Übersetzerin Gesine Schröder über den neuen Roman von Louise Erdrich

Das Buch erscheint am 13. Oktober.
So war die Welt
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Roman
Liebe Frau Schröder, Sie haben den Roman »So war die Welt« von Louise Erdrich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Worum geht es darin?
Im Mittelpunkt der Handlung steht eine junge Frau in einer ländlichen Gemeinde im Mittleren Westen der USA zur Zeit der Finanzkrise von 2008, die in eine unglückliche Ehe hineingedrängt wird. Aber bei Louise Erdrichs Romanen lässt sich oft auch ein darunterliegendes Thema ausmachen, und das ist hier die Verantwortung...

Beim Übersetzen gab es sicherlich Passagen, die Sie besonders beschäftigt oder emotional gefordert haben. Welche Situationen oder Bilder haben bei Ihnen nachgewirkt?
Louise Erdrichs Romane sind nie leichte Kost. Aber – und das liebe ich an dieser Autorin besonders – sie nähert sich Leid und Elend nie mit einem voyeuristischen Blick. Einen grauenhaften Unfall zum Beispiel erleben wir aus der Perspektive eines jungen Mannes, der seinen Freunden so gut es geht zu Hilfe kommt. Das Geschehen traumatisiert ihn, aber er kämpft darum, in ein glückliches Leben zurückzufinden. Erdrichs Romane sind oft erschütternd, lassen einen aber nie verbittert oder hoffnungslos zurück.

Louise Erdrich begegnet all ihren Figuren mit spürbarer Zuneigung, sogar denjenigen, die auf den ersten Blick unsympathisch oder unangenehm erscheinen. Gibt es eine Figur, die Sie nach Abschluss der Arbeit am meisten vermissen werden und wenn ja, warum gerade sie?
Das stimmt! Louise Erdrich wird manchmal mit William Faulkner verglichen, aber ihr Blick auf sämtliche Figuren ist so viel wärmer als der ihres erklärten Vorbilds – und deshalb auch genauer, scheint mir. Diesmal haben mir Gerta und Trudy besonders gefallen, elf- und zwölfjährige Schwestern, die nichts als Chaos stiften. Eine Belastungsprobe für ihre liebevollen Eltern, aber was für ein Potenzial in diesen beiden jungen Menschen steckt! Man will sofort einen ganzen Roman über sie lesen. Oder über eine Zirkusriesin mit dem Künstlernamen Venus, obwohl sie zurzeit der Romanhandlung schon lange tot und begraben ist.

Wenn Sie den Leser:innen vor der Lektüre des Romans etwas mitgeben könnten – was wäre das? Worauf lohnt es sich besonders zu achten?
Es lohnt sich, nach den Vögeln Ausschau zu halten, die nicht nur am Himmel, sondern auch als Bilder und in Redensarten überall im Roman präsent sind. Sie haben uns mehr zu erzählen, als man es sich im Alltag bewusst macht, und nach der Lektüre schenkt man ihnen womöglich mehr Beachtung.
Und dann sind da die wechselnden Perspektiven: Mal sind wir einzelnen Figuren sehr nah, dann weitet und öffnet sich der Blick wieder zum größeren Ganzen hin – und zwar räumlich und zeitlich.
