24. März 2022

Von den Wunden, die die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen miteinander verbinden

Authentisch und berührend erzählt »Die Stunde der Nebelkinder« die Schicksale zweier ungleicher Frauen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Interview gibt Stefanie Gregg Einblick in ihre Recherche, die Themen und Schauplätze ihres neuen Romans.

Bereits in »Nebelkinder« durften wir über das Schicksal der Vahrenhorst-Frauen lesen. Teile Ihrer eigenen Familiengeschichte sind darin eingeflossen. Basiert »Die Stunde der Nebelkinder« ebenfalls auf wahren Begebenheiten?

Im ersten Band »Nebelkinder« ging es viel um Fluchtgeschichten. Hier sind tatsächlich einige meiner eigenen Familienerinnerungen eingeflossen. »Die Stunde der Nebelkinder« greift auch Kriegserfahrungen auf. Verstärkt geht es hier jedoch um Helene, die in der Zeit der Achtziger in München als Künstlerin aufwächst. In der großen Zeit Münchens, als sich diverse bedeutende Menschen wie Bernstein, Foucault oder Freddie Mercury in München trafen. Allerdings ist die kleine Helene als mutige »Trümmerprinzessin« nach dem Krieg auch ein wenig an Erinnerungen meiner Mutter angelehnt, die ein freiheitsliebendes junges Persönchen war. Sie stieg tatsächlich in den Jeep eines »Amis« ein, um mit ihm eine Runde zu fahren. Ein unglaubliches Erlebnis, von dem sie guttat, es nie ihren Eltern zu erzählen, die es als immense Gefahr gesehen hätten.

Diesmal steht Helene, die jüngere Tochter der Familie, im Fokus des Romans. Was hat Sie dazu bewegt, ihre Geschichte zu erzählen?

Das kleine wilde »Lenchen« aus dem ersten Band beschäftigte mich immer sehr. Sie hatte mein Herz erobert, und wie ich aus vielen Leserbriefen weiß, auch das Herz der Leser:innen. Während die größere Schwester Anastasia den sehr typischen Weg der fünfziger Jahre geht: Sicherheiten schaffen, Häuschen bauen, Hausfrau werden, schlägt Lenchen, die zur erwachsenen Helene wird, den Weg einer Minderheit ein: Sie ordnet sich nicht in die satte, nach Sicherheit und Wohlstand strebende Gesellschaft ein, sondern sucht ihre eigenen Werte. Und sie eröffnet sich damit auch ganz neue Wege. Diese sind jedoch schwer und führen Helene über einige tiefe Abgründe. Die Vergewaltigungen der Kriegszeit spielen eine große Rolle in meinen Romanen. Wobei es mir wichtig ist, zu zeigen, dass solch entsetzliche Erlebnisse als Traumata weit in die nächsten Generationen hineinwirken. Helene aber bricht mit dem selbstverständlichen Schweigen der Kriegsgeneration über diese Tabuthemen, die immer als die Schuld der Frauen galten. Sie steht auf, macht öffentlich, klagt an und bahnt damit die Wege für die nächste Generation von Frauen, die heutzutage mit einer größeren Selbstverständlichkeit ihre Rechte einfordern. Eine mutige Frau wie Helene, und was solche Frauen wiederum für die nächste Generation erreicht haben, das hat mich interessiert und fasziniert.

 

Inwiefern lernen wir auch Käthe, die Mutter von Helene, in diesem Roman neu kennen und auf welche Weise verknüpfen sich die beiden Handlungsstränge zu einer Mutter-Tochter-Geschichte?

Helene konnte ihre eigene Mutter nie verstehen. Sie fühlt sich in ihrer Kindheit aufgrund ihrer Widerspenstigkeit und später als Künstlerin und eigensinnige Frau in ihren Werten abgelehnt. Als Käthe versucht, ihr zu helfen und dabei endlich bereit ist, auch über ihre eigenen Wunden zu sprechen, kommen Mutter und Tochter sich endlich nahe. Die beiden reisen auf den Monte Verità in der Schweiz, auf dem Künstler seit Jahrhunderten versucht haben, zu sich zu finden. Dort entdecken die beiden sich selbst, ihre eigene Lebensgeschichte und die andere neu.

 

Der Roman spielt hauptsächlich in den späten achtziger Jahren in München, aber auch in den Dreißigern in Breslau. Welche Themen waren Ihnen für diese beiden Orten und Zeiten besonders wichtig?

Es sind die Wunden, die die Generationen miteinander verbinden, die Ähnlichkeiten in Familien und die Unterschiede. Ähnliche und ganz andere Lebensumstände. Es interessiert mich, wie dies verbinden oder trennen kann.

Wie haben Sie für diesen Roman recherchiert? Gab es dabei einen Moment, der den Schreibprozess des Buches besonders geprägt hat?

Wie immer bei mir ist das Recherchieren ein aufwändiger und langer Prozess. Meist stehen zuerst Bücher, Erzählungen, fiktive und reale Geschichten, Sachbücher, zeitgeschichtliches Wissen. Dann kommt der Moment, an dem ich weiß, dass ich an einen Ort, einen Schauplatz meines Romans, fahren muss. Diesmal war es der Monte Verità. Ich hatte so viel über ihn gelesen, über all seine seltsamen Bewohner. Manchmal können dann diese mythenumwobenen Orte in der Realität nicht das halten, was ihre Geschichten versprechen. Hier jedoch hatte ich sofort das Gefühl, dies ist ein sehr besonderer Ort. Ein Ort, an dem auch ich Kraft schöpfen kann, der mich zum Nachdenken bringt, zum Erspüren von Natur, aber auch zum Erspüren von Menschen, Bedürfnissen, Werten.

Ein für mich »magischer Moment«, den ich meine Helene im Buch jedoch nicht erleben ließ, weil es mir selbst gar zu verrückt erschien, war, als ich nach stundenlangem Suchen und gerade bevor ich aufgeben wollte, jene Felsspalte fand, in der Gustav Gräser, einer der Begründer der Gemeinschaft der Lebensreformer auf dem Monte Verità, jahrelang lebte, und Hermann Hesse dort bei ihm einige Wochen verbracht hat. Ich fand die Höhle. Kein Touristenort. Ich brach mir fast das Bein beim Aufstieg. Dann saß ich dort zwei Stunden, genoss die Luft, den Wald, das Gestein, den Ort und wusste, dass ich jene Steine berührte, die auch Hermann Hesse berührt haben musste. – Für die meisten Menschen mag dies nicht nachvollziehbar sein, für mich war es ein magischer und glücklicher Moment. Und ich glaubte nun selbst meiner Erzählung, dass man auf dem Monte Verità Erkenntnisse finden kann und sein Leben neu überdenken.

 

Was möchten Sie Ihren Leser:innen mit auf den Weg geben?

Sprecht mit der Generation vor euch. Fragt sie. Denn sie haben viele Geschichten, die sie erst erzählen, wenn man sie fragt und die doch die vorherige Generation erklären und auch das eigene Leben. Und sprecht mit der Generation nach euch, um zu verstehen, wo sie noch eure Lasten tragen und wo sie viel weitergekommen sind. Sprecht. Und versucht zu verstehen.

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