Von schrulligen kleinen Unterschieden: Karel Čapeks »Reisebilder« illustriert vom Autor selbst!
Das Buch erscheint am 15. April.
Mit Witz und Verve schreibt Karel Čapek über seine Reisen: Seine Beobachtungen – ursprünglich im Feuilleton der Zeitung »Lidové noviny« erschienen, wo er Redakteur war – feiern das Unscheinbare und die endlose Vielfalt des Lebens.
Nicht nur in Worten zeichnet er unvergessliche Bilder. Seine Reiseberichte illustrierte er liebevoll mit eigenen Zeichnungen.
Karel Čapek ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Tschechiens: Sein Englandbuch erschien allein zu seinen Lebzeiten 22 Mal auf Tschechisch und in zahlreichen Übersetzungen. Auch heute sind seine Beschreibungen zeitlos in ihrem Anspruch, anders zu reisen, genau hinzusehen und sich immer wieder neu mitreißen zu lassen.
ENGLISCHE BRIEFE
Aber um doch am Anfang anzufangen, habe ich Ihnen ein Bildchen gezeichnet, wie England aussieht, wenn Sie sich ihm vom Ärmelkanal her nähern. Das Weiße sind einfach Felsen, und oben wächst Gras; das ist zwar alles recht fest und gründlich gebaut, sozusagen auf Fels, aber unter den Füßen einen Kontinent zu haben, Leute, das ist doch ein solideres Gefühl.
DIE REISE NACH SCHOTTLAND
Ach, ich habe blaue und feurige Meere gesehen und seidenweiche Strände und Palmen, die sich über azurne Wellen neigen; aber diese grauen und kühlen Lochs haben es mir angetan; guck mal, dort watet ein Kranich in den Tümpeln, und eine Möwe oder eine Seeschwalbe gleitet mit einem scharfen, wilden Schrei über den Wellen dahin, über der Heide pfeift eine Schnepfe und schwirrt ein Schwarm Wacholderdrosseln, ein zottiger Jungbulle wundert sich über den Menschen, und auf den kahlen Hügeln weiden Schafe, aus der Ferne gelben Läusen ähnlich; und mit dem anbrechenden Abend schwärmen Myriaden kleiner Fliegen aus und kriechen dem Menschen in die Nase, während der nördliche Tag beinahe bis Mitternacht andauert.
Und dieses kraftvolle, plätschernde Meer unter den Füßen und dieser offene Weg gen Norden …
WIEDER IN ENGLAND
Zum Schluss verrate ich furchtbare Sachen; zum Beispiel ist der englische Sonntag schrecklich. Die Leute sagen, der Sonntag sei dazu da, dass man in die Natur fahren kann; das ist nicht wahr; die Leute fahren in die Natur, um sich in wilder Panik vor dem englischen Sonntag zu retten. Am Samstag überfällt jeden Briten der dunkle Trieb, irgendwohin zu flüchten, so wie das Wildgetier in einem dunklen Instinkt vor dem nahenden Erdbeben flüchtet. Wer nicht entfliehen konnte, der sucht wenigstens in der Kirche Zuflucht, um mit Gebeten und Gesang den Tag des Schreckens zu überdauern. Der Tag, an dem nicht gekocht, nicht gegessen, nicht geguckt und nicht gedacht wird. Ich weiß nicht, für welche unsagbare Schuld der Herrgott England zu dieser wöchentlichen Strafe des Sonntags verurteilt hat.
NIEDERLANDE
Und dann also die Fahrräder. Ich habe schon mancherlei gesehen, aber so viele Räder wie zum Beispiel in Amsterdam habe ich noch nirgends gesehen; das sind keine Räder mehr, sondern etwas Massenhaftes, das sind Rudel, Schwärme, Kolonien von Fahrrädern, ähnlich dem Wuchern von Bakterien oder dem Gewimmel von Infusorien oder dem Schwirren von kleinen Fliegen; am schönsten ist es, wenn der Schutzmann für einen Augenblick den Strom der Fahrräder stoppt, damit man über die Straße gehen kann, und dann wieder großmütig den Weg freigibt: da startet der ganze Schwarm von Radfahrern, geführt von einigen Champions, im Galopp, und das strampelt weiter
mit der fantastischen Massenhaftigkeit eines Mückentanzes. Kenner der örtlichen Verhältnisse versichern, dass es in den Niederlanden gegenwärtig an die zweieinhalb Millionen Fahrräder gibt, was bedeutet, dass auf je drei Einwohner einschließlich der Säuglinge, Matrosen, der königlichen Familie und der Insassen der Siechenhäuser ein Fahrrad kommt. Ich habe sie nicht gezählt, aber mir scheint, dass es eher ein paar mehr sind. Man sagt, dass es hier genügt, sich aufs Rad zu setzen, und schon fährt man von allein; so glatt und eben ist das Land.
Ich habe Nonnen auf dem Rad gesehen und Bauern, die eine Kuh hinterm Fahrrad führten; die Leute frühstücken auf dem Rad und nehmen auf dem Rad ihre Kinder und Hunde mit, und die Liebespaare strampeln, sich an den Händen haltend, auf Bizykeln einer herrlichen Zukunft entgegen; ich sage Ihnen, das ist ein Volk auf Fahrrädern.
SKANDINAVIEN
Ich bitte Sie, styrman, wo kriegt man hier in Norwegen einen Tropfen Alkohol? Nehmen wir an, ich brauche ihn, um meinen Ärger hinunterzuspülen, einen Wurm zu ertränken, mir Courage anzutrinken oder was auch immer; lässt sich da nichts machen?
Lässt sich nicht, Herr; hier ist eine heilige Küste. Von Bergen bis Trondheim ikke Alkohol. Erst in Trondheim ist vinmonopolet, dann in Bodø, Narvik und Tromsø; dort kriegen Sie zu kaufen, was Sie wünschen. Aber hier nicht, sagte der Steuermann melancholisch; hier wohnen lauter heilige Leute. Bei uns liegt zwar auf Alkohol ein Staatsmonopol, aber jede Stadt kann selber bestimmen, ob dort ein vinmonopolet verkaufen darf oder nicht. Aber in Trondheim ist es gut.
In Trondheim flüchteten wir nachts von unserem Schiff. Wie ich sagte, war das ein gutes, neues Schiff; das ganze Malheur lag nur in der Fracht, die es beförderte.