Die Punkversion eines impressionistischen Gartens
Eine Liebeserklärung an alles Lebendige.
1986 wird bei dem britischen Filmemacher, Schriftsteller und Maler Derek Jarman HIV diagnostiziert. An der kargen Küste von Dungeness kauft er ein Stück Land mit einer Fischerhütte. Zwischen Kieseln, im Schatten des nahe gelegenen Atomkraftwerks, beginnt er, seinen Traumgarten anzulegen. Während seine Gesundheit schwindet, hält Jarman sein Leben fest. Die Erkundungen werden zu einem eindringlichen Bericht: über seine Jugend als schwuler Mann, über seine Karriere als gefeierter Künstler, der mit Tilda Swinton, David Bowie, Patti Smith und Bob Dylan arbeitete, über eine verlorene Generation – und seinen ungewöhnlichen Garten. Auch wenn nicht alles, was er pflanzt, Wind und salzhaltiger Gischt standhält, gedeiht genug, um eine Landschaft von berührender Schönheit entstehen zu lassen.
Auszug aus dem Tagebuch
Donnerstag, 7. März 1989
Der Regen und das schöne warme Wetter haben die Natur beschleunigt; die Landschaft leuchtet ungewöhnlich früh in satten Frühlingsfarben. Der Winter hat sich verabschiedet. Heute glomm Dungeness unter einem zinnfarbenen Himmel – sanft schimmernde Smaragd-, Arsen-, Gras-, Salbei- und Patina-Grüntöne, zwischen den rosa Kieselsteinen kleine Moosinseln, knallgelbe Ginsterbüsche, das tiefe Rostrot von totem Farnkraut, das blasse Beige des Schilfs im Kontrast zum Weidengehölz: ein dunkles Burgunderrot mit silbrigen Kätzchen, ockergelben Staubgefäßen und noch kaum sichtbaren, limettengrün sprießenden Blättern an den langen Zweigen.
Von meinem Haus aus sehe ich die Sonne aus der nebelverhangenen See steigen. Sie weckt mich durchs Schlafzimmerfenster und bleibt den ganzen Tag bei mir. Es gibt weder Bäume noch Hügel, hinter denen sie sich verstecken kann. Wenn sie im Westen über dem Flachland untergeht, schaue ich ihr aus einem thronähnlichen Stuhl, den ich von der Müllkippe geholt habe, dabei zu. Egal wie kalt es ist, den Sonnenuntergang verpasse ich nie.
Heute, nach einem dunklen Wolkentag, hängt sie riesig und scharlachrot am Himmel. Vor ihrem Verschwinden bildet sie ein paar Minuten lang einen vollkommenen Kreis – dann rauscht am Himmel die Dunkelheit herbei, um Prospect House und seine schwarzen Wände in die Arme zu schließen; doch bevor das goldene oder heute Abend tief rubinrote Licht erlischt, spiegelt es sich flammendrot in den Fensterscheiben. In diesem kurzen Augenblick ist das Licht so unwahrscheinlich rot, dass alles Grün pechschwarz erscheint und die Ginsterbüsche sich wie gespenstische Seeanemonen ausnehmen, ein riesiger, düsterer Schattenriss.
»Er machte aus dem kleinen Haus in der Einöde ein Kunstwerk – und aus dem Kies drumherum einen einfallsreichen, heute international bekannten Garten; mehr noch aber war das Cottage für ihn ein lebendiger Organismus, ein Werkzeugkasten für seine kreative Arbeit.«
TILDA SWINTON