Frauen von heute in einer Welt von gestern: mutig und rebellisch, schlagfertig und unbezähmbar!

In Paris zur Zeit des Sonnenkönigs veranstaltet eine Gruppe von Frauen literarische Salons. Sie treffen sich, um zusammen heiße Schokolade zu trinken, zu flirten und einander Geschichten zu erzählen. Davon handelt das neue Buch von Clare Pollard, »Der Salon der kühnen Frauen«, in der Übersetzung von Anke Caroline Burger. In ihrem Brief an ihre Leser:innen schreibt die Autorin von den realen Vorbildern für ihren wilden historischen Roman, vom Leben unter der Herrschaft von Ludwig dem XIV. und von der Faszination für

Märchen.Das Buch erscheint am 13. August.

Liebe Leserinnen und Leser,

mein letzter Roman »Delphi« spielte in unserer eher deprimierenden Gegenwart, und ich wollte als nächstes gern etwas völlig anderes schreiben. Etwas, das richtig Spaß macht. Die Art Buch, auf die ich mich ungeduldig freuen, die ich vorbestellen und dann möglichst langsam lesen würde, damit der Genuss ein bisschen länger andauert. Und dann bin ich über die literarischen Salons im Paris des ausgehenden siebzehnten Jahrhunderts gestolpert, in denen die Märchen ihre heutige Gestalt annahmen – und die damit meiner Meinung nach die gesamte Literatur, wie wir sie kennen, verändert haben.

Der Salon der kühnen Frauen
Empfehlung

Als Teenager war ich besessen von Angela Carter – besonders von der Blutigen Kammer und ihren Charles-Perrault-Übersetzungen ins Englische – außerdem las ich alle Bücher von Marina Warner über Märchen, insofern muss ich diesem literarischen Zirkel schon vor langer Zeit begegnet sein. Als mir klar wurde, dass ich einen Roman über diese Frauen (nebst ein oder zwei Männern) schreiben könnte, kam es mir wie die Idee vor, auf die ich mein Leben lang gewartet habe. Mein Hauptaugenmerk habe ich auf Marie D’Aulnoy gerichtet, die Salons in ihrem Haus veranstaltete – und die den Begriff »Feenmärchen« (conte de fées beziehungsweise fairy tale) prägte – zusammen mit Charles Perrault, Henriette-Julie de Murat und Charlotte-Rose de la Force. Dieser Kreis wurde unter dem Namen »die modernen Feen« (les fées modernes oder the Modern Fairies) bekannt, und sie trafen sich, um heiße Schokolade zu trinken, zu flirten, sich zu verkleiden und einander Märchen zu erzählen. Manchmal sammelten sie alte Volksmärchen und gaben ihnen eine moderne Wendung, bei anderen Gelegenheiten erfanden sie völlig neue Märchen. Die uns heute bekannten Versionen von Rotkäppchen, Dornröschen, Rapunzel, Rumpelstilzchen, die Schöne und das Biest, Blaubart und Aschenputtel wurden in genau diesem Wohnzimmer erzählt, über hundert Jahre vor den Gebrüdern Grimm. Aber ihre subversiven Geschichten brachten die Erzählerinnen auch in ernste Gefahr. War da ein Wolf in ihrer Mitte?

Mein Roman ist natürlich Fiktion, und nicht jedes Detail darf für bare Münze genommen werden. Ein erstaunlich umfangreicher Teil davon stützt sich jedoch auf die Realität. Während meiner Recherchearbeiten stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass die Märchen und das echte Leben der Erzählerinnen unter der Herrschaft von Ludwig dem XIV. verblüffend viel miteinander zu tun hatten. In der damaligen Gesellschaft wurden viele, viele Frauen in Türme eingesperrt, wie meine Figuren zu ihrem großen Leid selbst feststellen müssen. Am Salon der modernen Feen nahm eine echte Prinzessin teil. Versailles besaß einen Spiegelsaal. Die Mätresse des Königs wurde beschuldigt, ihre Rivalin mit einer vergifteten Frucht aus dem Weg geräumt zu haben. Henriette de Murat provozierte einen schrecklichen Skandal, als sie in einem roten Reitcape zum Gottesdienst erschien, und Charlotte-Rose de la Force hat sich angeblich als Bär verkleidet mit einer fahrenden Zirkustruppe in eine Burg eigeschlichen, um ihren Geliebten zu finden!

Außerdem wollte ich ein Buch schreiben, das einfach Freude macht. Es beinhaltet alles, was ich selbst gern lese. Es geht natürlich um schreibende Menschen und Bücher (was wollt ihr: Der Salon war im Grunde ein Buchclub!). Es gibt außerdem jede Menge witzige Dialoge und ganz viel Sex und das Buch ist in gewisser Weise mein erster Versuch, etwas in meinem Lieblingsgenre zu schreiben, der Liebeskomödie. Ein Märchen sollte immerhin mit einem Kuss wahrer Liebe enden.

Am wichtigsten war mir, dass »Der Salon der kühnen Frauen« eine spannende Geschichte ist, die von einer Stimme erzählt wird, der ihr völlig vertrauen könnt. Dieses Buch ist ein Tribut an die Geschichtenerzählerinnen und -erzähler und die sehr realen Risiken, die sie in vielen Gesellschaften auch heute noch eingehen –, ein Dank für die Wahrheiten, die sie bezeugen, und die Freude, die sie bereiten. Dieses Buch habe ich als Anerkennung all der vielen unbesungenen Mutter Gänse geschrieben.

Womit ich euch eins sagen möchte, liebe Leserinnen und Leser: geht zum Ball, auf zum Tanz!

Dankbar, eure Clare

Urheber:innen

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