Gregor Gysi und Hans-Dieter Schütt: ein Fünf-Minuten-Dialog am Schnellimbiss
Das Buch erschien 2023 im Hardcover bei Aufbau und liegt nun als Taschenbuch vor.
Auf eine Currywurst mit Gregor Gysi
Der Elder Statesman der Linkspartei und der Journalist Hans-Dieter Schütt trafen sich, am Rande zahlreicher öffentlicher Auftritte des Politikers, zu Gesprächen zwischen Tür und Angel. Der Wurststand steht für den existenziellen Schnelldurchlauf, für Fünf-Minuten-Dialog; für Reaktionsfreude, die nicht jedes Wort auf die Waage legt; für Appetit auf Häppchen; für Philosophien, die auf eine Serviette passen. Bekenntnis zum Fragment. Bloß nichts zu wichtig nehmen, wo doch aller Untergrund nur ein Pappteller ist. Gysi on tour durchs Leben – wie es ist, wie es sein und also verändert werden sollte.
HANS-DIETER SCHÜTT: Wovor haben Sie Angst, Herr Gysi?
GREGOR GYSI: Das kann ich Ihnen genau sagen: vor jedem Currywurst-Stand.
Wie bitte?
Ja, weil garantiert Sie dort stehen und mit irgendeiner Frage auf mich warten. Ob ich ein guter Schachspieler bin, ob ich Höhenangst habe, ob ich heimlich bete, ob ich gern schunkle …
Lebensentscheidende Erkundigungen.
Ob ich gern einsachtzig groß wäre, ob ich noch Minister werden möchte, ob ich ein geduldiger Beifahrer bin.
Das Buch beweist, dass Ihnen die Antworten nicht ausgehen.
Das stimmt ja nicht und wäre auch nicht gut. Mit jeder wirklich ehrlichen Antwort kommen neue Fragen.
Aufregend finde ich Gesprächspartner, die nicht ständig betonen, wie unantastbar sie sind und wie sehr sie den Durchblick haben in dieser hässlichen, schönen Welt.
Bei so vielen Fragen, an so viele Leute, also auch an mich: Gibt es denn für Sie eine Frage, auf die sich letztlich alles konzentriert?
Ja: Wie soll man leben? Die gültige Antwort weiß niemand, kein Dichter, kein Forscher, kein Politiker. Und die Suche nach Antworten trennt die Menschheit seit jeher in zwei Gruppen. Die einen sehen kein Land, den anderen gehen die neuen Ufer nie aus. Es müssten zwei Wahrheiten zusammenfinden: Der Blick derer, die nur Zukunft schauen, kreuzt sich mit dem Blick derer, die leider schon zu viel gesehen haben.
Warum überhaupt Ihre Neigung zu Gesprächen?
Interviews bedeuten Bescheidenheit: Man hört nur zu.
Glaub ich Ihnen nicht.
Erwischt! … Auch zu Ihrem Handwerk gehört das Mundwerk. Von da ist es nicht weit zum Kalauer über den Politikbetrieb: Es gilt das gebrochene Wort.
Politik redet und redet, und immer weniger Menschen hören zu.
Wie gesagt, Ihnen höre ich bisweilen gern zu. Und nicht nur ich.
Ehrlich: Es war manchmal nervend, was Sie alles wissen und worüber Sie Auskunft haben wollten: über die Kantine im Bundestag, die Probleme einer Weltumsegelung, die Robe im Gerichtssaal, mein Verhältnis zu weißen Rosen in Athen, über den Reiz des Bogenschießens, über Jesus und die Linken. Oder die Frage, ob ich Gedichte schreibe oder Tagebuch, und wann ich Vegetarier werde …
Wann denn?
Nach meinem Tod.
Kennen Sie eigentlich Selbstzweifel?
Muss ich Ihnen die gestehen?
Wenigstens einen, bitte.
Mein Weltzweifel wächst, und das heißt auch: Ich habe früher nicht in dem Maße menschheitsmäßig gedacht, wie es nötig gewesen wäre.
Fühlen Sie sich manchmal noch wie ein Parteisoldat?
Aus militärischem Wortschatz bediene ich mich nicht. Aber: Niemand entscheidet ganz für sich allein. Ich meine jetzt nicht Parteitagsbeschlüsse. Aber wenn mich Leute ansprechen, die Hoffnungen in mich setzen, ja, dann empfinde ich einen gewissen Druck, da fühle ich mich gebunden, also nicht unbegrenzt frei.
Wer regiert Deutschland demnächst, wenn Sie als Opposition nicht aufpassen?
Ob ich persönlich aufpasse oder nicht, entscheidet die Frage mitnichten. Es wäre wichtig, dass große Teile unserer Bevölkerung darauf achten, wer geht, wer kommt. Was wir benötigen, ist vorbeugende, sachgerechte, vernünftige, angemessene Politik, mit der bestimmte wertvolle politische Ziele verfolgt werden. Eine Regierung, die so agiert, habe ich leider noch nicht erlebt.
Warum schreiben Sie überhaupt Bücher?
Politiker und Politikerinnen sind oft angehalten, vor Kameras und Mikrofonen die Welt zu erklären, meist in der Normzeit der Sender: nämlich einer Minute und dreißig Sekunden. Daran gewöhnt man sich, und inzwischen gibt es viele Leute in der Politik, die denken auch nur in einsdreißig. Indem ich Bücher schreibe, teste ich mich, ob ich noch über diese elende magische Zahl hinausdenken kann.