Trost jenseits der Sprache – Tiere in Sigrid Nunez‘ Büchern
Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Schriftstellerinnen unserer Zeit, die für ihre intellektuelle Stringenz und ihre Fähigkeit bekannt ist, die unzähligen Facetten des menschlichen Lebens auf einfühlsame und unsentimentale Weise einzufangen. Doch schnell fällt auf, dass in ihrem Werk nicht nur über die Natur des Menschen nachgedacht wird, sondern auch Tiere fast schon omnipräsent sind. Dabei sind die animalischen Begleiter kein bloßer Schmuck; sie sind handelnde Figuren und eigenständige Gegenüber. Als empfindsame, intelligente Wesen eröffnen sie ihren Protagonist:innen einen Zugang zu Emotionen, die Worte allein oft nicht fassen können. Auch wenn die Liebe zu einem Tier die unlösbaren Probleme, mit denen die Figuren konfrontiert sind – sexuelle Gewalt, der Tod enger menschlicher Freunde, die Pandemie –, niemals beheben kann, sind Haustiere dennoch mehr als eine sentimentale Ablenkung.
Die Verbundenheit zwischen Tieren und Menschen ist in gewisser Weise tiefer und beständiger als die Zuneigung zwischen Menschen, da sie nicht von den Grenzen der Sprache abhängt und nicht durch die Strapazen des Alltags untergraben wird. Nunez nutzt ihre Tiere, um Fragen nach Identität, Gedächtnis und Verbindung neu zu stellen — immer mit einem feinen Sinn für Humor, Prägnanz und tiefem Mitgefühl. So entsteht in ihren Büchern eine Literatur, die nicht nur von Menschen erzählt, sondern von dem, was wir einander und anderen Lebewesen schuldig bleiben — und wie sehr gerade in der Beziehung zu Tieren Heilung und Erkenntnis zu finden sind.
Der Fuchs als Rätsel
Ein Fuchs taucht in der Kurzgeschichte »Fantasie« auf, die sich um die Teenagerin Elsie dreht, der ihr Einfallsreichtum zu schaffen macht. Immer kommt sie auf ungute Ideen, z. B. im Schulkorridor aus vollem Hals zu schreien, um zu hören, wie es klingt. Es sei ein dreister Schrei nach Aufmerksamkeit, wird ihr immer wieder von außen unterstellt, besonders von ihrer Mutter. Was aber soll sie tun, als sie bei einem nächtlichen Gang durch den Garten umknickt und stürzt, unfähig von allein wieder auf die Beine zu kommen? Um Hilfe schreien, wo doch das Haus voller Gäste und sie nackt ist? Genau in dieser Situation bemerkt die Protagonistin einen Fuchs. Eben das Tier, dass in der Literatur für Schläue und Gewitztheit steht. Der Text lässt offen, ob der Fuchs Bedrohung oder Gesellschaft ist, ein Symbol, Gehirngespinst oder Plottwist.
Das Pinseläffchen Mitz – Teil der Familie
In »Mitz, das Pinseläffchen« wird ein kleines Tier zur Brücke in eine berühmte, exzentrische Welt: Sigrid Nunez erzählt, wie das kränkelnde Äffchen aus Südamerika nach England gebracht und unter der liebevollen Pflege von Leonard und Virginia Woolf heimisch und zu einem Teil des berühmten Bloomsbury Zirkels wird. Der Roman erkundet auf ergreifende und charmante Weise diese geheimnisvolle und lebensbejahende Verbindung, die zwischen Mensch und Tier entstehen kann. Uns wird nie genau gesagt, was Leonard für Mitz empfindet, doch der Leser versteht die zärtliche Vertrautheit, die die beiden verbindet.
Die Dogge Apollo – ein Begleiter durch die Trauer
»Der Freund« ist vielleicht das bekannteste Beispiel für Nunez’ Fähigkeit, Tierfiguren tief ins Zentrum menschlicher Erfahrung zu rücken. Der riesige Hund Apollo, eine achtzig Kilo schwere Dogge, wird zur Rettungsleine für eine trauernde Erzählerin: Ihr bester Freund ist gestorben und hat ihr das Tier unverhofft hinterlassen. Durch die Obhut des Hundes entsteht ein Alltag, der Trauer in Handlung wandelt. Nunez beschreibt präzise, wie die Präsenz eines Hundes Räume, Gewohnheiten und das Gefühlsleben der Protagonistin neu ordnet. Apollo ist sowohl Belastung als auch Trost, ungeschliffene Kraft und stille Nähe — ein Charakter, der das Buch trägt. In der Beziehung zu Apollo lotet Nunez die Grenzen des Verständnisses und die heilsame Wirkung von Verantwortung aus: Das Zusammenleben mit einem Tier erweist sich als Form praktischer Empathie, die Sprache oft überflügelt.
Der Papagei Eureka - Teil einer skurrilen WG
In »Die Verletzlichen« gerät die Erzählerin ebenfalls in eine unerwartete Beziehung zu einem Tier. Sie wird Teil einer ungewöhnlichen Pandemie-Wohngemeinschaft mit einem jungen Studenten, den sie Giersch nennt, und einem Papagei namens Eureka, »eine hochintelligente und soziale Art, die viel Aufmerksamkeit brauchte«. Giersch verschwindet schließlich unerwartet, doch die Erzählerin ist ohnehin eine Vogelliebhaberin und findet Trost in der Gemeinschaft mit Eureka: »Ein Mittel gegen viele Krankheiten wird es genannt. Für die Linderung von Stress und Angst; als Trost bei einem Trauerfall, bei Traurigkeit und Verlust: Finde jemanden, der deine Hilfe braucht.«
Die Katze als stille Begleiterin
In »Was fehlt dir« folgt Sigrid Nunez einer Erzählerin in New York, die sich auf Begegnungen mit einem Ex, einer verunsicherten AirBnB-Gastgeberin und vor allem einer unheilbar kranken Jugendfreundin einlässt. Diese Begegnungen sind keine großen Dramen, sondern zarte, genau beobachtete Prüfsteine menschlicher Nähe: Durch Zuhören, kleine Dienste und gemeinsame Stunden entsteht Ratlosigkeit, Trost und manchmal überraschende Zuversicht. Eine Katze begleitet die Erzählerin als stille, eigenständige Präsenz; ihre Gegenwart schafft Räume für Nähe, löst Erinnerungen aus und macht spürbar, wie Mitgefühl im Alltäglichen wächst. Nunez erzählt poetisch und präzise von der Kunst, füreinander da zu sein.