Die größten Coups des Meisterermittlers Egon Erwin Kisch – vorgestellt von Sabine Rückert

Prag zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts: Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Zigarette im Mundwinkel eilt er durch die Gassen. Er, das ist Egon Erwin Kisch, der »rasende Reporter« – und er ist dem Verbrechen auf der Spur.
Wer könnte seine brillanten Reportagen besser beleuchten als Sabine Rückert, die Königin des True Crime? Im Interview verrät sie uns, was uns bis heute an Kisch fasziniert. Eine Kostprobe gibt es hier schon vorab.

Prager Verbrechen
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Band 490 (2026)
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Warum sollte man heute Kriminalreportagen lesen, die Egon Erwin Kisch vor rund hundert Jahren geschrieben hat?

Nun, es gibt wohl sonst keine Art der Reportage, die mit solcher Genauigkeit in alle Ecken und Winkel einer Gesellschaft leuchtet, auch in die finstersten. Die Kriminalreportage kann Polizeireport sein, aber auch Gerichtsbericht, sie ist Sozialreportage oder eine Recherche aus Wirtschaft und Politik, investigative Leistung und Menschengeschichte – und manchmal alles auf einmal und gleichzeitig. Und immer stehen Schicksale auf dem Spiel. Wer Kriminalreportagen schreibt (oder liest), interessiert sich für die Verhältnisse im Land.

Zitatgrafik aus Interview mit Sabine Rückert. Text: "Im Verbrechen – oder was dafür gehalten beziehungsweise nicht gehalten wird – spiegelt sich die Befindlichkeit einer ganzen Nation."

Egon Erwin Kisch gilt bis heute als einer der bedeutendsten Journalisten im deutschsprachigen Raum. Er fing vor über 100 Jahren aber zuallererst als Kriminalreporter an und es ist die Kriminalreportage, die als ein Hauptmotiv durch sein Werk führt. Selber formulierte er es so: »Es zog mich hin zum Mord.«

Portraitfoto Sabine Rückert
Autor:in

Die vielfach ausgezeichnete Gerichts- und Kriminalreporterin Sabine Rückert ist Redakteurin für besondere Aufgaben (ZEIT Verbrechen).

Was unterscheidet die Arbeit des Journalisten damals von Ihrer Arbeit heute?

Zu Kischs Zeiten hat das Publikum die Trennlinie zwischen Erlebtem und Erfundenem nicht allzu scharf gezogen. Die Leser wollten vor allem unterhalten und beeindruckt werden, woher die Informationen letztlich rührten, war damals eher zweitrangig. Im Jahr 2026, in einer Zeit also, in der die Medien gegen gestreute Fake News und Verschwörungserzählungen anarbeiten müssen und Journalisten pausenlos angegriffen und von interessierter Seite als Handlanger einer »Lügenpresse« diffamiert werden, wären die literarisch ausgeschmückten, mitreißenden, es mit den Tatsachen allerdings nicht allzu genau nehmenden Reportagen à la Kisch für heutige Zeitungen zu abenteuerlich. 

Zitatgrafik aus Interview mit Sabine Rückert. Text: "Der »Kisch-Preis«, den das Magazin »Stern« jedes Jahr verleiht, ist eine der begehrtesten Auszeichnungen für die Reporter im Land, aber Kisch würde ihn heutzutage wohl nicht gewinnen."

Und was würde Kisch stattdessen heute machen?

Bestimmt hätte er heute einen Podcast, in dem er seine Erlebnisse für die Hörerschaft in leuchtenden Farben ausmalen und sich selbst als Meisterermittler inszenieren könnte.

»Nachts schlich ich in die Polizeikommissariate...«

Nachts schlich ich in die Polizeikommissariate, hoffend, Zeuge einer aufregenden Szene zu werden oder wenigstens einen Blick in ein sensationelles Protokoll tun zu können. Selbstverständlich drang ich nicht als Berichterstatter in die Wachstube ein, da man mir dort keine Auskunft geben durfte – im Gegenteil, man hätte vor dem Reporter besondere Vorsicht walten lassen. Ich kam also unter Vorwänden: zum Beispiel zeigte ich in einer Nacht an sechs verschiedenen Stellen den Verlust meiner goldenen Uhr an, die ich niemals besessen. Ins Sicherheitsbüro, wo man natürlich wusste, wer ich war, kam ich täglich offiziell, um etwas privat zu erfahren, und es gelang mir auch, an jedem Sonntag mit einem Fall, von dem die anderen Reporter keine Ahnung hatten, eine Spalte zu füllen. Für die Weihnachtsnummer wollte ich etwas Sensationelles, etwas Ausführlicheres berichten, aber weder in der Aufnahmskanzlei noch im daktyloskopischen Laboratorium, wo ich unter allerhand Ausreden gierig umherstrich, ließ sich eine Nachricht erlangen. 

Als ich ins Zimmer des Beamten trat, der für das Fahndungsblatt Laufzettel über gestohlene Kleinigkeiten, Steckbriefe entwichener Landstreicher, Verzeichnisse verlorener Legitimationen oder Wertpapiere zusammenstellte, wurde ihm ein Telegramm übergeben. Das ist meine Weihnachtssensation, durchzuckte es mich, und ich bat den Beamten, mir die Depesche zu zeigen. Der tat es mit überlegenem Lächeln, denn solche Zirkulartelegramme, die an alle Polizeibehörden europäischer Hauptstädte gesandt werden, kommen täglich an und können selbst vom eifrigsten Polizeiberichterstatter nicht registriert werden. Diesmal lautete es: »nachtrag zu sechzehn körpergröße wolodarski nicht hundertfünfzig sondern hundertsechzig polizeidirektion przemyśl.« Das war höchst uninteressant für die Zeitungsleser und erst recht für den Reporter. 

Trotzdem verlangte ich das Telegramm sechzehn zu sehen, zu dem das heutige der Nachtrag war. Im Index des Fahndungsblattes fand sich der Name Wolodarski viermal vor. Er war ein Mitglied der Einbrecherbande Wasinski, die im Sommer ins Steueramt von Przemyśl eingedrungen war und fast zwanzigtausend Kronen erbeutet hatte. Im Oktober gewann sie in der Stadtkasse von Kaschau vierzehntausend Kronen durch Einbruch, einige Wochen später fielen den Geldschrankknackern die Barbestände des Olmützer Finanzamtes in die Hände. Anfangs Dezember wurden sie in Teschen im Kassenraum der Statthalterei überrascht, konnten aber – durch Revolverschüsse die Verfolger einschüchternd – mit stattlichem Raub entkommen. Der Bande gehörten außer dem Chef, dem fünfundzwanzig Jahre alten ehemaligen Eisendreher Wassili Wasinski (besondere Kennzeichen: Daumen und Zeigefinger der linken Hand fehlen), folgende Mitglieder an: der ehemalige Schmied und Wanderathlet Franz Adamski, dreißig Jahre alt, ein Meter zweiundneunzig groß, Pockennarben im Gesicht (Tätowierung auf dem rechten Oberarm, darstellend zwei Hanteln und ein Herz mit dem Namen »Wanda«), der etwa zweiundzwanzigjährige Handelsangestellte Bernhard Brünner, schwarzes oder dunkelbraunes Schnurrbärtchen, abstehende Ohren, der sechzehnjährige Gelegenheitsarbeiter Paul Szafranski (hellrotes Haar, linkes Ohr verstümmelt), drei oder vier unbekannte Männer und jener Wladimir Wolodarski, dem die Nachtragsdepesche galt. Seltsamerweise hatte keiner dieser erfolgreichen Verbrecher eine Vorstrafe, Wasinski war aus dem Untersuchungsgefängnis in der Ulica Batorego geflüchtet, eine vom Bezirksgericht Strij gegen Adamski wegen Raufhandels verhängte achttägige Arreststrafe lag schon elf Jahre zurück, und von den anderen wusste man nicht einmal die genauen Personalien. 

Über ihre Einbrüche war in Wiener und Berliner Zeitungen bestenfalls in kurzen Meldungen berichtet worden, es waren Ereignisse aus Polen und von der polnischen Grenze – ich aber musste einen Prager Lokalfall haben und entschloss mich daher, die polnische Verbrecherkolonne in Prag eintreffen zu lassen, wenigstens gerüchtweise. 

Die Zeitungen von Przemyśl, Kaschau, Olmütz und Teschen, in denen die Notizen über die Amtseinbrüche standen, waren mit einiger Mühe und drei- bis viertägigem Zeitverlust beschafft, und mein Weihnachtsartikel konnte geschrieben werden. 

»Einbruchsdiebstähle in öffentliche Ämter. – Die Wasinski-Bande in Prag eingetroffen.« Die Delikte, die Schauplätze, die Beute, die Technik und die Personalien der Täter schilderte ich ausführlich und wies nach: der Trupp, von Przemyśl über Kaschau nach Olmütz und Teschen kommend, könnte als nächste Station nur Prag gewählt haben. Ich behauptete, es seien bereits Anzeichen ihrer Ankunft vorhanden. »Da Wasinski und seine Leute«, so schloss mein Artikel, »gewiss die Stille des Weihnachtsabends zur Ausführung eines großen Coups benützen und gegebenenfalls vor einer Bluttat nicht zurückschrecken, werden die Prager Detektive heute keine Weihnachtsruhe halten können.« 

Durch diese mehr als kühne Voraussage war örtlich und räumlich die Begründung für Größe und Aufmachung des Sensationsartikels gegeben, auf solche Weise war er die ersehnte Lokalaktualität. Die Weihnachtsnummer der Zeitung mit meinem Artikel war fertig. Setzer und Drucker verließen um sechs Uhr das Zeitungsgebäude, um den Heiligen Abend im Kreise der Ihren zu verbringen. Am nächsten Morgen wurde das Blatt den Lesern zugestellt, in dem die Prophezeiung für gestern Abend stand …


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