»Beim Lesen stockt einem der Atem.« – Gregor Hens im Interview
Das Buch erscheint am 13. Mai.
John Horne Burns war selbst Soldat, selbst in Nordafrika, dann in Italien stationiert. Außerdem war er schwul. Wie viel von Burns steckt in »Galleria Umberto«? In welche der Figuren hat er sich besonders eingeschrieben?
Sicher steckt eine Menge Autobiografisches in diesem Buch. Man spürt in jeder Zeile, dass sich Burns seine Geschichte – die Geschichte der Desillusionierung mit dem Amerika, in dem er aufgewachsen war – von der Seele schreiben musste. Der ganze Roman hat eine unglaubliche Dringlichkeit, wie das frühe Testament eines tödlich Verwundeten. Insofern steckt in beinahe jeder Figur dieses kaleidoskopischen Buchs ein Stück von Burns. Am deutlichsten scheint seine Persönlichkeit, soweit wir sie aus dem zeitlichen Abstand heraus erfassen können, in den namenlosen Erzählern der »Spaziergänge« durch, die alle mit den Worten »Ich erinnere mich ...« beginnen. Diese Kapitel beruhen zum Teil auf Briefen, die Burns, der beinahe manisch korrespondiert hat, während seiner Einsätze nach Hause schrieb.
Die Arbeit des Übersetzers ist eine Arbeit nah an der Sprache. Was macht Burns Sprache besonders? Wo liegen vielleicht auch die Schwierigkeiten für die Übertragung ins Deutsche?
Burns erste Liebe galt der Musik. Er spielte leidenschaftlich Klavier, dirigierte in seinem Wohnzimmer zu Schallplattenaufnahmen – gern auch vor Publikum! Er war sich der Möglichkeiten bewusst, die sich durch Orchestrierung, durch die Verteilung der Stimmen ergeben. Die neun Porträts unterscheiden sich sprachlich und atmosphärisch, während sie im Rahmen des Romans doch eine übergeordnete Einheit bilden. Man muss sich als Übersetzer auf die Orte und Figuren, die aus unterschiedlichen Schichten und Lebensbereichen stammen, jedes Mal neu einlassen, ohne das bereits Erarbeitete zu vergessen. Wenn man einen konventioneller strukturierten Roman übersetzt, findet man nach einigen Seiten oder Kapiteln einen Ton, man erspürt die sprachlichen Kadenzen, die man dann bis zum Schluss durchhalten kann. Bei Burns musste ich alle vierzig Seiten neu ansetzen und zugleich darauf achten, dass ich den sprachlichen Faden nicht verliere.
Warum sollte man die »Galleria Umberto« gerade heute neu übersetzen? Warum lesen?
Der Roman ist trotz aller Abgründigkeit ein Plädoyer für Liebe, Menschlichkeit und Kunst in Zeiten des Krieges – und damit hochaktuell. Ja, Kriege werden von Nationen geführt und von Politikern und Diktatoren angezettelt, aber getragen und ausgeführt werden sie von Soldaten und militärischem Personal, von mal mehr, mal weniger kompetenten Offizieren, von Piloten und Sanitätern. Außerdem stellt der Roman wichtige Fragen zur Rolle Amerikas in der Welt, die uns heute wieder beschäftigen. Burns hat den ›Ugly American‹ der Vietnam-Ära beschrieben – lange bevor er mit Eugene Burdick und William Lederers Besteller von 1958 – und seiner Verfilmung mit Marlon Brando – zu einem feststehenden Begriff wurde.
Letzte Frage: Von den vielen einzelnen Porträts und Texten, aus denen die Galleria besteht – haben Sie einen Liebling?
Ich mag besonders die breiter angelegten Kapitel, die beinahe wie eigenständige Romane wirken: Hal, im dritten Porträt, ist eine äußerst komplexe Figur, die mich nicht losgelassen hat, ebenso wenig wie Giulia (siebtes Porträt), eine Italienerin, die in den Wirren des Krieges um ihre Ehre kämpft. Das Kapitel über Mammas Bar (fünftes Porträt), in dem die queere Thematik am deutlichsten zutage tritt, ist ein Feuerwerk – wunderbar und einzigartig in der Literaturgeschichte. Auch kleinere Szenen mit neapolitanischen Straßenkindern – die hungrige Adalgisa, die im Moe-Kapitel auf einer Parkbank ein amerikanisches Spam-Sandwich verschlingt – sind sehr eindrücklich.