Die Punkversion eines impressionistischen Gartens

Der britische Filmemacher, Schriftsteller und Künstler Derek Jarman legte an der kargen Küste Kents einen außergewöhnlichen Garten an, der ihm in den letzten Jahren seines Lebens zu einem Rückzugsort wurde. Diese Zeit hielt er in seinen Tagebüchern fest. »Moderne Natur«, ein Meilenstein der Tagebuchliteratur und des Nature Writing, erscheint am 11. November 2026 erstmals auf Deutsch, übersetzt von Volker Oldenburg, als großer Sonderband der Anderen Bibliothek. Der Band wird von Daniel Schreiber vorgestellt und enthält 150 Fotografien von Howard Sooley. Ein Auszug aus seinen Tagebüchern führt nach Prospect Cottage und in Jarmans Gedankenwelt.





Grafik mit Zitat von Derek Jarman. Text "Es gibt weder Mauern noch Zäune. Die Grenzen meines Gartens sind der Horizont"

Eine Liebeserklärung an alles Lebendige.

Moderne Natur
Empfehlung
Band 005 (2026)
58,00 €

1986 wird bei dem britischen Filmemacher, Schriftsteller und Maler Derek Jarman HIV diagnostiziert. An der kargen Küste von Dungeness kauft er ein Stück Land mit einer Fischerhütte. Zwischen Kieseln, im Schatten des nahe gelegenen Atomkraftwerks, beginnt er, seinen Traumgarten anzulegen. Während seine Gesundheit schwindet, hält Jarman sein Leben fest. Die Erkundungen werden zu einem eindringlichen Bericht: über seine Jugend als schwuler Mann, über seine Karriere als gefeierter Künstler, der mit Tilda Swinton, David Bowie, Patti Smith und Bob Dylan arbeitete, über eine verlorene Generation – und seinen ungewöhnlichen Garten. Auch wenn nicht alles, was er pflanzt, Wind und salzhaltiger Gischt standhält, gedeiht genug, um eine Landschaft von berührender Schönheit entstehen zu lassen. 

Auszug aus dem Tagebuch

Donnerstag, 7. März 1989 

Der Regen und das schöne warme Wetter haben die Natur beschleunigt; die Landschaft leuchtet ungewöhnlich früh in satten Frühlingsfarben. Der Winter hat sich verabschiedet. Heute glomm Dungeness unter einem zinnfarbenen Himmel – sanft schimmernde Smaragd-, Arsen-, Gras-, Salbei- und Patina-Grüntöne, zwischen den rosa Kieselsteinen kleine Moosinseln, knallgelbe Ginsterbüsche, das tiefe Rostrot von totem Farnkraut, das blasse Beige des Schilfs im Kontrast zum Weidengehölz: ein dunkles Burgunderrot mit silbrigen Kätzchen, ockergelben Staubgefäßen und noch kaum sichtbaren, limettengrün sprießenden Blättern an den langen Zweigen.

Foto von einem freihstehenden, dunklen Cottage, davon ein blühender Gaerten
Grafik mit Zitat von Derek Jarman aus Moderne Natur. Text: "In keiner anderen Landschaft habe ich so eine Symphonie der Farben gesehen. Dungeness ist ein Vorbote des hohen Nordens; Leute aus südlichen Breiten mögen diese Landschaft trostlos und eintönig finden, aber sie singt wie die Birkenwälder in Sibelius' Musik."

Von meinem Haus aus sehe ich die Sonne aus der nebelverhangenen See steigen. Sie weckt mich durchs Schlafzimmerfenster und bleibt den ganzen Tag bei mir. Es gibt weder Bäume noch Hügel, hinter denen sie sich verstecken kann. Wenn sie im Westen über dem Flachland untergeht, schaue ich ihr aus einem thronähnlichen Stuhl, den ich von der Müllkippe geholt habe, dabei zu. Egal wie kalt es ist, den Sonnenuntergang verpasse ich nie.

Heute, nach einem dunklen Wolkentag, hängt sie riesig und scharlachrot am Himmel. Vor ihrem Verschwinden bildet sie ein paar Minuten lang einen vollkommenen Kreis – dann rauscht am Himmel die Dunkelheit herbei, um Prospect House und seine schwarzen Wände in die Arme zu schließen; doch bevor das goldene oder heute Abend tief rubinrote Licht erlischt, spiegelt es sich flammendrot in den Fensterscheiben. In diesem kurzen Augenblick ist das Licht so unwahrscheinlich rot, dass alles Grün pechschwarz erscheint und die Ginsterbüsche sich wie gespenstische Seeanemonen ausnehmen, ein riesiger, düsterer Schattenriss.

Foto von einem beschriebenem, Offenen Tagebuch auf einem Holzschreibtisch

»Er machte aus dem kleinen Haus in der Einöde ein Kunstwerk – und aus dem Kies drumherum einen einfallsreichen, heute international bekannten Garten; mehr noch aber war das Cottage für ihn ein lebendiger Organismus, ein Werkzeugkasten für seine kreative Arbeit.«

TILDA SWINTON

Foto von Derek Jarman, auf einer türkiesenen Holzbrücke stehend. Unter ihm ein Fluss und ein Bot, über ihm blühende Bäume.

»Die Punkversion eines impressionistischen Gartens – die Idee, dass es auch ein künstlerisches Projekt ist, kam ganz automatisch, weil alles für ihn Kunst war. Vor allem geht es darum, Sinn zu schaffen in einer Welt, die keinen Sinn mehr kannte, Antworten auf Fragen zu finden, die keine Antworten haben – und eine Möglichkeit, mit ungelösten Problemen zu leben ...«

DANIEL SCHREIBER

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