17. Jan. 2022

Hedy Lamarr setzte alles auf eine Karte, auf eine Schiffskarte in die USA

Hollywood-Star, Stilikone – und geniale Erfinderin: das war Hedy Lamarr. Auf der Leinwand begeisterte sie, doch für ihre Ideen um eine bessere Welt musste sie kämpfen. Charlotte Leonard erzählt in ihrem Roman »Die Verwegene« die einzigartige Lebensgeschichte einer Hollywood-Diva, deren Genie lang verkannt wurde.

Was fasziniert Sie an Hedy Lamarr und warum wollten Sie einen Roman über sie schreiben?

Ich liebe die Filme des Goldenen Zeitalters Hollywoods, den Glamour, die Stars, die vielen Veränderungen, wie den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm oder von Schwarz-Weiß zu Technicolor. Hedy Lamarr kannte ich aus »Samson und Delilah«, aber muss zugeben, dass ich sie eher als Randfigur neben den „echten“ Stars betrachtet habe. Durch Zufall habe ich den Film »Geniale Göttin« gesehen, den ich allen ans Herz legen möchte, und war sofort fasziniert von der Lebensgeschichte Hedwig Kieslers, die in Hollywood als Hedy Lamarr bekannt wurde. Sie war sechsmal verheiratet, hatte drei Kinder, galt in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren als einer der bekanntesten Hollywood-Stars, drehte einen Film nach dem anderen und nutzte ihre spärliche Freizeit für Erfindungen. Für den Roman interessierte mich das Spannungsfeld zwischen Filmstar und Erfinderin und die Frage, ob Hedys Zeitgenossen bereit waren, ihre Klugheit zu würdigen und sie nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren


 

Hedy war nicht nur eine Hollywood-Ikone, sondern auch eine geniale Erfinderin. Warum kennen heute eher wenige ihren Namen?

Spannenderweise kennt man Hedy heute eher als Erfinderin, als »Lady Bluetooth«, denn als Schauspielerin. Das liegt an einem Mann: Louis B. Mayer, dem Chef von Metro-Goldwyn-Mayer, der Hedy in Europa „eingekauft“ und ihr einen Vertrag bei MGM gegeben hat, aber dann nicht wusste, welche Rollen er der schönen Frau anbieten sollte. In Hollywood waren Schauspielerinnen und Schauspieler damals bei den Studios angestellt und wurden von den Studiobossen verplant und besetzt. Mitspracherechte hatten die meisten kaum; nur die ganz großen Stars durften sich erlauben, Rollen abzulehnen. Zu Beginn ihrer Hollywood-Jahre sprach Hedy Englisch mit starkem Akzent, so dass MGM sie oft als exotische Schönheit besetzte, wo es mehr auf ihr Aussehen als auf ihre schauspielerischen Fähigkeiten ankam. Selbst nachdem Hedy ihre Bandbreite bewiesen hatte, gelang ihr nie der Sprung in eine „Kategorie“, wie beispielsweise Greta Garbo, die als »Die Geheimnisvolle« galt. Auch gibt es leider keine große Rolle, die mit ihr verbunden ist, wie Ingrid Bergman mit Ilsa Lund in »Casablanca« . Übrigens war Hedy als Ilsa im Gespräch, aber Louis B. Mayer wollte sie nicht an die Konkurrenz ausleihen. Was wäre wohl aus Hedys Karriere geworden, wenn sie neben Humphrey Bogart in »Casablanca« gespielt hätte? Und schließlich kamen viele ihrer Hollywood-Filme nicht in die deutschen Kinos und wurden nicht synchronisiert.

Aufgewachsen in Wien kam Hedy in die USA und stürzte sich in ein Leben am Filmset. Doch ehe sie zum Hollywood-Star aufstieg, musste sie sich als Europäerin und Schauspielerin beweisen. Wie gelang ihr der Durchbruch?

Durch Mut, Beharrlichkeit und Glück. Was mir an Hedy sehr gefällt, ist ihr Mut. Sie setzte alles auf eine Karte, im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Schiffskarte, die sie in die USA führte. Sie sprach kaum Englisch, besaß nur wenig Geld, aber glaubte fest daran, dass sie Erfolg haben würde. In Hollywood kämpfte sie dann dafür, dass Louis B. Mayer ihr endlich eine Rolle bot, aber der MGM-Chef riet ihr, auf Partys zu gehen, Kontakte zu knüpfen und abzuwarten. Für Hedy, die lieber Ideen folgen und Erfindungen machen wollte, war das eine Herausforderung. Aber sie biss sich durch und traf auf einer Party den Franzosen Charles Boyer, den Hauptdarsteller aus »Algiers«. Boyer unterhielt sich mit ihr und bot ihr schließlich eine wichtige Nebenrolle in dem Film an. Hedy nutzte ihre Chance und hatte das Glück, mit dem Kameramann James Wong Howe zu arbeiten, der sie so stark und wunderschön in Szene setzte, dass Hedy alle überstrahlte. Das war ihr Durchbruch, dem leider zwei Flops folgten …

 

Hedy wurde anschließend zur Stilikone, die Männer lagen ihr zu Füßen und dennoch war ihr Leben auch von Einsamkeit geprägt. War Hedys Erfolg ihr zugleich ein Fluch, der sie in ihrem privaten Glück und ihrem Erfindergeist einschränkte?

Hedy Lamarr hat am Ende ihres Lebens gesagt, dass ihre Schönheit ein Fluch war, weil die meisten Männer nur auf ihre Lippen blickten und nicht wahrnahmen, was dieser wunderschöne Mund zu sagen hatte. Das galt sowohl für ihre Kollegen als auch für viele der Männer, mit denen sie ausging. Auch als Hedy dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium ihre Erfindung und ihr Wissen über Waffentechnik anbot, bekam sie die Antwort, dass sie lieber ihre Schönheit einsetzen sollte, um Kriegsanleihen zu verkaufen.

 

Der Roman spielt auch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Wie prägt die Macht Hitlers nicht nur Hedys Lebensgeschichte, sondern auch ihre Karriere?

Als Immigrantin, vor allem aus dem deutschen Sprachraum, musste Hedy nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg beweisen, dass sie dankbar war, dass Amerika ihr eine neue Heimat gegeben hatte und dass sie keine deutsche Spionin war. Ihre Karriere erhielt überraschenderweise einen Schub, weil in den Kriegsjahren eher leichte Filme gefragt waren und Hedy als exotische Schönheit in »White Cargo« einen Blockbuster landete.

 

Was war Ihnen beim Schreiben an »Die Verwegene« besonders wichtig?

Mir ist die Frau Hedy wichtig und ihre Freundschaften zu anderen Frauen. In den meisten Biografien wird erwähnt, mit welchen Schauspielerinnen sie befreundet war, aber die Geschichte dieser Freundschaften wurde nie vertieft –dabei war Bette Davis die Patentante von Hedys Tochter. Meiner Meinung nach sind Freundinnen für Frauen sehr wichtig und für Hedy waren sie beständiger als ihre Ehen und Liebschaften. Ich hoffe, dass ich den Leserinnen und Lesern mit dem Roman eine wunderbare, interessante Persönlichkeit mit einer spannenden Lebensgeschichte nahebringen und sie auf die Schauspielerin und Erfinderin neugierig machen kann.

 

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