»Allein das Wissen um das Schicksal unserer Vorfahren verändert etwas«: Peggy Patzschke im Interview
Das Taschenbuch erscheint am 15. April.
Bis ans Meer
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Roman
In Ihrem Roman »Bis ans Meer« erzählen Sie von Liebe, Verlust und Wunden, die über Generationen wirken. Warum ist es wichtig, über diese »leisen« Kriegsfolgen zu sprechen?
Viele Wunden sind unsichtbar – nicht nur auf dem Schlachtfeld. Auch der Verlust von Heimat ist ein Tod, der bis zu den Kindeskindern der Betroffenen wirkt. Flucht und Vertreibung bedeuten Abschied von allem und jedem – über Nacht, für immer. Es zerreißt einen, und diesen Schmerz trägt man weiter, ob man will oder nicht. Der Roman möchte helfen, diese seelischen Schäden zu verstehen.
Rund 21 Mio. Menschen in Deutschland sind »Kriegsenkel«. Woran erkennt man »vererbtes Gepäck«? Und wie ist Glück trotzdem möglich?
Weitergegebene Wunden sind wie ein Katapult, das uns in die Schrecken der Vergangenheit befördern kann, ohne dass wir selbst dabei waren – in Form unerklärlicher Ängste vor Situationen, Begegnungen, Entscheidungen. Manchmal als Depression, Beziehungsunfähigkeit oder Glücksblindheit. Therapien können helfen. Aber allein das Wissen um das Schicksal unserer Vorfahren verändert etwas.
Ihr Buch macht weibliche Erfahrungen von Krieg, Flucht und Neubeginn sichtbar: Viele Frauen dieser Generation mussten die Familie allein durchbringen – ohne dafür als Heldinnen gefeiert zu werden. Was können wir von ihnen lernen?
Unsere Großmütter erlebten, dass Zusammenhalt darüber entscheidet, ob man überlebt, und dass es dabei auf Empathie, Hilfsbereitschaft und Verbindlichkeit ankommt. Mir macht Hoffnung, dass es immer Menschen gab, die nicht umgekehrt, sondern weitergegangen sind. Es ist viel Gutes in der Welt, und dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Wenn Sie Ihrer Großmutter Frieda heute eine Frage stellen dürften: Welche wäre das – und warum gerade diese?
Im Roman erzähle ich vom Sich-selbst-nicht-verloren-Gehen beim Versuch, ein Versprechen zu halten. Diese Fragestellung war der Ausgangspunkt des Schreibens. Schließlich suchen wir alle den einen Menschen, der bei uns bleibt, bei jedwedem Ende. Meine Großmutter würde ich gern fragen, ob sie es bereut hat, auf Karl zu warten – ihm so zu vertrauen. Kurz: Wie weit sollten wir für die Liebe gehen, und wann bringt uns Treue in Gefahr?
Sie schreiben im Nachwort über Begegnungen auf Lesungen: Was hat Sie an den Reaktionen der Leserinnen und Leser am meisten überrascht oder berührt?
Zunächst die Altersspanne. Sie reicht vom 85-jährigen Kriegskind bis zum 16-jährigen Azubi. Ebenso die Reaktionen: Wenn mir Menschen schreiben, dass sie mit meinen Heldinnen gelacht und geweint haben – und noch lange über sie nachdenken, wenn das Buch ausgelesen ist. Oder die feste Umarmung eines Menschen, der das Pfeifen der Bomben erlebt hat und mir so Danke sagen möchte – dafür, dass die, die er damals im Straßengraben verloren hat, wenigstens ein Postskriptum in unseren Geschichtserzählungen erhalten. Unvergesslich bleibt mir auch eine Urenkelin, die ihre Vorfahren nicht kennt und vom Phänomen »vererbte Wunden« kalt erwischt wurde.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die spüren, dass die Vergangenheit ihrer Familie bis heute in ihnen nachwirkt?
Fragen Sie nach, solange Sie können. Begreifen Sie Schmerzhaftes in Ihrer Familiengeschichte als Teil Ihres Weges. Aber gehen Sie weiter und vergessen Sie nie: Manchmal besteht Glück aus Sachen, die uns fehlen, etwa Dingen wie Krankheiten, Bedrohungen, einem menschlichen Verlust. Also ein Hoch auf alles Abwesende, das uns verschont. Dafür dürfen wir dankbar sein, denn das Leben ist trotz heftigster Einschläge immer ein Geschenk.