»Der Iran ist ein Abenteuer. Alles ist irgendwie verboten, wir sind verboten.«

Steffi Hentschke lebt in Tel Aviv und arbeitet als Nahostkorrespondentin. 2012 beginnt sie, sich mit Israel und Palästina zu befassen. Sie reist nach Jerusalem, Ramallah, in den Iran, in den Libanon. In »Manchmal würde ich gern schreien« verbindet sie persönliche Erfahrungen mit politischer Analyse.
Im unten stehenden Auszug wird der Ton des Buches spürbar: persönlich, klug und getragen von dem Versuch, Widersprüche auszuhalten statt sie vorschnell aufzulösen.
Manchmal würde ich gern schreien
Empfehlung

Manchmal würde ich gern schreien

Mein Ringen um eine Haltung im Nahostkonflikt

Hardcover
24,00 €

2016 werden internationale Sanktionen gegen den Iran aufgehoben, im Rahmen des unter Barack Obama verhandelten Atomabkommens. Diese politische Entspannung schafft eine Chance: Der Iran öffnet sich für Touristen, und ich sehne mich nach meinen beiden Praktika in Israel und Palästina nach etwas Neuem. Gleichzeitig möchte ich auf dem Wissen aufbauen, das ich bisher gesammelt habe. Als eine Freundin sagt, sie sei dabei, beginnen wir mit den Vorbereitungen für die Reise.

Ich deaktiviere meinen Instagram-Account mit den Israel-Fotos. Auf Pinterest recherchieren wir nach Inspiration für Outfits. Wir suchen nach Kleidern, die den rigiden Regeln des iranischen Regimes entsprechen, diese aber maximal ausreizen, und damit minimal verschieben. So machen es immer mehr Frauen im Iran, haben wir gelesen. Die Leggings nur noch bis zum oberen Teil des Knöchels, das Oberteil nur bis zum unteren Ende des Ellbogengelenks. Wir decken uns in den Übergrößenabteilungen von Fast-Fashion-Läden ein. In den schwarzen schienbeinlangen Polyesterblusen in Größe 52 schwitzen wir im persischen Hochsommer, aber immerhin erfüllen sie exakt die Vorgaben. Für den Kopf kaufe ich mir ein leicht durchsichtiges Tuch aus Leinen in Hellgrau. Vor dem Spiegel zuhause übe ich, mir die Haare so zum Dutt zu verknoten, dass er als Halterung für das Kopftuch dient.

Grafik mit Zitat aus Steffi Tentschke, Manchmal würde ich gern Schreien. Text: "Der Iran ist ein Abenteuer. Alles ist irgendwie verboten, wir sind verboten. Wir werden nur einmal in Teheran von der Sittenpolizei angesprochen. Als wir sagen, dass wir Touristinnen aus Deutschland sind, lässt man eilig von uns ab."

Portraitfoto Steffi Hentschke
Autor:in

Steffi Hentschke, geboren 1988 in Zittau, berichtet als Nahostkorrespondentin aus Tel Aviv und wird für ihre nuancierten Analysen über den israelisch-palästinensischen Konflikt geschätzt.

Wir sind zwei Mal in Teheran, am Anfang und am Ende der Reise. Beim zweiten Mal ist zufällig Al-Quds-Tag. Nach der islamischen Revolution 1979 ernannte Ayatollah Khomeini den letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan zum Al-Quds-Tag, an dem gegen die Existenz Israels demonstriert wird. »Al-Quds« ist der arabische Name für Jerusalem.

Wir stolpern ungeplant in den Massenprotest der Anhängerinnen und Anhänger des Regimes. Die Frauen sind vollkommen schwarz verschleiert, ich ziehe mein Kopftuch hoch bis zum Haaransatz und versuche, meine Leggings länger zu ziehen. Als ich mich dafür bücke, sehe ich, dass ich auf einer antisemitischen Karikatur von Benjamin Netanjahu stehe, die auf die Straße gezeichnet wurde. Daneben steht geschrieben: DEATH TO ISRAEL.

 

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