14. Febr. 2022

»Ursula und die Farben der Hoffnung«: Ulrike Renk über den zweiten Band der großen Berlin-Familiensaga

Bestsellerautorin Ulrike Renk erzählt in ihrem Interview, was sie zu ihren Romanen inspiriert, warum sie an der jungen Kunststudentin Ursula, der Hauptfigur ihrer aktuellen Saga um die Künstlerfamilie Dehmel, so sehr hängt, und sie verrät, welche Leidenschaften sie neben dem Schreiben noch hat.

Ihre Romane zeichnen sich dadurch aus, dass Sie sehr emotional und mit großem Einfühlungsvermögen die Familiengeschichten und Lebenswege realer Personen nachzeichnen. Was macht für Sie die Faszination aus, sich mit diesen Biographien zu beschäftigen?

Jede Biographie, jede Familiengeschichte hat ihren Reiz, ist spannend und oft auch sehr ergreifend. Ich habe mich früh mit Familiengeschichten befasst, habe meiner Großmutter immer fasziniert gelauscht, wenn sie – was leider selten war – von früher erzählte. Ich habe sehr bereut, dass ich ihre Erzählungen nicht aufgeschrieben habe. Nun darf ich die Leben anderer erzählen und lasse mich von den Details und Tatsachen in die Geschichte ziehen. Und es ist jedes Mal von Neuem ein Abenteuer, ein Erlebnis – oft auch schmerzhaft –, aber immer und immer spannend. Ich tauche gerne ein in diese anderen Welten.

Ursula, die Hauptfigur des zweiten Bandes Ihrer neuen Familiensaga, möchte Buch-Illustratorin werden und an der Kunsthochschule in Berlin studieren. In der damaligen Zeit musste sie sich über einige Hürden hinwegsetzen, um sich diesen Lebenstraum zu erfüllen. Was fasziniert Sie an Ursula? Als Künstlerin und als Frau?

Ursula war einerseits so ganz anders als ich – aber andererseits hatte sie diese schöpferische, künstlerische Seite, zu der ich mich verbunden fühle. Sie hat ihr Leben gemeistert, trotz vieler Schwierigkeiten. Sie muss eine wahnsinnig beeindruckende Frau gewesen sein, ohne dabei im Vordergrund gestanden zu haben, eher still und nachdenklich. Das hat mich fasziniert. Sie ging ihren Weg, der holprig und schwierig war, aber sie ist ihn gegangen – manchmal auch ohne groß nachzudenken.

Sie hat Dinge getan, die getan werden mussten, das hat mich unglaublich beeindruckt. Es war damals nicht einfach, sich als Künstlerin durchzusetzen. Dabei hatte Ursula noch nicht einmal den Anspruch, großartige Dinge zu erschaffen, sie wollte Gebrauchskunst machen, schöne Bücher gestalten. Die Widerstände, die es gegen Frauen zuhauf gab, hat sie überwunden – oft einfach dadurch, dass sie sie ignoriert hat und ihren Weg stoisch weitergegangen ist.

Die Nachfahren der von Ihnen beschriebenen Frauenfiguren, sei es von Ruth Meyer aus der Seidenstadt-Saga oder von den Frauen der Dehmel-Familie, sind begeisterte Leser:innen Ihrer Bücher und loben die große Authentizität der von Ihnen gezeichneten Figuren. Wie schaffen Sie es, sich derart intensiv in die Innenwelten Ihrer Figuren einzudenken?

Die Familiensagas, die ich schreibe, bekomme ich ja immer von den Nachfahren »geschenkt« – die Familie überlässt mir die Geschichte, wohl wissend, dass ich sie fiktiv verändern werde. Dennoch gab es bisher immer einen sehr intensiven Austausch mit den Nachkommen, die mir auch oft sehr persönliches Material zur Ansicht gegeben haben. Dadurch habe ich natürlich schon mal einen guten Einblick in die Familiengeschichte. Manchmal muss man dennoch das ein oder andere verändern, um aus einem Leben eine Geschichte machen zu können –, doch es ist mir bisher immer gelungen, nah an der realen Person zu bleiben, denn über ihr Leben will ich ja erzählen. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Ausgangspunkt, wenn ich beschließe, eine Geschichte zu erzählen - wenn ich das Gefühle habe, sie erzählen zu müssen - immer ist, dass ein gewisser Funke überspringt. Etwas, was mich an den Personen fesselt, was mich mit ihnen verbindet. Das heißt nicht, dass sie so sein müssen wie ich, sondern dass ich mich eben sehr gut in sie und ihr Leben hineindenken kann und eine Verbindung fühle. Es ist jedes Mal ein neues Wagnis, und ich bin sehr froh und dankbar, dass die Familien meine Art, ihre Geschichte zu erzählen, so schätzen.

 

Ursula hat eine ganz besondere Art, die Welt wahrzunehmen, sogar Gefühle haben für sie Farben. Sie beschreiben das sehr lebendig und authentisch, geht es Ihnen selbst ähnlich?

Nein, ganz und gar nicht. Ich habe auf einem Auge eine Farbschwäche. Ich bin nicht farbenblind, nicht vollständig, aber ich sehe auf dem einen Auge Farben schwächer als auf dem anderen. Deshalb konnte ich auch nie Kamerafrau werden, auch wenn ich das gerne gemacht hätte. Aber jeder hat doch etwas, was er ganz besonders wahrnimmt, was ihm wichtig ist, was seine Kreativität ausmacht. Es mag auch noch so klein und scheinbar unbedeutend sein, aber es macht einen Teil der Persönlichkeit aus. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine hauswirtschaftliche Ader – ich kann nicht stricken oder häkeln, nicht nähen, und Putzen finde ich furchtbar. Aber ich koche gerne. Viele Frauen kochen – jeden Tag, für die Familie –, ich auch. Das meine ich aber nicht. Ich koche sehr gerne für Freunde, für Gäste. Ich kann mir Menüs ausdenken, kann mir vorstellen, wie sie aufgebaut sind, wie sich der Geschmack ergänzt und steigert. Ich baue Menüs nach Geschmack und natürlich nach der Saison. Ich liebe es, über den Markt zu gehen und Produkte zu prüfen und mir zu überlegen, was ich daraus machen kann und wie ich zum Beispiel aus einer einfachen Möhre viele verschiedene Speisen zaubern kann. Das ist meine Begeisterung. Und so hat jeder etwas, was ihn begeistert. Bei Ursula waren es Farben – in meiner Phantasie natürlich.

Was möchten Sie Ihren Leser:innen mit Ihren Geschichten mitgeben, die ja in einer Lebensrealität spielen, die sich in vielerlei Hinsicht sehr von der heutigen unterscheidet.

Ich erzähle ja keine ausgedachten Geschichten, ich erzähle eine Lebensgeschichte, ich berichte – sicherlich auch mit fiktiven Anteilen – von Familien, die gelebt haben, die es gab.
Ich weiß, dass es inzwischen viele Familiensagas gibt. Das wird gerne gelesen. Oft auch mit einem realen Hintergrund. Aber ganz selten gibt es Geschichten wie meine, die eher Romanbiographien als ausgedachte Geschichten sind. Und wenn man über jemanden schreibt, der wirklich und wahrhaftig gelebt hat – in seiner damaligen Welt, mit dem gesellschaftlichen Kontext, den es damals nun mal gab, mit den Gegebenheiten, Gesetzen und Gepflogenheiten, die nun mal so waren und sich nicht ändern lassen –, dann ist das so. Und genau das möchte ich zeigen. Ich möchte die Erinnerung an Frauen lebendig halten, die mich sehr beeindruckt haben, gerade weil sie viel mehr um ihre Träume, um ihre Selbstverwirklichung kämpfen mussten. Heute haben Frauen sehr viel mehr Rechte, als Paula oder Ursula sie jemals hatten. Heinrich, Ursulas Mann hat sich sehr für die Rechte der Frauen eingesetzt. Er hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, um die Rechte der Mütter zu stärken und um Abtreibungen legal zu machen – und das vor allem, weil Ursula ihm gezeigt hat, wie schlecht es Frauen aus armen Verhältnissen ging, die ein Kind nach dem anderen bekommen mussten. Verhütung war damals noch sehr fehlerhaft, und es gab kaum Möglichkeiten für die Frauen. Auch wenn sich Lebensgeschichten immer wiederholen, so ist doch der äußere Kontext inzwischen ganz anders als 1890 oder 1928. Heute kann man als Frau ganz anders agieren und auch reagieren. Aber die Gefühle … ja, die Gefühle – die Verzweiflung, der Hass, die Wut und vor allem, allem die Liebe –, die gab und gibt es damals wie heute. Und in diesen Gefühlen sind wir uns gleich. Über die Generationen hinweg.

Auftakt der großen Familiensaga

Eine Familie in Berlin - Paulas Liebe
Empfehlung

Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts. Sie nennen ihn Merlin, weil er alle verzaubert – der Mann, den ihr Bruder ihr als seinen Freund vorstellt. Paula, die in einem offen jüdischen Haushalt groß geworden ist, ist fasziniert von dem jungen Dichter Richard Dehmel und seiner Art, die Welt zu betrachten. Gemeinsam arbeiten sie an seinen Texten, er inspiriert sie selbst zu schreiben. Als sich ihre Eltern gegen ihre Verbindung stellen, kämpft Paula für ihre Liebe. Doch dann muss sie sich fragen, ob Richards wilde, unkonventionelle Art sie auf Dauer glücklich machen kann …

Eine beeindruckende Frau, eine schicksalhafte Liebe und der Beginn einer bewegenden Familiensaga.

Der zweite Band der großen Familiensaga

Ursula und die Farben der Hoffnung
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Taschenbuch
12,99 €

Im Frühjahr 1914 darf Ursula Stolte ihr Studium an der Kunstgewerbeschule in Berlin aufnehmen. Sie ist glücklich, sich endlich der Kunst widmen zu können, und dann begegnet ihr auch noch die lebenslustige Vera, die Tochter von Paula und Richard Dehmel. In Paulas literarischem Salon lernt Ursula Bücher und Ideen kennen, von denen sie noch nie gehört hat. Und sie trifft dort Heinrich, Veras Bruder. Obschon er verlobt ist, sehen die beiden sich immer öfter – und verlieben sich ineinander. Heinrich studiert Medizin, doch als der Krieg ausbricht, meldet er sich freiwillig. Bald wird er zurück sein, verspricht er Ursula, die schon von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt.

Zur Autorin

Porträtfoto Ulrike Renk
Autor:in

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld.

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga, die Ostpreußen-Saga, die Seidenstadt-Saga und zahlreiche historische Romane vor. Zuletzt erschienen von ihr „Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe“ und „Ursula und die Farben der Hoffnung“, die neue große Saga um die Dichterfamilie Dehmel. 

 

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