25. Juli 2022

Gusel Jachina über Kinder, Wahrheit und Dichtung in ihrem neuen Roman »Wo vielleicht das Leben wartet«

»Wo vielleicht das Leben wartet« ist der dritte Roman von Gusel Jachina, der sich diesmal mit der Hungersnot im Wolgagebiet in den 1920er Jahren befasst. In diesem Interview - geführt von Marlies Juhnke und übersetzt von Helmut Ettinger - spricht sie von der tragenden Rolle der Kinder im neuen Roman, von Wahrheit und von Dichtung. Und sie legt eindrücklich nahe, dass man sich heute mit der Sowjetgeschichte nicht nur auseinandersetzen sollte, sondern muss.

Das Buch erscheint am 16. August 2022.

Im August wird Ihr dritter Roman »Wo vielleicht das Leben wartet« in deutscher Übersetzung erscheinen. Wie Ihre ersten beiden Romane befasst sich auch er mit den frühen Jahren der Sowjetunion im Wolgagebiet. 1921/1922 herrschte dort eine große Hungersnot. Was hat Sie veranlasst, über einen Versuch der Rettung von Waisenkindern vor dem Hungertod zu schreiben? Gab es dafür wie bei Ihrem Roman »Suleika öffnet die Augen« auch persönliche Gründe?

Vor einhundert Jahren erlebte Russland eine nationale Katastrophe: In fünfundvierzig Gouvernements mit einer Bevölkerung von 90 Millionen Menschen brach eine Hungersnot aus, von der nicht weniger als vierzig Millionen Menschen erfasst wurden. Es litten die Krim, Kasachstan, Westsibirien, die Ukraine und natürlich das Wolgagebiet. Die Zahl der Verhungerten hat damals niemand erfasst, doch die Wissenschaftler sind sich einig, dass es etwa 5 Millionen gewesen sein müssen. Wie viele dauerhafte körperliche oder seelischen Schäden davontrugen, entzieht sich jeder Schätzung.

Dem Hunger ging die durch die Beteiligung Russlands am Ersten Weltkrieg entstandene Besorgnis erregende Wirtschaftslage voraus, doch Hauptursache war die Politik des Nahrungsmittelterrors der Bolschewiki. Um die Rote Armee im Bürgerkrieg verpflegen zu können, fegte der Staat gnadenlos die Speicher der Bauern leer, wodurch er sie dem Hungertod preisgab.

 

Die sowjetische Geschichtsschreibung und Kunst haben das Thema umgangen und verschwiegen. Dort ist von »Missernten« die Rede. In den Büchern und Filmen der 1920er Jahre findet man dazu sehr wenig Wahrheit. So ist mein Roman gewissermaßen ein Versuch, diese Lücke zu füllen.

 

Von Anfang an war mir klar, dass ich künstlerische Lösungen finden musste, die dem Leser den Zugang zu der Materie erleichtern. Ich konnte nicht einfach im Stil einer Horrorgeschichte oder Tragödie von den Schrecken des Massenhungers berichten (was sich nach dem Studium des Materials durchaus anbot). Ich musste eine Form des Narrativs und Handlungsschritte finden, die geeignet waren, die Leser durch die Geschichte zu führen, sie aber auch von Zeit zu Zeit abzulenken, das Schlimme vergessen zu machen und zum Lachen zu bringen.

 

Also griff ich zum Genre der Reiseerzählung mit vielen Abenteuern, einer Liebesgeschichte (sogar zweien), dem Witz der Kinder und der filmischen Technik, Szenen aus zugespitzten Konflikten der Handlung entstehen zu lassen. Ich wollte unbedingt fesselnd schreiben – dazu stehe ich. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Mir geht es darum, dass junge Leute das Buch als Abenteuerstory und ältere es als ein seriöses Werk lesen können. Und dass sie nicht mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit zurückgelassen werden.

 

Es zeichnet das Bild einer Hungersnot in der Sowjetunion der 1920er Jahre in Form eines Abenteuerromans. Eine Folge dieser Tragödie sind 1,5 Millionen Waisenkinder, meist aus Bauernfamilien, deren Eltern verhungert waren. Von ihrem Schicksal berichtet der Roman. Die Geschichten, welche die Kinder im Buch selbst erzählen, sind wahr – ich habe sie in Archivdokumenten und in der Memoirenliteratur gefunden.

 

In meinen Romanen spüre ich stets auch psychologischen Fragen nach, die mich ganz persönlich interessieren. Ich suche die Zeit zu ergründen, in der meine Großmütter und -väter geboren wurden und aufgewachsen sind. Der Generation der 1910er und 1920er fühle ich mich sehr nah. Zugleich ist sie für mich ein großes Rätsel. In Russland gilt sie als die »schweigende Generation«, welche die schwersten Jahre der Sowjetmacht überlebt, aber ihren Kindern und Enkeln davon kaum etwas erzählt hat. Durch das Schreiben über jene Zeit möchte ich meine Omas und Opas, Mama und Papa und schließlich auch mich selbst besser verstehen. 

 

In meinem ersten Roman »Suleika öffnet die Augen« habe ich versucht, durch die Schilderung der Kampagne der Entkulakisierung und der Verbannung der Kulaken, des Lebens in einer sibirischen Arbeitsansiedlung den sehr komplizierten, harten Charakter meiner Großmutter zu enträtseln. Auch zum vorliegenden Roman »Wo vielleicht das Leben wartet« gibt es einen persönlichen Bezug: Mein Großvater väterlicherseits ist damals als obdachloser Junge im Wolgagebiet umhergezogen. Gemeinsam mit anderen Straßenkindern wurde er in den 1920er Jahren mit einem solchen Kinderzug, wie ich ihn im Roman beschreibe, nach Turkestan gebracht und damit vor dem Hungertod bewahrt. Einer der Figuren, dem kleinen Autisten Sagrejka, habe ich seinen Namen gegeben.

 

Das Interview führte Marlies Juhnke.

Die Antworten von Gusel Jachina wurden von Helmut Ettinger aus dem Russischen übersetzt.

Zum vollständigen Interview

Ich habe damit gerechnet, dass ein Roman über den Hunger in den 1920er Jahren sehr unterschiedliche emotionale Reaktionen auslösen wird, denn über die Sicht auf unsere Geschichte wird in Russland viel gestritten. Schon bei meinem ersten Roman wurde mir vorgeworfen, ich malte die sowjetische Vergangenheit zu schwarz, man dürfe sie nicht so grauenhaft darstellen. Zugleich behaupteten andere, ich beschönige, romantisiere sie und gehe oberflächlich damit um. Das wiederholt sich jetzt bei diesem Roman. Hier kommt die haltlose Behauptung des Plagiats hinzu – ohne jegliche Angaben, worin dieses bestehen soll, und von einem Mann, der das Buch gar nicht gelesen hat. Ein paar Vorwürfe gab es auch in Fernsehsendungen. Offenbar löst schon die Beschäftigung mit den tragischen Ereignissen der Sowjetzeit eine derart gereizte Aufmerksamkeit aus.

Der 24. Februar 2022 hat das Leben von Hunderten Millionen Menschen unwiderruflich verändert. Es wird nie wieder sein wie zuvor. Was wir jetzt erleben, haben unsere Dichter Große Geschichte genannt: Alles, was geschieht, wird in die Lehrbücher Eingang finden. Mit den Folgen werden sich die Wissenschaftler im ganzen 21. Jahrhundert zu befassen haben. Natürlich stellt sich die Frage, ob man heute Romane über die sowjetische Geschichte, über das, was vor hundert Jahren, einer endlos langen Zeit, in Russland geschehen ist, schreiben und lesen soll. Ich sage: Man soll es nicht nur, man muss es. Um die Ursachen der heutigen Geschehnisse zu verstehen.

 

Die Sowjetgeschichte ist nicht mit dem Zerfall der UdSSR vor dreißig Jahren zu Ende gegangen. Sie geht weiter. In Russland leben wir in dem Staat, der vor über hundert Jahren gegründet wurde, und das nicht formal, sondern real. Nach den von der Politikwissenschaft definierten Merkmalen war die Sowjetunion ein totalitäres System und ist das heutige Russland ein autoritäres. Doch das sind lediglich Stadien einer besonderen Entwicklung (die sich durchaus auch umkehren kann). Das Wesen unseres Staates besteht in seinem Verhältnis zu dem Menschen, der auf seinem Gebiet lebt. Der große, allmächtige Staat und der kleine, rechtlose Mensch – dieses Verhältnis ist aus meiner Sicht grundlegend, um die Sowjetunion und das heutige Russland zu verstehen.

 

Ich habe drei Romane geschrieben. Alle drei handeln von Geschichte, vom kleinen Menschen in den frühen Jahren der Sowjetzeit, als die Fundamente des kommunistischen Staates gelegt wurden. Der erste Roman, »Suleika öffnet die Augen«, erzählt von einer tatarischen Bäuerin, die nach Sibirien in die Verbannung geschickt wird. Der zweite, »Wolgakinder«, berichtet von den Russlanddeutschen an der Wolga, die in der Auseinandersetzung zweier Imperien, des sowjetischen und des deutschen, zu Geiseln werden. Mein dritter Roman, »Wo vielleicht das Leben wartet«, behandelt die Hungersnot im Wolgagebiet Anfang der 1920er Jahre.Der historische Roman über die sowjetische Vergangenheit ist für mich eine Methode, die Gegenwart Russlands zu ergründen und zu verstehen. Die Sowjetvergangenheit ist darin nach wie vor lebendig.

 

Damit meine ich keineswegs direkte geschichtliche Analogien (zum Beispiel Repressalien) oder die Situation bei den Grundrechten und -freiheiten. Das sind wichtige, aber äußerliche Faktoren. Mir geht es um die tieferliegenden, inneren Momente. Sie interessieren mich, wenn ich von Geschehnissen erzähle, die über einhundert Jahre zurückliegen. Warum beugt sich der Mensch klaglos der Staatsmaschinerie? Was geht in denen vor, für die Bürgerpflicht und Menschenpflicht miteinander in Konflikt geraten? Kann man als Werkzeug eines totalitären Mechanismus Mensch bleiben? Was ist das Wesen des Phänomens Sowjetunion, und worin liegt das Geheimnis seiner Langlebigkeit? Diese und andere Fragen haben mich dazu motiviert, den Roman »Wo vielleicht das Leben wartet« zu schreiben.

Der Hauptheld des Buches, Zugführer Dejew, ist Mörder und Retter zugleich. Mörder wider Willen, Retter auf eigenen Wunsch. Ironie des Schicksals: Er rettet das Leben hungernder Kinder, die auch durch seine Schuld zu Waisen geworden sind. Auf der ganzen sechswöchigen Fahrt versucht er sich zu beweisen, dass er Mensch geblieben ist. Er löst die ihm gestellten Aufgaben – treibt Essen für alle und Heizmaterial für die Lokomotive auf, trägt dazu bei, dass die Kinder die Cholera überstehen. Aber den inneren Konflikt kann er nicht bewältigen, und seine seelischen Verletzungen bringen ihn fast um den Verstand. Ungeachtet seiner inneren Zerrissenheit verkörpert Dejew tiefe menschliche Ideale und bewegt andere zu menschlichem Verhalten; er überzeugt sie auf verschiedene Weise, den Kindern seines Zuges zu helfen.

 

Ganz anders als der weiche, mitfühlende Dejew ist Kinderkommissarin Belaja von eher männlichem Charakter. Sie stellt Dejews vollkommenes Gegenteil dar, vor allem, was die Sicht auf wahre Menschlichkeit betrifft. Belaja bekämpft den Hunger von Berufs wegen und hat bereits Tausende Menschenleben gerettet. In ihrem Handeln lässt sie sich nicht von Mitgefühl, sondern von gründlicher Kenntnis der Lage und von exakten Zahlen leiten. So sind die beiden Pole verteilt: Gefühle, Weichheit und Empathie verkörpert die Gestalt des Mannes, kalte Professionalität, Härte und Kompromisslosigkeit die der Frau. Zwischen den beiden Polen funkt es, entwickelt sich eine Liebesgeschichte von der ersten Bekanntschaft und dem ersten Kuss bis zur Trennung. Hier haben wir es mit zwei Vorstellungen von Menschlichkeit zu tun. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.

Im Grunde ist dies kein Buch über die Schrecken jener Zeit und die Ausmaße der Hungersnot der 1920er Jahre (die, so hoffe ich, deutlich genug dargestellt sind). Mein Roman handelt von Menschlichkeit als einer unabdingbaren Voraussetzung für das Überleben jeder Gesellschaft. Davon, dass sich in jedem, auch dem härtesten Herzen nicht tierische, sondern menschliche Züge finden. Auf der langen Fahrt von 4000 Werst in sechs Wochen von Kasan nach Samarkand stößt der Zug auf Banden aller Art - von Tschekisten bis zu Kosaken und Basmatschen. Sie alle kämpfen gegeneinander und sind bereit, sich gegenseitig umzubringen, aber Kindern helfen sie. Und es zeigt sich, dass das höhere Ziel, die Rettung der Kinder, ihre politische Feindschaft zeitweilig aufhebt und sie zusammenführt. Die Kinder können nur gerettet werden, weil alle Erwachsenen Hand anlegen. Verweigert sich einer, gelangt der Zug nicht nach Samarkand. Doch er erreicht sein Ziel. Das Leben der Kinder, das bei dieser gefährlichen Reise auf dem Spiel steht, wird zum Maßstab der Menschlichkeit aller Erwachsenen, denen sie begegnen. Einige der geschilderten Situationen sind real (zum Beispiel der Kommandeur der Roten Armee, der seine Orden den bedürftigen Kindern schenkt), andere erfunden.

Ja. Man kann sagen, dass der Roman »Wo vielleicht das Leben wartet« von der Doppelgesichtigkeit des Phänomens Sowjetunion handelt. Die Hauptperson Dejew verkörpert gleichsam beide Seiten des Sowjetregimes – die dunkle und die lichte -, er ist Mörder und Retter der Waisenkinder zugleich. Die Dejews, die wider Willen zu Mördern wurden, Bauern erschossen, wenn sie die Lebensmittelsteuer nicht herausgaben, im GULAG tätig waren, die repressive Politik durchsetzten, waren in der Sowjetunion Legion. Zugleich waren sie Helden – kämpften gegen den Hunger, setzten Eisenbahnlinien instand, opferten sich bei Impfkampagnen, evakuierten hungernde Kinder, waren die Aktivisten von Großbauten, halfen, das Analphabetentum zu besiegen und in Gesellschaften des Orients die Befreiung der Frau durchzusetzen. Das Komplizierte und Vertrackte am Phänomen Sowjetregime ist nicht, dass es Schwarz und Weiß vertauschte, sondern dass es beides gleichzeitig war. Wahrscheinlich brauchen wir deswegen so lange Zeit, eine Haltung zu unserer sowjetischen Vergangenheit zu finden, die diesem Phänomen gerecht wird.

Anfangs glaubte ich, es werde mir am schwersten fallen, das Thema der Kinder in einem Roman zu gestalten. Aber dann stellte sich heraus, dass meine Bedenken unnötig waren. Am wenigsten wollte ich das Thema Kindheit ausbeuten. Beim Leser Mitleid mit armen Waisen zu erwecken kam für mich nicht in Frage. Auch das Studium des historischen Materials gab dazu keinen Anlass. Die Dokumente jener Zeit zeugen davon, dass es in der Welt der verwahrlosten Kinder der 1920er Jahre nicht nur Hunger und Krankheiten gab. Da waren eine unbändige Lebensgier, Banden und ihre Anführer, bestimmte Berufe, Reisen über Tausende Kilometer, eine ganz eigene Sprache, Wortschöpfungen, Sprücheklopferei, Bräuche und Rituale, Spitznamen aller Art, eine Palette unterschiedlichster Charaktere, hochinteressante psychologische Phänomene. All das wollte ich beschreiben. So verleihen die Kinder und ihre Welt diesem Roman eine kräftige Farbe, die all den Schrecken ringsum etwas entgegensetzt.

 

Das Besondere an der kindlichen Sicht auf die Hungerjahre liegt darin, dass sie den Hunger nicht als etwas Außergewöhnliches empfanden. Während die Erwachsenen die Situation als anomal und grauenvoll erlebten, sahen die Kinder sie nicht als Katastrophe. Der Hunger war zur Norm ihres Lebens geworden, zum gewohnten Umfeld, in dem sie fast ihre ganze Kindheit verbrachten, denn er währte fünf, sechs Jahre lang. Das musste ich im Roman zeigen – wie er die kindliche Psyche entstellte, ihr junges Leben zerbrach, die Gesundheit der Kinder untergrub, ihr Denken bestimmte und ihre Sprache prägte, während sie selbst all diese Vorgänge als normal empfanden. Sie sahen sich vor eine einfache Aufgabe gestellt – zu überleben wie kleine Tiere, und das um jeden Preis. In einem Kapitel am Ende des Buches werden alle fünfhundert Kinder einzeln aufgeführt. Ihre Spitz- und Rufnamen bilden einen kompakten Block von mehreren Seiten. Im Roman treten sie als kollektive Person auf, daher war es mir sehr wichtig, ihnen am Ende der Geschichte meinen Respekt zu erweisen, und wenn ich sie nur beim Namen nenne. Einige der Namen habe ich der Memoirenliteratur entnommen, die übrigen sind frei erfunden.

Während viele Namen der verwahrlosten Kinder der Phantasie der Autorin entspringen, sind die meisten Lebensgeschichten echt. Sie habe ich in den Erinnerungen von Sozialarbeitern und hauptamtlich mit diesen Problemen Befassten gefunden: die Geschichte von Griga Einohr, dessen bester Freund ein selbstgebasteltes Messer ist, von dem Tschuwaschen Senja, den in seinen Albträumen eine riesige Laus verfolgt, oder von Jegor, dem Lehmfresser, der sich während der Hungersnot von Lehm ernähren will … Bei der Vorbereitung auf das Schreiben habe ich in Zeitungen, Memoiren und Büchern mit Erzählungen von realen Kindern jener Jahre viele Sätze, Reime und Verschen entdeckt, die ich einfach in meine Prosa aufnehmen musste. Dadurch ist die Sprache der Kinder im Roman sehr authentisch geworden. Ebenso ihre dort beschriebenen Rituale, Gewohnheiten und ihr Aberglaube. Dazu gehört auch das Heiratsfieber, das den Zug erfasst, als noch ganz grüne Jungen und Mädchen sich miteinander »vermählen«.

 

Zunächst habe ich daran gedacht, das weitere Schicksal der Kinder in einem Epilog zu schildern. Doch als mir klar wurde, dass dieser nur tragisch sein kann, habe ich die Idee verworfen. Die in dem Roman beschriebene Generation hat in den frühen Jahren der Sowjetunion am meisten gelitten. Manche dieser Kinder sollten als Erwachsene während Stalins Großem Terror von 1937 ums Leben kommen, andere im Zweiten Weltkrieg fallen. Doch einige überlebten – so auch mein Großvater. Er wurde 93 Jahre alt.

Dieser Roman ist als Heldengeschichte angelegt. Auf dem Weg zum Ziel – Samarkand – stößt Dejew auf zahlreiche Hindernisse, die er nur mit Heldentaten überwinden kann. Er muss Nahrung und Kleidung für die Kinder, Heizmaterial für die Lok, Medikamente und Seife beschaffen, den Zug durch die Wüste führen, wo plötzlich kein Gleis mehr da ist … Bei diesem Aufbau muss man zu Zaubermärchen oder antiken Mythen greifen, damit Hoffnung bleibt, dass die Geschichte mit dem Sieg des Helden endet. Das erleichtert es dem Leser, dem schwer verdaulichen Sujet zu folgen. 

Anders betrachtet, erinnert die Reise unserer Helden an die Arche Noahs: Sie schwimmen aus einem Land, wo man hungert, in eines, wo es satt zu essen gibt, vom Tod ins Leben. Unterwegs nimmt Noah Dejew immer wieder Kinder aus allen Ecken und Enden Sowjetrusslands auf, um sie vor dem Hungertod zu bewahren.

Man kann sagen: Dieses Buch enthält ein gerüttelt Maß an Mythologie. Die Legende ist sein Gerüst. Zugleich finden sich darin eine Menge historischer Wahrheit, echte Biographien und Realia der Hungerjahre. Meine Aufgabe war es, Dichtung und Wahrheit nahtlos miteinander zu verbinden, Elemente von Wahrheit in die erdachte Geschichte einzufügen und umgekehrt, damit all das auf den Leser glaubhaft wirkt. Es sollte ein Text entstehen, der als Kunstprodukt und ebenso als authentischer Bericht über die Hungersnot der 1920er Jahre gelesen werden kann.

 

Ich versuche stets, die Zeit, über die ich schreibe, von verschiedenen Seiten zu betrachten. Mein erster Blick ist der aus der Vogelperspektive, die Sicht professioneller Historiker. Er ist mir wichtig, um die Zusammenhänge geschichtlicher Ereignisse zu erkennen und mir ein objektives Bild von den Vorgängen zu machen. Bei der Arbeit an diesem Roman habe ich mich vor allem auf die Habilitationsschrift von Wjatscheslaw Poljakow, einem der bedeutendsten Forscher zu den Hungerperioden in der Sowjetunion, gestützt.

 

Der zweite Blick ist der von innen, von Menschen, die in der bewussten Zeit gelebt und Zeugnisse hinterlassen haben - eine emotionsgeladene, psychologische, subjektive Sicht. Aufzeichnungen, Memoiren und Tagebücher von Menschen, die den Hunger der 1920er Jahre erlebt haben, gibt es in großer Menge. Sehr geholfen haben mir die interne Korrespondenz der Organe der Tscheka, die im Kampf gegen den Hunger in vorderster Reihe stand, und Leserbriefe von Bauern an Zeitungsredaktionen. Auch hier findet sich eher eine psychologische Sicht. Von der Nahtstelle dieser beiden Sichtweisen her – der wissenschaftlichen, die, gestützt auf riesige Zahlenmengen, große Prozesse untersucht, und der aus dem Inneren heraus– entwickelt man ein besseres Gefühl für die Zeit, über die man schreibt.

 

Dann ist da noch ein ganz anderer Blick, jener des Künstlers, der damals gelebt hat. Des Malers, des Filmregisseurs oder Kameramanns, aber nicht des Schriftstellers. Ich vermeide es bewusst, literarische Texte zu einem Thema zu lesen, das mich gerade selbst beschäftigt. Ich möchte mich davon nicht zu stark beeinflussen lassen. Für diesem Roman habe ich mir Wochenschauen der 1920er Jahre und den einzigen Spielfilm über jene Jahre angeschaut. Zur Sowjetzeit war er verboten, heute ist er frei zugänglich. Eine riesige Menge von Dingen, die es damals auch gab, kommen in dem Roman nicht vor: Morde, Prostitution und Kannibalismus von Kindern, da Brüder ihre Schwestern aufgegessen haben und umgekehrt … Ich spreche diese Themen an, nicht direkt, weil ich den Horror nicht genießen und den Leser nicht schockieren will, sondern in Andeutungen. Wer aufmerksam liest, versteht, wovon die Rede ist. Das habe ich getan, um dem Leser das Unerträgliche jener schrecklichen Vorgänge zu ersparen.


 


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