07. März 2024

Ein Familienroman zwischen Sizilien und Berlin und eine bittersüße Liebeserklärung an den italienischen Süden

Patrizia Di Stefano erzählt in ihrem heiteren und melancholischen Roman vom Leben in der Fremde, von Heimweh und der Schönheit Siziliens. In das Gefühl der »Nostalgia Siciliana« können Sie eintauchen – mit einem Interview mit der Autorin, einer Playlist zum Buch, einem Plakat zum Download, sowie einer Bildergalerie, die ein ganzes Leben in Sizilien und als Gastarbeiterfamilie in Deutschland erzählt. Und versuchen Sie sich an den unten aufgeführten sizilianischen Rezepten!

 »Nostalgia Siciliana« lässt die Leser:innen mit allen Sinnen in die Welt Siziliens eintauchen, insbesondere Farben und Bilder werden auf fast malerische Weise dargestellt. Sie haben viele Jahre als Grafikdesignerin gearbeitet bzw. tun dies noch heute. Gibt es Parallelen zwischen dem Gestalten und dem Schreiben?

Nostalgia Siciliana
Empfehlung
Hardcover
24,00 €

Eine schöne Frage! Ich würde sogar sagen, Schreiben ist Layouten 2.0. Als Grafikerin bin ich ja doch immer an vorhandene Gegebenheiten gebunden. Oft findet man das passende Bildmotiv für ein Cover nicht, auch wenn es vor dem Inneren Auge bereits deutlich Gestalt angenommen hat. Ich will gar nicht wissen, wie viele Jahre meines Lebens ich auf der Suche nach dem richtigen Foto von Ort oder Protagonistin verbracht und am Ende, mangels Motiv, doch wieder die berüchtigte und indifferente »Frau von hinten« abgebildet habe. Beim Schreiben dagegen genieße ich die unendliche Freiheit, alle Bilder, die in meinem Kopf sind, einfach nur abrufen und (be)schreiben zu können. Ein herrliches Gefühl! Es lässt einen schwerelos durch alle Situationen tanzen ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Vielleicht ist diese Leichtigkeit der Grund, warum ich an vielen Stellen so detailverliebt schreibe. Meine Leser:innen mögen es mir verzeihen. Da geht es dann einfach mit mir durch.

Auch das Cover Ihres Romans haben Sie selbst entworfen. Wie war es, das Cover für das eigene Buch zu gestalten?

Ich musste in der Tat darauf bestehen. Man war sich im Verlag nicht sicher, ob ich genug Abstand zu meinen eigenen Texten habe, um ein verkaufsstarkes und einzigartiges Cover zu entwickeln. Und unter uns – es war verdammt schwer. Bei der Covergestaltung geht es generell nicht so sehr darum, einen möglichst großen Rundumschlag zum Inhalt eines Buches zu machen, auch ist beispielsweise die Haarfarbe der Protagonistin oder die genaue Marke des Autos, in dem sie sitzt oder eine authentische Beschreibung des Ortes nicht von Bedeutung. Die Kunst liegt eher im Weglassen. Es geht ausschließlich um eine Stimmung, die transportiert werden soll. Ein Gefühl, das den Leser in der Buchhandlung neugierig machen und nach dem Buch greifen lassen soll. Und von da an ist dann der Klappentext zuständig. Damit hat das Cover seine Schuldigkeit getan.
Ich wollte anfangs unbedingt eines der charmanten Bilder meines Vaters auf dem Umschlag abbilden. Es gibt viele sehr aussagekräftige Fotos des echten Gianni aus der damaligen Zeit und Sizilien ist generell immer sehr fotogen. Am Ende habe ich mich aber dagegen entschieden und erfreulicherweise sah das der Verlag genauso. Das Buch sollte nicht wie eine Biografie wirken. Es sollte Lebensfreude und Liebe zu Sizilien ausstrahlen, aber auch ein bisschen kratzbürstig sein. Ich wollte kein reines »Sommer, Sonne, Heiterkeit«-Cover, sondern auch etwas Gastarbeiterfeeling der frühen 1960er mit einbringen. Auch wenn das jetzige Motiv an die fröhlichen Reiseplakate der 1950er/1960er Jahre erinnert, wird das Liebliche durch die etwas unbequeme Neonfarbe aufgehoben, die an dieser Selle wirklich wichtig war. Wie jedes Cover wird auch dieses polarisieren, aber ich freue mich über die vielen positiven Rückmeldungen, die es dazu bisher gab.

 

»Nostalgia Siciliana« ist Ihr Debütroman. Wann entstand der Wunsch, selbst zu schreiben, und was hat Sie dazu bewegt, diese Geschichte zu schreiben? 

Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon immer sehr gern geschrieben. Meinen ersten Roman begann ich mit 7, also in der zweiten Klasse. Es war ein episches Werk mit dem Titel »Das Leben« und begann mit dem schweren Tageswerk der Bauarbeiter, die gerade vor unserer Tür arbeiteten. Als ich schließlich das erste Kapitel meiner Mutter vorlegte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und empfahl mir, etwas zu schreiben, von dem ich auch etwas verstünde. Schmetterlinge. Freundschaften. So Zeug eben. Das hat mich dermaßen abgeschreckt, dass ich ganze fünfzig Jahre brauchte, um einen neuen Anlauf zu nehmen. Meine drei Söhne haben mich schließlich dazu überredet, die Geschichte ihres »Nonno« aufzuschreiben. Von Sizilien und der Geschichte meiner Familie und von Essen und Gefühlen verstehe ich etwas, dachte ich. Noch schwebt das Urteil meiner Mutter allerdings wie ein Damoklesschwert über mir. Sie hat gesagt, sie liest es erst, wenn es gedruckt ist. 

Die Geschichte unserer Familie lag mir aber zugegebenermaßen schon immer am Herzen. Ich wollte an den Mann erinnern, der als Sohn armer sizilianischer Bauern nach Deutschland kam, den Kopf voller Gedichte und Erfindungen, der hier in Deutschland als erster die Tiefkühlpizza erfand und dessen Geschichte heute in Vergessenheit geraten ist.

 

Protagonistin Tita ist wie Sie Halbsizilianerin, Grafikerin und am Ende Schriftstellerin. Wie viel von der Figur – und der ganzen Geschichte – ist autobiographisch und wie viel Fiktion? 

An dieser Geschichte ist so Vieles wahr, dass ich sie eigentlich nur vom Baum pflücken musste. Die Rahmenhandlung ist im weitesten Sinne frei erzählt. Zwar habe ich das Landgut Magní 2004 tatsächlich von meinem Onkel geerbt, leider waren aber im wahren Leben meine Cousinen zu schnell oder der Notar zu langsam. Jedenfalls war der Familiensitz schon verkauft, als ich auf Sizilien eintraf. Ich habe das Haus in meiner Fantasie wieder auferstehen lassen. Auch ein paar Figuren habe ich in der Rahmenhandlung dazu erfunden. Einfach, weil ich Tita mit ihren ganzen Gefühlen und den Ängsten nicht allein lassen wollte. Und Tita heißt übrigens nur aus dem Grund Tita, weil ich es irgendwie sonderbar fand, die ganze Zeit meinen eigenen Namen zu schreiben. Ich brauchte diesen Abstand. 


Der Vergangenheitsteil hat sich dagegen tatsächlich wie beschrieben zugetragen. Ich habe viele lange Gespräche mit meiner sizilianischen Verwandschaft geführt – mein Onkel Salvatore hatte mir zu Lebzeiten einige Notizen über seinen viel zu früh verstorbenen jüngeren Bruder überlassen und mich gebeten, ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – aber auch mit vielen der Berliner Gastronomen der ersten Stunde. Die meisten erinnern sich noch sehr gut an die Anfänge und an Papà. Es gab viel Recherche in alle Richtungen. Ich war in Kontakt mit mafianeindanke e.V., mit dem Archiv der Dr. Oetker AG, dem Seminario in Siracusa und vielen anderen mehr. Die ganzen Zeitzeugenberichte lassen die Vergangenheit lebendig werden. Selbst die Passage im Buch, als der bayrische Unternehmer – im wahren Leben Ernst Freiberger – bei einer Jubiläumsansprache betonte, er hätte ein angeblich bankrottes Unternehmen übernommen und meine Mutter daraufhin aufstand und türknallend den Raum verließ, ist nicht erfunden.

 

Sizilien wirkt wie ein Hauptdarsteller in Ihrem Buch. Sie betonen immer wieder, dass der Charme dieser Insel in ihren Gegensätzen liegt. Was hat es damit auf sich? 

Wer jemals auf Sizilien war, wird verstehen, was ich meine. Die Insel selbst und auch ihre Bewohner:innen sind voller Gegensätze. Sizilianer:innen sind fröhlich, und doch immer auch ein bisschen melancholisch. Sanft und dann wieder voller Leidenschaft. Ich denke, es liegt an den vielen kulturellen Einflüssen, die Sizilien im Laufe der Jahrtausende durch die unterschiedlichsten Besatzer erlebte. Die Schönheit der Landschaft tritt immer besonders dort in den Vordergrund, wo auch das Hässliche zu sehen ist. Selbst in der Küche findet man diese Kontraste. Süß und bitter wie ein »Averna«. Ich glaube übrigens, Inseln haben seit jeher ein ganz eigenes kulturelles Klima. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass sich Gianni in Westberlin gleich zuhause gefühlt hat.
 

»Manchmal dachte Gianni über die Gemeinsamkeiten seiner zwei Welten nach. Im Grunde genommen waren beides Inseln. Sizilien eingegrenzt vom Meer, Westberlin umschlossen von einer Mauer. ›Lu mari è amaru.‹ - Das Meer ist bitter, sagte man auf Sizilien. Wahrscheinlich, weil hier alles, was im Laufe der Zeit vom Meer kam, eine Bedrohung bedeutete … Allerdings gedieh auf Inseln auch die Kultur besonders gut. Zwar gab es Westberlin noch nicht allzu lang, aber im Grunde genommen war das Inselgefühl hier das gleiche.«

 

Sie stellen Sizilien dem Westberlin der 1960er/1970er Jahre gegenüber. Damals war Deutschland als Migrationsziel noch relativ neu. Haben die Italiener und Italienierinnen der ersten Stunde Ihrer Meinung nach dazu beigetragen, eine Brücke zwischen den beiden Welten zu schlagen? 

Definitiv! Das Thema Migration und Leben in der Fremde ist heute aktueller denn je. Als die Italiener:innen Anfang der 1960er Jahre als billige Arbeitskräfte nach Deutschland kamen, wurden sie sehr skeptisch empfangen. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, mit welchen Vorurteilen die ersten italienischen »Gastarbeiter« zu kämpfen hatten. Das Vermischen der Zugereisten mit den Deutschen war unerwünscht. Dem Italiener an sich sagte man nach, faul und unehrlich zu sein und den deutschen Frauen nachzustellen. In vielen Läden hatten Italiener:innen keinen Zutritt. Die italienischen Arbeiter seien Gäste und sollten sich auch so benehmen, hieß es. Sie hatten eigene Wohnheime, eigene Gaststätten, selbst eigene Fußballvereine. Meiner Meinung nach hat sich Italien über die Küchentür ins Herz der Deutschen geschlichen. Die italienische Küche ist in Deutschland mittlerweile beinahe präsenter als die deutsche. Und egal ob in kulinarischen Angelegenheiten, als Reiseland oder in Designfragen… heute gilt Italien eher als schick, verglichen mit dem Bild von damals. Diese erste italienische Welle ist jetzt knapp siebzig Jahre her. Manchmal frage ich mich, wie sich unsere Sicht auf die heutigen Einwanderer in einem halben Jahrhundert verändert haben wird. Wir dürfen gespannt sein.

Der Roman sprüht vor der Liebe zur sizilianischen Küche. Teilen Sie selbst die Leidenschaft zum traditionellen Kochen? 

»Traditionelles Kochen« ist schön formuliert. Ich habe das große Glück, einen Mann geheiratet zu haben, der als Norddeutscher eine sizilianische Seele hat und diese in Perfektion beim Kochen unter Beweis stellt. Ich liebe sein »Pesce spada alla siciliana« – Schwertfisch mit Tomaten, Kapern, Oliven, Colatura di Alici, Chili, Knoblauch und etwas Butter. Notfalls löffle ich die Soße auch pur mit etwas Brot. Um ehrlich zu sein, bin ich selbst zuhause eher für die traditionell deutschen Gerichte zuständig. Königsberger Klopse, Kartoffelsuppe oder Falscher Hase. Aber wenn mich die Sehnsucht nach der Insel packt – und das passiert leider ziemlich oft – brauche ich ganz schnell etwas sizilianische Heimwehküche. Und dann schließe ich beim ersten Bissen die Augen und bin im Bruchteil einer Sekunde wieder zuhause in Magní. Nostalgia siciliana eben.

Wer wie ich ab und zu einen kurzen Abstecher auf die schöne Insel der Gegensätze machen will, dem möchte ich nach dem Lesen des Buches meine sizilianischen Familiengerichte ans Herz legen. Kochen, Augen schließen, schmecken und im Süden Siziliens aufwachen. Ich wünsche allen LeserInnen viel Freude. Auf den Spuren von Gianni und Tita. Und beim Nachkochen.

Kochbuch »La cucina siciliana« zum Download

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