36 Jahre Deutsche Einheit – eine Bilanz von Jana Hensel
»Für fast eine Stunde gab mein Herz keinen einzigen Ton von sich«
Zwei Tage, nachdem die als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD in Sachsen-Anhalt mit weitem Abstand und 43,8 Prozent die Landtagswahl gewonnen hatte, sagte die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr würde das Herz bluten. Noch nie seit der Wiedervereinigung habe eine Partei in dem Bundesland so viele Stimmen bekommen. Sie hatte recht. Allerdings: Mein Herz blutete nicht. Stattdessen hörte es am Sonntag, den 6. September, exakt um 18.01 Uhr auf zu schlagen. Für fast eine Stunde lang gab es keinen einzigen Ton von sich. Da war weder Zorn noch Trauer noch Wut. Ich saß auf dem Sofa in meiner Berliner Wohnung und versuchte, den Kommentatoren von ARD und ZDF zuzuhören. Aber es gelang mir nicht. Ich saß einfach nur da und betrachtete meinen scheinbar leblosen Körper wie etwas, was nicht mehr zu mir gehörte. Da war weder Zorn noch Trauer noch Wut.
All diese Emotionen, schien mir, gehörten plötzlich der Vergangenheit an. Am 6. September um 18.01 Uhr war eine neue Zeitrechnung angebrochen, vielleicht sogar eine neue Ära. Und das Alte endete mit einer Niederlage, die für Demokratinnen und Demokraten größer kaum sein konnte. Das Land, in das ich vor 36 Jahren gemeinsam mit 16 Millionen anderen Ostdeutschen eingezogen war, es existierte nicht mehr.
Damals lief ich als 13-jähriges Mädchen an der Hand meiner Mutter zu den Leipziger Montagsdemonstrationen. Atemberaubend schön war das. Wie die vielen mir unbekannten Menschen aus allen Ecken der Stadt ins Leipziger Zentrum strömten, weil sie ihre Angst überwunden hatten und bereit waren, für die Freiheit, also etwas, was sie so genau gar nicht kannten, zu kämpfen. Diese Menschen gingen ins Offene, wie Angela Merkel es später oft gesagt hat.
Aber dieser Weg ins Offene war zu keinem Zeitpunkt einfach oder unbeschwerlich. Er war für die meisten eigentlich von Anfang beides: euphorisierend und ernüchternd, auf beinahe jeden Sieg konnte eine Niederlage folgen, Erfolg und Scheitern lagen so eng beieinander, dass Freundschaften zerbrachen, Familien auseinanderrissen. Die Ostdeutschen konnten nach dem Mauerfall reisen, wohin sie wollten. Sie konnten frei ihre Meinung sagen, wann immer sie wollten. In den Zeitungen ring man jetzt um die Wahrheit und hielt sich an Fakten. Bei Wahlen konnte man sich zwischen verschiedenen Parteien entscheiden. Jeder konnte den Beruf erlernen oder das Studium beginnen, das er wollte. Sehr viele bis dahin ungelebt gebliebene Träume wurden wahr. In all diesen Momenten waren die Ostdeutschen wahrscheinlich das glücklichste Volk der Welt.
Es war einmal ein Land
Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Wie und in welchen Etappen er mit Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel verlaufen ist, habe ich in meinem Buch »Es war einmal ein Land« beschrieben.
Während des Schreibens hatte ich oft die Hoffnung, dass ich mit meiner Analyse nicht recht haben könnte. Doch es kam genauso, wie ich es aufgrund meiner Recherchen befürchtet hatte: Viele Menschen in Ostdeutschland haben sich von der Demokratie verabschiedet. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist es in vier von fünf ostdeutschen Flächenländern nicht mehr möglich, mit einer stabilen demokratischen Mehrheit zu regieren. In Sachsen-Anhalt wird die AfD höchstwahrscheinlich recht bald schon den ersten Ministerpräsidenten stellen. Fast riecht es nach Systemsturz, wenn Ulrich Siegmund seinen Anhängerinnen und Anhängern zuruft: »Wir holen uns unser Land zurück.«
Passiert damit hier etwas ähnliches, das wir aus Frankreich, Italien, den Vereinigten Staaten und von anderswo schon kennen? Ja und nein. Einerseits gelingt es den Autoritären und Populisten momentan überall auf der Welt, Wählerinnen und Wähler mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen eine politische Scheinheimat anzubieten. Andererseits hat der Rechtsruck in Ostdeutschland eben auch seine Spezifik, eine ganz eigene radikale DNA.
Die Durchschnittslöhne liegen bei ungefähr 80 Prozent, die Vermögen statistisch gesehen bei weniger als 50 Prozent. In Sachsen-Anhalt, wo die Einkommen zu den niedrigsten in ganz Deutschland zählen, haben zwei Drittel der Arbeiterinnen und Arbeiter nun die AfD gewählt. Viele von ihnen gaben an, dass die eigene finanzielle Situation wahlentscheidend war.
Ich glaube nicht, dass die extreme Rechte auf diese Probleme Antworten hat, sie sucht ja nicht einmal nach ihnen, sondern gefällt sich lediglich darin, die Sehnsucht nach Disruption zu bedienen. Wann immer ich in letzter Zeit mit AfD-Wählern gesprochen habe, keinen Satz habe ich öfter gehört als jenen, wonach sich in diesem Land endlich etwas ändern müsse. Mit dem, was üblicherweise als Protest- oder Denkzettelwahl bezeichnet wird, hat das nicht mehr viel zu tun. Nein, es geht um darum, die herrschende Ordnung zu zertrümmern. Darum, aus jenem System, in das man mit der Wiedervereinigung eingetreten ist, nun wieder herauszutreten. Auch wenn die meisten freilich gar nicht genau beschreiben könnten, wie eine neue Ordnung aussehen sollte.
Darin liegt der entscheidende Unterschied zu Westdeutschland, wo die AfD zwar auch Ergebnisse um die 20 Prozent erzielt, aber dennoch weit schwächer bleibt. Hier wählt man die extreme Rechte aus Protest: weil die deutsche Wirtschaft lahmt, weil es in vielen westdeutschen Städten einen hohen Migrationsdruck gibt, weil der enorme Wohlstand höchst ungerecht verteilt ist und der Traum vom sozialen Aufstieg für immer weniger Menschen Realität wird. Aber man wählt die AfD nicht, um das System zu stürzen.
»Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.« – Jana Hensel im Interview
Im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erschien Jana Hensels neues Buch »Es war einmal ein Land«. Im Interview spricht sie über die Rechtsdrift im Osten, den Verlust des Glaubens an Demokratie und die Frage, wie wir jetzt (noch) miteinander ins Gespräch kommen.
Bücher für mehr Demokratie und Debatte
Ein Leben in Würde und Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Am 15. September, ins Leben gerufen von der Generalversammlung der Vereinten Nationen, war der Internationale Tag der Demokratie. Angesichts globaler Unsicherheiten und Instabilitäten, befeuert durch Wirtschafts- und Klimakrise, politischen Extremismus und autokratische Einflussnahme, wird es umso wichtiger, die Grundsätze der Demokratie zu fördern und aufrechtzuerhalten.
Als Verlag verstehen wir unsere Verantwortung darin, den Raum für Debatten zu öffnen, weniger gehörte Perspektiven sichtbar zu machen und Wissen bereitzustellen. Denn eine demokratische Gesellschaft lebt von Menschen, die sich informieren. Die folgenden Bücher laden dazu ein, genauer hinzusehen, weiterzudenken und miteinander im Gespräch zu bleiben.