanter Witz und freier Geist sie zu einer der bedeutendsten Autorinnen der Moderne machen sollten.

Die Bände 2 und 3 erscheinen im Dezember 2022 und Juni 2023.

Virginia Woolf war eine Frau, die zeit ihres Lebens darum gerungen hat, ihr Glück und ihre literarische Stimme zu finden. Was hat Sie gereizt, von ihr zu erzählen? Inwieweit haben Sie beim Schreiben neue Seiten Virginias entdecken können?

Biographien von Schriftstellerinnen haben mich schon immer gereizt. Tatsächlich aber war die Biographie Virginia Woolfs eine der wenigen, die ich stets gescheut habe – wie auch ihr Romanwerk. Ich hielt sie für ein intellektuelles Geistwesen, brillant und schwierig, zu sehr Ikone, um mich ihr auf einer menschlichen Ebene nähern zu können. Den Zugang zu ihr habe ich erst über ihre Schwester, Vanessa Bell, gefunden, deren unkonventionelles Liebesleben und künstlerisches Werk mich ebenso faszinierten.

Umso überraschter war ich, im Laufe meiner Recherchen in Virginia Woolf eine humorvolle, ungemein lebenshungrige und zutiefst menschliche Frau kennenzulernen, die sich auf beeindruckende Weise gegen ihre wiederkehrenden psychischen Krisen gestemmt hat. Ich habe alle Hochachtung vor dieser Frau, die mit beispiellosem Mut ihre seelischen Untiefen ausgelotet und daraus einige der besten Werke der Weltliteratur erschaffen hat.  

 

 

 

Wie haben Sie sich dem Thema Bloomsbury angenähert? Inwieweit ist die Romanhandlung authentisch, und wie nahe kommen Ihre Figuren den tatsächlichen Menschen von damals?

Es gibt wohl kaum einen Freundeskreis, aus dem so viel biographisches und autobiographisches Material hervorgegangen ist wie aus der Bloomsbury Group, schließlich waren sie fast alle Literaten, schrieben eifrig Briefe und Tagebücher, wurden berühmt wie Lytton Strachey, Maynard Keynes oder auch Duncan Grant oder sogar, wie im Falle Virginias, zu Ikonen stilisiert. Ich hatte mir historisch-biographische Treue auf die Fahne geschrieben und wollte diesen Menschen so gerecht wie nur möglich werden. Doch die Fülle an (auto-)biographischem Material ist Fluch und Segen zugleich. Es gilt, aus der historischen Rohmasse genau die Szenen und Ereignisse herauszufiltern, die sich zu einer packenden Romanhandlung verarbeiten lassen, Spannung zu erzeugen, ohne die belegten Fakten zu verdrehen. Bloomsbury hat es mir leicht gemacht, denn das Leben dieser Menschen war so angefüllt mit Konflikten, Drama und Emotion, dass ihr Leben selbst wie ein Roman war. Meine schriftstellerische Aufgabe aber, die Wahrheit zur Fiktion, zu meiner Geschichte werden zu lassen, konnten sie mir nicht abnehmen. Und so sind natürlich all diese Persönlichkeiten, wie sie im Roman auftreten, gefiltert durch meinen Geist, sind ihre Gedanken und Gefühle in letzter Konsequenz auch meine. Ich kann aber versichern, dass alles, was in dieser Geschichte geschieht, der Wahrheit entspricht, keine Figur erfunden ist und nur ich ganz selten aus erzählökonomischen Gründen minimal in den historisch belegten zeitlichen Ablauf eingegriffen habe.

 

Blumsbury Gruppe
Lady Ottoline Morrell, Maria Nys, Lytton Strachey, Duncan Grant und Vanessa Bell

Inwieweit waren Virginia und ihre Schwester Vanessa Kinder ihrer Zeit? Welche Rolle spielten historische Umstände für Virginias seelische Konflikte?

Die beiden Stephen Schwestern Virginia und Vanessa mussten schon in früher Jugend schwere Schicksalsschläge hinnehmen: den Tod der Mutter, als Virginia dreizehn Jahre alt war und Vanessa fünfzehn, später dann den Tod der geliebten ältesten Schwester Stella und die Zudringlichkeiten des ältesten Stiefbruders. Wie weit diese »Zudringlichkeiten« (oder deutlicher formuliert: Missbrauch) bei Virginia tatsächlich gingen, ist umstritten. Es herrscht aber große Einigkeit darüber, dass sie bei Virginia eine lebenslange Abneigung gegen männliche Sexualität und patriarchale Strukturen hervorriefen und, in Verbindung mit den frühen traumatischen Verlusterfahrungen, zu einer psychischen Krankheit führten, die sie schließlich in den Selbstmord trieb. Bei all dem galt es in ihrem viktorianischen Elternhaus als selbstverständlich, dass eine schulische und vor allem universitäre Bildung den Brüdern vorbehalten war. Der Frau kam nach dem Verständnis der Viktorianer die Rolle des »Engels im Haus« zu – die stets umsorgende, liebevolle und vielbegabte Frau und Mutter, die für das Wohl der männlichen Familienmitglieder zu sorgen hatte. Dagegen aufzubegehren kam Wahnsinn gleich. Eine Frau, die sich gegen ihr Los auflehnte, wie beispielsweise die Suffragetten, wurde der Hysterie bezichtigt – und Hysterie war eine Geisteskrankheit. Es wundert nicht, dass Virginia Woolf, deren brillanter Geist sich in diesem toxischen Cocktail entwickeln musste, so sehr mit sich selbst gerungen hat. Es ist der zentrale Konflikt, der die Saga in Gang setzt und der sich durch Virginia Woolfs gesamtes Leben und Werk zieht.

 

Sie beschreiben mit der Bloomsbury Group eine Gruppe schillernder Gestalten, die in einer Welt an einem historischen Wendepunkt lebte. Worin lag für Sie die Herausforderung, über diese Menschen zu schreiben, und was war daran reizvoll?

Die Bloomsberries »lebten«  nicht nur einfach in einer Zeit des Wandels – sie haben ihn durch ihre Schriften und Werke entscheidend mitbestimmt. Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa haben Teile der geistigen Elite Großbritanniens der damaligen Zeit um sich versammelt. Männer natürlich, oft homosexuell, einer brillanter als der andere. Sie waren Intellektuelle und zugleich Revolutionäre, sie nährten ihre Ideen aus den Schriften der alten Griechen, der klassischen Literatur, waren geprägt vom konservativen Geist ihrer viktorianischen Elternhäuser und lehnten sich zugleich gegen das Althergebrachte auf. Alles, was in der Gesellschaft bis dato als unverrückbar angenommen wurde, stellten sie in Frage: vom Imperialismus bis hin zur Tabuisierung von Sexualität.

 

Darin lag die Herausforderung. Wie den Esprit dieser Bloomsbury-Treffen erzeugen, die Brillanz dieser so unterschiedlichen Menschen greifbar machen mit meinen im Vergleich – wie mir schien – bescheidenen Mitteln? Ich habe oft gezweifelt und war nicht selten verzweifelt. Meine Dialoge brauchten Sprachwitz, literarische Anspielungen, analytische Schärfe, Klugheit und manchmal Pathos – was für ein Anspruch! Aber genau darin lag auch der besondere Reiz. Es galt, sämtliche Gewürze zum Einsatz zu bringen, die mir schriftstellerisch zur Verfügung standen und daraus ein harmonisches und köstliches Mahl zu bereiten.

 

Ihre Trilogie heißt „Die Liebenden von Bloomsbury“, und tatsächlich spielt die Liebe in all ihren Facetten eine große Rolle im Leben der Figuren. Inwieweit wird die Liebe hier zum Instrument der Freiheit?

»Bloomsbury« gilt als Synonym für eine sexuelle Revolution. Viele der »Bloomsberries«  waren homosexuell oder probierten zumindest eine Zeitlang die Liebe zum eigenen Geschlecht aus. Die Männer unterhielten sexuelle Beziehungen untereinander, Virginia Woolf bekannte sich zu ihren »sapphischen Neigungen«, Vanessa Bell hatte ein Kind mit dem homosexuellen Maler Duncan Grant, etc. Über Sexualität wurde im Kreise Bloomsburys offen gesprochen, mit oft drastischen Worten – und das war das Revolutionäre daran. Im viktorianischen Zeitalter gehörte das Thema Sexualität hinter fest verschlossene Türen, Körperlichkeit war tabu. So sehr, dass man nicht einmal ein Wort wie »WC« in den Mund nehmen durfte. Homosexualität wurde mit Gefängnisstrafen geahndet. Wenn also Lytton Strachey mit Maynard Keynes ins Bett ging, begingen sie eine Straftat. Zu Beginn ihrer Freundschaft mit den Stephen-Schwestern Virginia und Vanessa blieb der »Anstand« noch gewahrt. Sie siezten einander und sprachen über Philosophie und Literatur. Im ersten Band der Saga erleben wir, wie sich das plötzlich ändert. In manchen Dingen waren diese Bloomsberries fortschrittlicher, als wir es heute sind. Es sind mehr als hundert Jahre vergangen, und noch immer müssen Menschen, die in Hinblick auf ihre Sexualität von einer gesellschaftlich propagierten Norm abweichen, um ihre Anerkennung kämpfen. So waren es auch diese Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft, die mich gereizt haben, über Bloomsbury zu schreiben.

 

 

Die Bände 2 und 3 der großen Saga über die Frauen von Bloomsbury erscheinen im Dezember 2022 und Juni 2023

Auch im Gespräch

Auch im Gespräch

Claudia und Nadja Beinert Portrait
Im Gespräch
09. Mai 2022
Die Frau, die wir heute als Ikone der Schönheit kennen, verlebte eine einsame Kindheit und wünschte sich immer, jemand würde sich die Mühe machen, herauszufinden, wer sie wirklich ist. Das Autorinnenduo Claudia und Nadja Beinert erzählt im Roman »Marilyn und die Sterne von Hollywood« nun berührend und kenntnisreich ihre Geschichte.
Käthe Kruse 1925
Im Gespräch
09. Mai 2022
Julie Peters schreibt in »Käthe Kruse und die Träume der Kinder« nicht nur über die vielleicht berühmteste Puppenmacherin, sondern auch über eine spannende Persönlichkeit und eine emanzipierte Frau, mit all ihren Facetten und Widersprüchen. Im Interview spricht die Autorin über die Recherche zum Buch und Käthe Kruses bewegtes Leben. Der Roman erscheint am 17. Mai 2022, und schon im Dezember dürfen Sie sich auf den Folgeband freuen.
Thérese Lambert, Portrait
Im Gespräch
04. Apr. 2022
In ihrem neuen Roman „Alma & Gropius – Die unerhörte Leichtigkeit der Liebe“ erzählt Autorin Thérèse Lambert die Geschichte der Liebe zwischen der legendären Femme fatale Alma Mahler und Walter Gropius, dem Gründer des Bauhaus. Hier spricht sie über die Faszination einer echten Amour fou, ihre Recherche und die Schwierigkeiten beim Schreiben einer Liebesgeschichte, die auf historischen Tatsachen beruht.