Der BND öffnet nach 65 Jahren die Akten zum Eichmann-Prozess
Herr Professor Henke, mit dem Titel »Vergangenheitsabwehr« bezeichnen Sie den Umgang mit dem Nationalsozialismus in den Adenauer-Jahren. Geläufig war dafür bisher eigentlich der Begriff »Verdrängung«. Warum?
Vergangenheitsabwehr
Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der BND und der Eichmann-Prozess
Weil dieser mittlerweile kanonisierte Begriff das damalige Verhalten nicht richtig bezeichnet, ganz so, als sei die NS-Zeit und die massenhafte Verstrickung darin irgendwie unbewusst-unwillkürlich »verdrängt« worden. In Wirklichkeit handelte es sich um eine allgemein verbreitete Abwehr dieser schlimmen Vergangenheit: die Nichtthematisierung, die Verschleierung oder, zumeist, die Leugnung des eigenen Verhaltens vor 1945.
Wieso befürchtete Adenauer eine Bedrohung für das Ansehen der jungen Bundesrepublik?
In Jerusalem kam zum ersten Mal seit den Nürnberger Prozessen der deutsche Massenmord an den europäischen Juden wieder auf die internationale Tagesordnung, und damit auch die Frage, wo die Hunderttausende NS-Funktionseliten eigentlich alle abgeblieben waren und welchen Einfluss sie im Bonner Nachfolgestaat des Dritten Reichs wiedergewonnen hatten. Der Eichmann-Prozess 1961/62 war ein Weltthema.
Tatsächlich aber gab es bekanntlich – anders als in der DDR – in allen Bereichen massive personelle Kontinuitäten. Niemand wusste, was der Prozess alles aufrühren würde.
Und Kanzleramtschef Dr. Hans Globke?
Der engste Mitarbeiter Adenauers und mächtigste Beamte im Land war als ehemaliger Ministerialrat im Zentrum der völkisch-antisemitischen Agenda des NS-Staats der prominenteste Präzedenzfall dafür. Er und seine Parteifreunde, Journalisten und Wissenschaftler in seiner Machtaura unternahmen alles, um diese Vergangenheit abzuwehren. Während des Eichmann-Prozesses erreichte seine seit Kriegsende aufgebaute Vergangenheitsabwehr den Höhepunkt, denn jetzt verschmolzen sein höchstpersönliches und das staatspolitische Abwehrinteresse miteinander. Und da kommt der schwer nazifizierte BND von Reinhard Gehlen ins Spiel.
Wie muss man sich das vorstellen? Wieso bekommen wir erst 65 Jahre später Klarheit darüber?
Der Auslandsnachrichtendienst war damals auch ein innenpolitisches, ja ein persönliches Werkzeug des Kanzleramtschefs. Wir haben das schon bei »Adenauers Watergate«, der jahrelangen Geheimoperation gegen die SPD-Spitze, gesehen.
Als Assistent der Verteidigung meldete der dann jedes kleinste Detail über den Angeklagten, den Anwalt und dessen Prozessplanung brühwarm nach Pullach und damit nach Bonn. Er beeinflusste sogar die Prozessstrategie. Dieser Informationsvorsprung war für Adenauer und den bedrängten Globke, gewissermaßen, nicht mit Geld zu bezahlen. Da die Identität des damaligen Informanten, Dr. Dieter Wechtenbruch, bis zu seinem Tod im vorigen Jahr geschützt war, konnten die letzten noch geheimen BND-Akten zum Eichmann-Komplex erst jetzt freigegeben werden. Es ist gut, dass der Bundesnachrichtendienst hier dem Interesse der Wissenschaft und der Öffentlichkeit nachgekommen ist.
Erfahren wir aus Ihrem Buch Neues über Adolf Eichmann?
Über den angeklagten Eichmann, ja; über seine massenmörderischen Aktivitäten, nein.
Lernen wir aus Ihrem Buch auch etwas für heute?
Einiges, zum Beispiel wie umstandslos Bürokratien sich nach einem Regimewechsel dem neuen Kurs anpassen und ihn mit eigenen Ideen phantasievoll umsetzen helfen. Oder dass Nachrichtendienste, die nicht engmaschig kontrolliert werden, mit oder ohne Zutun der Regierung auch in einer Demokratie jederzeit aus dem Ruder laufen können. Außerdem erlebt man im Buch im Detail, wie unendlich kompliziert, komplex und politisch-psychologisch mühselig es ist, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf eines Weltanschauungsstaats zu ziehen.