15. Nov. 2021

Paulas Geschichte musste ich erzählen

Als Autorin Ulrike Renk eine Nachricht von Paula Dehmels Urenkelin erhielt, die von ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter berichtete, wusste sie sofort: Über diese außergewöhnlichen Frauen und Künstlerinnen muss sie erzählen. Interview mit Ulrike Renk und Regina Polensky, Urenkelin von Paula Dehmel.

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion.

Liebe Frau Renk, liebe Frau Polensky, wie sind Sie beide aufeinander aufmerksam geworden?

Regina Polensky: Ich lese bereits seit vielen Jahren die Familiensagas und historischen Romane von Ulrike. Aber erst bei ihrer Seidensaga ist mir die Idee gekommen, Ulrike zu schreiben, ob sie sich für die Lebensgeschichte meiner Großmutter Ursula interessieren würde, die im Widerstand gekämpft hat. Ulrike war sehr begeistert und hatte dann die Idee, mit dem Leben meiner Urgroßeltern zu beginnen.

Ulrike Renk: Wenn ich einen neuen Stoff zugeschickt bekomme, eine Familiengeschichte – manchmal sind es mehrere Seiten, manchmal, so wie bei der Dehmelgeschichte, nur wenige Sätze – dann sind das fast immer berührende Geschichten. Aber nur sehr selten habe ich sofort eine Art „Film“ vor Augen, einen Rohentwurf. Bei der Dehmelgeschichte ist der Funken sofort auf mich übergesprungen und ich wusste, darüber möchte ich schreiben. Es muss mich persönlich und emotional berühren, ich muss eine Art innere Verbindung zu den Personen aufbauen können, damit ich schreiben kann.

Die Familie Oppenheimer und Paula haben sofort ihr Interesse geweckt.

Ulrike Renk: Es war ja erst die Geschichte von Ursula – Paula Oppenheimer wurde von Regina zuerst nur am Rande erwähnt. Aber je mehr ich über die Familie erfuhr, umso sicherer war ich mir, dass ich mit Paula anfangen möchte. Die Oppenheimers, das war mir schnell klar, waren eine ganz besondere und außergewöhnliche Familie – sie waren offen, sehr gebildet, sehr musisch. Und je mehr ich über Paula gelesen habe, umso mehr habe ich mich in sie verliebt.

Über welches Material aus der damaligen Zeit verfügen Sie, Frau Polensky? Und konnten Sie das für sich nutzen, Frau Renk?

Regina Polensky: Ich verfüge über sehr viel Material, besonders über das Leben meiner Großmutter Ursula Dehmel-Moll und ihren Kindern. In meinem Besitz befand sich aber auch die Lebensgeschichte von Paula, aufgeschrieben von einer nahen Freundin der Tochter Vera. Es gibt im Archiv von Hamburg sehr viele Briefe der Familie. Ich habe engen Kontakt zu Carolin Vogel, die Verantwortliche für die Dehmelstiftung. Von ihr habe ich viele Fotos und Briefe als Kopie bekommen, und die ich gerne an Ulrike weitergegeben habe.

Ulrike Renk: Regina hat unglaublich viel an Dokumenten, Unterlagen, Briefen. Einiges davon nutze ich – allerdings sind meine Bücher ja Romane und keine wissenschaftlichen Biografien, so dass auch immer fiktive Elemente einfließen: Die Tatsachen – Briefe, Dokumente, Informationen – sind eine Art Kleiderpuppe aus Draht. Die Geschichte, die ich dann mit meinen Worten webe, ist das Kleid, das diese Puppe umhüllt. Das Unterkleid sind die wahren Informationen, die Lebensgeschichte. Ich staffiere das aus und schmücke die Kleiderpuppe. Daraus entsteht dann eine Geschichte – ein Roman – ein Buch.

Wie viele weitere Bände Ihrer neuen historischen Reihe sind noch in Planung? Auf welche Hauptcharaktere dürfen wir uns freuen?

Regina Polensky: Es gibt so viele interessante Menschen und Geschichten in meiner Familienhistorie, dass ich hoffe, es folgen noch viele Teile, damit alles darin Platz finden kann. Meine großen Vorbilder sind meine Großmutter Ursula und meine Mutter Fine, die immer tatkräftig jede Hürde ihres Lebens gemeistert haben. Meine Großmutter verehre und bewundere ich für ihren Mut, ihr eigenes Leben riskiert zu haben, um andere Menschen zu retten.

Ulrike Renk: Es sind drei weitere Bände geplant. In den nächsten beiden Bänden wird es um Ursula gehen – Paulas Schwiegertochter. In Band vier vor allem um Fine – Ursulas Tochter. Alle drei Frauen – Paula, Ursula und Fine haben sehr bewegende Leben gelebt.

Auftakt der großen Berlin-Familiensaga

Eine Familie in Berlin - Paulas Liebe
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Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts. Sie nennen ihn Merlin, weil er alle verzaubert – der Mann, den ihr Bruder ihr als seinen Freund vorstellt. Paula, die in einem offen jüdischen Haushalt groß geworden ist, ist fasziniert von dem jungen Dichter Richard Dehmel und seiner Art, die Welt zu betrachten. Gemeinsam arbeiten sie an seinen Texten, er inspiriert sie selbst zu schreiben. Als sich ihre Eltern gegen ihre Verbindung stellen, kämpft Paula für ihre Liebe. Doch dann muss sie sich fragen, ob Richards wilde, unkonventionelle Art sie auf Dauer glücklich machen kann …



Eine beeindruckende Frau, eine schicksalhafte Liebe und der Beginn einer bewegenden Familiensaga.

Der zweite Band der großen Berlin-Familiensaga

Ursula und die Farben der Hoffnung
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Taschenbuch
12,99 €

Im Frühjahr 1914 darf Ursula Stolte ihr Studium an der Kunstgewerbeschule in Berlin aufnehmen. Sie ist glücklich, sich endlich der Kunst widmen zu können, und dann begegnet ihr auch noch die lebenslustige Vera, die Tochter von Paula und Richard Dehmel. In Paulas literarischem Salon lernt Ursula Bücher und Ideen kennen, von denen sie noch nie gehört hat. Und sie trifft dort Heinrich, Veras Bruder. Obschon er verlobt ist, sehen die beiden sich immer öfter – und verlieben sich ineinander. Heinrich studiert Medizin, doch als der Krieg ausbricht, meldet er sich freiwillig. Bald wird er zurück sein, verspricht er Ursula, die schon von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt.

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