Zwei Frauen. Zwei Jahrhunderte. Ein Meer: Juliane Heinemann im Interview
Das Buch erscheint am 11. März.
Das stumme Rauschen der Wellen bei Nacht
Roman
In ihrem Roman »Das stumme Rauschen der Wellen bei Nacht« beschreiben Sie nicht nur das Leben zweier sehr besonderer Frauen, Mieke und Lefke, sondern Sie machen auch eine faszinierende und sehr eigenwillige Landschaft zur Protagonistin: Die Marschlande bzw. die Halligen. Was verbindet Sie mit dieser Gegend, wofür steht sie für Sie?
Bei meinen Reisen an die Nordsee ist es immer so, dass ich, sobald ich ans Wasser komme, eine tiefe Ruhe in mir spüre. Und diese Ruhe gibt mir Kraft. Zugleich ist da aber auch etwas, das mich nicht loslässt. Dass dieser Naturraum schon immer Veränderungen unterworfen war. Das Meer als Erholungsraum ist ja noch nicht so alt, das kam erst ab ca. 1800. Und nun richte ich den Blick aus dem 21. Jahrhundert auf die vergangenen Zeiten und sehe, was sich in den Jahrhunderten verändert hat. In den 1970er Jahren wurden erstmals in einer breiten Öffentlichkeit die Folgen des Klimawandels verhandelt. Das ist ein Thema, das im 14. Jahrhundert noch keine Rolle gespielt hat. Deichschutz, Verlust von Lebensraum und Anpassung waren stets präsent. Aber der Mensch zeichnet sich durch große Resilienz aus. Er hat immer einen Weg gefunden, sich den verändernden Bedingungen anzupassen. Das ist etwas, das mir Hoffnung und Zuversicht gibt.
Lefke und Mieke leben zu verschiedenen Jahrhunderten, die eine Mitte des 14. Jahrhunderts, zur Zeit der zweiten Marcellusflut, die andere Ende der 1970er Jahre – was verbindet die beiden?
Sie verbindet unter anderem die Gegend, in der sie leben. Das, was zu Lefkes Zeit noch Marschland war, veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte, bis nur noch die Halligen blieben. Und das auch nur, weil der Mensch aktiv das Land durch Eindeichung schützte. Schon damals gab es niedrige Deiche, die aber zu wenig gepflegt wurden und den verheerenden Stürmen nicht standhalten konnten. Jeder Sturm konnte existenzbedrohend werden, manche sogar lebensbedrohlich. Mit dieser Angst lebten die Menschen, und das prägte sie. Lefke aber hört dem Meer und dem Wind zu. Sie sieht Zeichen eines heraufziehenden Sturms, wenn andere nichts sehen und hören wollen.
Mieke wiederum lebt in einer scheinbar sicheren, modernen Welt, in der ein Sturm hinter Deichen und auf Warften bedrohlich ist, dem Mensch aber nicht unverhofft alles nehmen kann. Die Landschaft ist geografisch dieselbe – aber sie ist eben durch die Jahrhunderte verändert, auch durch Eingriffe des Menschen. Selbst die Vogelinsel Norderoog kam damals nicht ohne jährliche Instandhaltungsmaßnahmen aus.
In Ihrem Roman spielt das Thema Stimme bzw. das Schweigen eine besondere Rolle – was war Ihnen an diesem Motiv so wichtig?
Lefke ist nach einem einschneidenden Erlebnis verstummt, dennoch kommuniziert sie weiterhin mit ihrem Umfeld und lernt, sich nicht nur ihrer Schwester Majken zu öffnen, sondern auch, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen, um ihr Überleben zu sichern. Mieke hingegen ist in ihrer Stille von Anfang an sehr beredt. Sie lebt für die Natur, ist in ihr stets leise unterwegs und lernt, sie zu lesen. In der Natur schweigen wir, um sie zu uns kommen zu lassen. Mieke hat sich selbst stets von ihrer Familie entfremdet gefühlt, weil sie anders war – und dieses Anderssein zeigt sich auch in ihrer Sprachlosigkeit. In der Natur ist ihr Anderssein ihre große Stärke.
Beide Frauenfiguren sind in Ihrem Roman mit ganz unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert, wie gehen sie damit um und was hat Sie selbst beim Schreiben über weibliche Rollenbilder besonders berührt?
Anders als Mieke, die sich mit ihren Lebensträumen durchsetzen kann, ist Lefke darauf angewiesen, sich in ihre Rolle zu fügen. Als Verstummte ist sie nicht gerade das, was man als »marriage material« bezeichnen würde. Auch Mieke tut sich schwer damit, den Ansprüchen ihrer Familie gerecht zu werden. An Frauen wird über die Jahrhunderte in besonderem Maße ein strenger, Moden unterworfener Maßstab angelegt. Wir dürfen nicht zu laut und nicht zu leise sein, nicht zu viel vom Leben verlangen, wir sollen uns in das traditionelle Familienbild fügen oder – im Fall von Lefke – am Besten gar keine Ansprüche stellen.