»Der Krieg in der Ukraine ist der letzte Akkord des Zerfalls der Sowjetunion«: Mikhail Zygar im Interview
Das Buch erscheint am 13. Mai.
Die Zukunft, die nie kam
Wie der Zerfall der Sowjetunion bis heute nachwirkt
Sie sind in Moskau geboren und waren beim Zerfall der Sowjetunion zehn Jahre alt. Wie haben Sie deren Ideale dennoch geprägt?
Ich habe »Die Zukunft, die nie kam« genau deshalb geschrieben, weil der Zerfall der Sowjetunion ein sehr wichtiges Ereignis meiner Kindheit war. Er war vermutlich meine erste politische Erfahrung, ein politischer Schock, den ich mit eigenen Augen miterlebt habe.
Ich erinnere mich gut daran, dass ich schon damals ziemlich schnell verstand, dass die meisten Menschen, die ich kannte, an keinerlei sowjetische Ideale glaubten. Die Sowjetunion war ein zutiefst zynisches Land, in dem alle Menschen gezwungen waren zu schauspielern. Viele lebten in einer sogenannten »inneren Emigration«, das heißt, sie organisierten ihr Leben so, dass der Staat und politische Fragen es in keiner Weise berührten.
Sie leben im Exil und schreiben als Kolumnist für den Spiegel und internationale Medien über aktuelle Ereignisse im Zusammenhang mit Russland und der Ukraine. Was hat Sie dazu bewogen, sich in Ihrem neuen Buch »Die Zukunft, die nie kam« noch einmal der Geschichte Russlands und der Sowjetunion zuzuwenden?
Ich habe dieses Buch lange vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine zu schreiben begonnen. Über viele Jahre hinweg habe ich wichtige Akteure und Zeitzeugen des Zerfalls der Sowjetunion interviewt – Menschen, die in ganz unterschiedlichen ehemaligen Sowjetrepubliken lebten oder noch leben, darunter Russland und die Ukraine, aber auch Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Litauen oder Lettland.
Doch mit dem Beginn des Krieges scheint mir das Buch noch dringlicher geworden zu sein. Es erklärt, warum dieser Krieg begonnen hat – warum die sowjetische imperiale Nostalgie weiterhin das Denken jener Generation von Funktionären prägt, die heute in Russland an der Macht ist. Ich bin überzeugt, dass der Krieg in der Ukraine letztlich auch zum Zerfall von Putins eigener imperialer Ordnung führen wird. Deshalb sind die von mir beschriebenen Ereignisse und Akteure von unmittelbarer Aktualität.
Mit welchem weit verbreiteten Irrglauben über den Untergang der Sowjetunion würden Sie gerne aufräumen?
Es gibt viele Mythen darüber, wie der Kalte Krieg zu Ende ging. Besonders im Westen heißt es häufig, dass die Amerikaner die Russen ganz einfach besiegt hätten. Ein anderer Mythos, der heute häufig in Russland propagiert wird, behauptet, es habe eine Verschwörung gegeben und einige Verräter innerhalb der sowjetischen Führung hätten das Land bewusst zerstört.
In meinem Buch zeige ich deutlich, dass es die aufkommende Hoffnung war, die die Sowjetunion zerstörte – der aufrichtige Glaube der Menschen, die in ihr lebten, dass eine andere, eine gerechtere und freiere Zukunft möglich sei. Diese Überzeugung hat sich gegenüber den hohlen kommunistischen Idealen durchgesetzt, an die kaum jemand wirklich glaubte.
Das heißt, Sie sehen Parallelen zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und dem, was mit der liberalen Demokratie heute geschieht?
Ja, es macht mir große Sorgen, dass die Ideale der liberalen Demokratie weltweit zunehmend infrage gestellt werden. Vor 35 Jahren gab es eine außergewöhnliche Welle des Optimismus und der Euphorie. Diktatoren traten zurück, oft beinahe freiwillig. Das geschah nicht nur in Osteuropa mit dem Zerfall des Ostblocks, sondern beispielsweise auch in Lateinamerika.
Diese »Mode« der Demokratie hat die Welt zweifellos besser und gerechter gemacht und ihr zumindest eine Art »Nachkriegsferien« verschafft, wie ich es nenne. Jetzt, nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine, müssen wir feststellen, dass diese »Ferien« vorbei sind. Die großen Mächte beginnen wieder, mehr Geld für Waffen statt für friedliche Zwecke auszugeben. Gleichzeitig sehen wir, dass auch der Glaube an die Demokratie weltweit von Zynikern angegriffen wird, die überzeugt sind, dass autoritäre Systeme effizienter seien. Das ist eine große Gefahr.
Wenn die westlichen Gesellschaften das Vertrauen in die Demokratie verlieren, könnte sie ein ähnliches Schicksal ereilen wie einst die Sowjetunion.