»Der Iran ist ein Abenteuer. Alles ist irgendwie verboten, wir sind verboten.«
Im unten stehenden Auszug wird der Ton des Buches spürbar: persönlich, klug und getragen von dem Versuch, Widersprüche auszuhalten statt sie vorschnell aufzulösen.
Manchmal würde ich gern schreien
Mein Ringen um eine Haltung im Nahostkonflikt
2016 werden internationale Sanktionen gegen den Iran aufgehoben, im Rahmen des unter Barack Obama verhandelten Atomabkommens. Diese politische Entspannung schafft eine Chance: Der Iran öffnet sich für Touristen, und ich sehne mich nach meinen beiden Praktika in Israel und Palästina nach etwas Neuem. Gleichzeitig möchte ich auf dem Wissen aufbauen, das ich bisher gesammelt habe. Als eine Freundin sagt, sie sei dabei, beginnen wir mit den Vorbereitungen für die Reise.
Ich deaktiviere meinen Instagram-Account mit den Israel-Fotos. Auf Pinterest recherchieren wir nach Inspiration für Outfits. Wir suchen nach Kleidern, die den rigiden Regeln des iranischen Regimes entsprechen, diese aber maximal ausreizen, und damit minimal verschieben. So machen es immer mehr Frauen im Iran, haben wir gelesen. Die Leggings nur noch bis zum oberen Teil des Knöchels, das Oberteil nur bis zum unteren Ende des Ellbogengelenks. Wir decken uns in den Übergrößenabteilungen von Fast-Fashion-Läden ein. In den schwarzen schienbeinlangen Polyesterblusen in Größe 52 schwitzen wir im persischen Hochsommer, aber immerhin erfüllen sie exakt die Vorgaben. Für den Kopf kaufe ich mir ein leicht durchsichtiges Tuch aus Leinen in Hellgrau. Vor dem Spiegel zuhause übe ich, mir die Haare so zum Dutt zu verknoten, dass er als Halterung für das Kopftuch dient.
Wir sind zwei Mal in Teheran, am Anfang und am Ende der Reise. Beim zweiten Mal ist zufällig Al-Quds-Tag. Nach der islamischen Revolution 1979 ernannte Ayatollah Khomeini den letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan zum Al-Quds-Tag, an dem gegen die Existenz Israels demonstriert wird. »Al-Quds« ist der arabische Name für Jerusalem.
Wir stolpern ungeplant in den Massenprotest der Anhängerinnen und Anhänger des Regimes. Die Frauen sind vollkommen schwarz verschleiert, ich ziehe mein Kopftuch hoch bis zum Haaransatz und versuche, meine Leggings länger zu ziehen. Als ich mich dafür bücke, sehe ich, dass ich auf einer antisemitischen Karikatur von Benjamin Netanjahu stehe, die auf die Straße gezeichnet wurde. Daneben steht geschrieben: DEATH TO ISRAEL.