09. März 2022

Rebekka Eder über die bittersüße Erfindung der Schokolade

Seit wann gibt es Schokolade in Deutschland? In ihrer großen Familiensaga »Die Schokoladenfabrik« erzählt Rebekka Eder die Geschichte der beispiellosen Schokoladendynastie Stollwerck in Köln. Im zweiten Band, »Das Geheimnis der Erfinderin«, gibt die Autorin Einblicke in die bitteren Anfänge einer Süßigkeit, die in rasantem Tempo die Welt erobern wird.
Rebekka Eder, Autorin

Zwar gibt es Schokolade überall, und doch ist sie etwas Besonderes. Fast magisch. Sie weckt Kindheitserinnerungen, schafft sinnliche Momente. Sie ist eine Versuchung. Eine Wohltat. Eine Seelentrösterin. Genuss pur. Und dabei so natürlich wie Kaffee oder Tee. All das dachte ich, bevor ich mit dem Schreiben meiner Stollwerck-Saga »Die Schokoladenfabrik« begonnen habe. Und dann tauchte ich tiefer in die Thematik ein.

Um aber den Siegeszug der Schokolade in Europa nachvollziehen zu können, müssen wir die rosarote Brille abnehmen, die uns die Werbeindustrie seit über einem Jahrhundert aufsetzt. Denn zunächst fällt einem bei den ersten Recherchen die schlechte Gesundheitsversorgung des beginnenden 19. Jahrhunderts auf. Da sind die Apotheker, die ihre Geheimmittel anpreisen, die zwielichtigen Straßenbader und die Barbiere mit ihren Aderlass-Schnäppern. In Städten wie Köln, in ihren überfüllten Häusern und lichtarmen Fabriken, kämpfen die Menschen mehr denn je mit Krankheiten. Gerade die arme Bevölkerung lechzt nach jedem Mittel, das ihr Erleichterung verschaffen kann.

 

Ist Schokolade gesund? Heilmittel statt Süßigkeit

Der Zuckerbäcker Franz Stollwerck erkennt diese Nachfrage rasch. Er ist ein Mann mit großen Zielen, mit viel Energie und unzähligen Ideen. Eine davon: Heilbonbons gegen Husten und Heiserkeit. Im ersten Band meiner Saga, »Die Tochter des Apothekers«, ist es seine Frau Anna Sophia, die ihr Wissen als Apothekertochter in die Firma einbringt. Wie Franz in Wahrheit auf sein Rezept kam, ist nicht sicher. Eine Verbindung zu Apotheken ist bei Süßwarenproduzenten im 19. Jahrhundert aber keine Seltenheit: So war Rudolf Lindt der Sohn eines Berner Apothekers und Henri Nestlé Gehilfe in einer Frankfurter Apotheke. Schokolade wurde in dieser Zeit nicht nur als Luxusgut der reichen Bevölkerung konsumiert, sie wurde vor allem als Heilmittel in den Apotheken verkauft.

Mitte des 19. Jahrhunderts war die breite Masse nicht vermögend, doch seine letzten Pfennige gab man häufig für die Gesundheit aus. Franz Stollwerck hat daher neben seinen Brustbonbons schon früh Gesundheitskakao und -schokolade im Sortiment. Noch viele Jahrzehnte lang bietet die Firma gegen Blutarmut »Haemalbumin-Chokolade«, für Diabetiker eine »Laevulose« und für Sportler eine »Mutase-Schokolade« an. Franz streckt überall seine Fühler aus: Er stellt auch Liköre her, betreibt Kaffeehäuser und sogar Theater. Bis seine Söhne ins Unternehmen einsteigen und eine neue Ära einläuten. An dieser Stelle beginnt der zweite Band meiner Saga: »Das Geheimnis der Erfinderin«.

Geschichte der Schokolade: vom Luxusgut zum Nahrungsmittel

Während Franz mit seinen drei ältesten Söhnen in einen unerbittlichen Streit gerät, wandelt sich Schokolade zunächst vom Medikament zum Luxusgut und später zum Nahrungsmittel. Möglich wird das nicht nur durch den technischen Fortschritt in den Fabriken, sondern vor allem durch die Kolonisierung in afrikanischen und südamerikanischen Ländern. Auf Kakaoplantagen wie beispielsweise der Insel Saõ Tomé werden Menschen als Sklaven ausgebeutet und misshandelt. Unter menschenunwürdigen Bedingungen müssen sie den Kakao ernten, der dann nach Europa verschifft und dank dieser Gewaltherrschaft erschwinglich wird. Stollwerck nutzt den Wandel nicht nur, sondern beginnt bald sogar, ihn mit voranzutreiben.

Wenn wir von Schokolade Mitte des 19. Jahrhunderts sprechen, dürfen wir uns nicht die zart schmelzende Versuchung von heute vorstellen. Es gibt noch kein Milchpulver. Lindt hat das Conchieren noch nicht erfunden, das die Schokolade so cremig macht. Stattdessen hat sie etwas Krümeliges an sich und wird meist von seltsamem Nachgeschmack begleitet. Sie wird aus Kakao und Zucker gefertigt – zumindest im besten Fall. Denn um wettbewerbsfähig zu bleiben, mischen viele Fabriken geröstetes Mehl, Rindstalg oder sogar Ton bei. Die ein oder andere Tafel enthält überhaupt keinen Kakao. Schokolade, wie wir sie heute kennen, gibt es noch nicht. Und hier wird deutlich, dass Schokolade nicht »natürlich«  ist: Für ihre Entwicklung braucht es viele Jahrzehnte Lebensmittelchemie, einen gigantischen Maschinenpark, grausame Ausbeutung auf den Kakaoplantagen sowie eine große Menge weiblicher, schlecht bezahlter Arbeitskräfte, die bei Stollwerck »Mädchen« genannt werden und die in meiner Saga eine wichtige Rolle spielen …

 

Von der Bohne bis zur Tafel: Die Gläserne Fabrik

Die Gebrüder Stollwerck, vor allem der Erfinder Heinrich, erzielen mit ihrer Schokoladenfabrik schnell immense Fortschritte. Früh eröffnen sie eine »Gläserne Fabrik« in der Hohe Straße Kölns, durch deren Schaufenster Passanten beobachten können, wie riesige Maschinen aus den als »exotisch« betrachteten Kakaobohnen die »heimische« Schokolade fertigen. Meine Hauptfigur Apollonia Krusius ist von den wie von Zauberhand betriebenen Apparaten so fasziniert, dass der Anblick sie einfach nicht mehr loslässt. Eines Tages möchte sie selbst etwas Bahnbrechendes erschaffen – muss dafür als junge Frau aber gegen zahlreiche Widrigkeiten kämpfen.

Tatsächlich bewirkt die Firma Stollwerck bald Großes. Auch mit ihrer Hilfe wird Schokolade nicht nur geschmacklich zu dem gemacht, was sie heute ist. Stollwerck ist auch für viele Assoziationen mitverantwortlich, die wir haben, wenn wir Schokolade essen oder nur über sie sprechen.

Im dritten Band der »Schokoladenfabrik«, der für das Jahr 2023 geplant ist, werden daher vor allem kunstvolle Sammelbilder und völlig neuartige Reklame im Zentrum stehen. Denn nur mit all diesen Zutaten konnte die Schokolade zu dem werden, was sie heute ist: ständig verfügbar und doch besonders. Fast magisch. Für manche eine Wohltat. Eine umstrittene Versuchung. Industriell gefertigt und doch: Genuss, wenn auch nicht pur.

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