Ein Tag in einem Nagelstudio, in dem alle Susan heißen

In »Frag nach Susan« verbringen wir einen Arbeitstag in einem Nagelstudio, in dem der Einfachheit halber alle Angestellten Susan heißen. Die Kundinnen können ihre Namen sowieso nicht aussprechen. Während sie ihre Hände pflegen lassen und dabei intime Details aus ihrem Privatleben ausplaudern, kommentieren die Susans das Geschehen in ihrer Sprache – sie beobachten, machen Witze und lästern.

Hier spricht Autorin Souvankham Thammavongsa, die 2025 mit dem Giller Prize ausgezeichnet wurde, über die Rolle von Sprache, Ironie und Humor in ihrem Roman sowie darüber, was wir an einem scheinbar alltäglichen Ort über Macht, Nähe und Klasse lernen können.
Frag nach Susan
Empfehlung
Hardcover
24,00 €

Dein Buch spielt an einem einzigen Tag und an einem einzigen Ort: einem Nagelstudio. Auf den ersten Blick ist das sehr lustig – ein Nagelstudio, in dem alle Susan heißen. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr weicht der Humor etwas viel Düsterem und legt die verborgenen Tiefen und emotionalen Strömungen unter der Oberfläche frei. Wie bist du auf diese Idee gekommen, und warum ausgerechnet ein Nagelstudio?

Es ist sehr lustig, aber gleichzeitig auch traurig und tiefgründig. Es gibt verschiedene Arten von Humor, Wortwitz, trockenen Humor, Understatement, Ironie. Ironie ist für dieses Buch besonders wichtig. 

Es passiert etwas, und die Leserinnen und Leser sind eingeweiht, während einige Figuren im Buch es nicht sind, und das wird uns vor Augen geführt. Wir lesen eine Sprache, die zwar vor uns liegt, von der wir aber wissen, dass sie eigentlich nicht diese Sprache ist. In Wahrheit ist sie eine andere Sprache. 

Zitat aus Interview mit Souvankham Thammavongsa. Text: "Sprache – und wie sie sich in einem Ort wie dem Nagelstudio entfaltet – ist voller Macht."

Souvankham Thammavongsa
Autor:in

Souvankham Thammavongsa, geboren 1978 in Nong Khai, ist laotisch-kanadische Dichterin und Autorin. Ihre Kurzgeschichten erschienen u. a.

»Alle Menschen sind hässlich.« Das ist der erste Satz deines Buches. Die Erzählerin wirkt zunächst manchmal distanziert oder schwer zugänglich, obwohl sie einem beim Lesen mit der Zeit immer mehr ans Herz wächst. Warum hast du dich für eine Hauptfigur entschieden, die nicht auf Anhieb sympathisch ist?

Nett sein ist langweilig.

 

Zitat aus Souvankham Thammavongsa, Frag nach Susan. Text: "Alle Menschen sind hässlich. Und ich muss es wissen. Ich sehe sie mir den ganzen Tag an."

Im Laufe des Arbeitstags begegnen wir vielen Kundinnen auf den Behandlungsstühlen und hören ihre Geschichten. Oft erzählen sie ziemlich persönliche Dinge aus ihrem Leben – ausgerechnet diesen fremden Kosmetikerinnen. Was wünschst du dir, dass Leser:innen nach der Lektüre von »Frag nach Susan« über die Menschen, denen sie im Alltag begegnen, mitnehmen?

Vielleicht das: Manchmal können die Menschen, die wir lieben und mit denen wir jahrelang zusammenleben, uns lieben und mit uns zusammenleben, gerade weil wir ihre wahre Geschichte nicht kennen. Und manchmal sind es Fremde, denen wir die Wahrheit über uns erzählen.

Zum Schluss: Ning, die Erzählerin, war in einem früheren Leben Boxerin. Wie kamst du darauf, zwei so disparate Dinge – Boxen und Nagellack – miteinander in Verbindung zu bringen?

Ein Kennzeichen guter Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist es, zwei Dinge zusammenzubringen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, und daraus eine Welt zu erschaffen, in der sie ganz selbstverständlich zusammengehören – und zwar so, dass man die Nähte nicht sieht, an denen sie miteinander verbunden worden sind. Man lässt sich beim Lesen dann einfach darauf ein.

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