»Katastrophen enthüllen, wie die Welt sein könnte.«
Originalausgabe und Extradruck erscheinen zeitgleich.
Lieber Ilija Trojanow, Du hast uns dieses Buch ans Herz gelegt. Warum?
In einer Epoche, in der von den neun planetaren Belastungsgrenzen sieben bereits überschritten sind, etwa beim Klima, Artensterben, Süßwasser, benötigt unser Geist eine Antwort auf die drohende Unbehaustheit der Zukunft. Das System, das solche Katastrophen produziert, hat in den letzten Jahren eine intellektuelle Modeströmung geboren: Die »Kollapsologie« beschäftigt sich mit dem Zusammenbruch komplexer Zivilisationen, mit dem Ende der fossilen Industriegesellschaft und mit dem, was danach kommen könnte – und sie ist Symptom jener eigentümlichen kognitiven Dissonanz unserer Zeit, die darin besteht, die Alternativlosigkeit des globalisierten Kapitalismus zu postulieren und gleichzeitig täglich neue Beweise für dessen selbstzerstörerische Logik zu protokollieren.
Und was für Gemeinschaften sind das? Postapokalyptische Zombie-Mobs mit Fackeln und Mistgabeln wie im Kino?
Der oft beschworene Albtraum aus Panik, Plünderung und Blutrausch, den fast alle Katastrophenfilme von Independence Day über Armageddon bis Contagion auf unsere Netzhaut brennen, hält der historischen Evidenz kaum stand. Das gängige Narrativ lautet: Sobald eine Krise eintritt, reagieren Menschen mit einem egoistischen, irrationalen Sturm auf die Ressourcen. Historikerinnen und Historiker hingegen finden von der Antike bis zur Gegenwart immer wieder andere Muster vor: nicht massenhysterische Selbstsucht, sondern Gemeinsinn, Flexibilität, Solidarität.
Warum ist diese Gegendarstellung so bedeutsam?
Jede Herrschaft, die sich auf Dauer halten will, muss die eigene Unentbehrlichkeit behaupten. Das wichtigste Narrativ ist die Angst vor dem Chaos, es ist das mächtigste Instrument politischer Macht. Ohne uns, flüstern die Institutionen uns ein, würden wir einander zerfleischen. Ohne Polizei, ohne Bürokratie und ohne Paragrafen würde das Schlimmste aus uns hervorbrechen. Diese Angst ist nicht instinktiv – sie ist Folge einer beharrlichen Zurichtung. Sie wird in der Schule suggeriert, medial verstärkt, von Politikerinnen und Politikern getriggert.
Und was macht dieses Buch dabei so besonders?
Solnit erzählt mit der Präzision einer Historikerin und der Empathie einer Schriftstellerin, die begreift, dass Zahlen und Fakten allein nicht beschreiben können, was geschieht, wenn Menschen plötzlich aufeinander angewiesen sind. »Höllenparadies« illustriert nicht verkrampft eine These, sondern erarbeitet sorgfältig Erkenntnis aus dem Rohstoff menschlicher Erfahrung.