»Erinnerungen und Träume – das ist es, was ich bewahren möchte«: Georgi Gospodinov im Interview

In »Physik der Schwermut« schreibt Georgi Gospodinov, Bookerpreis-Träger 2023, über einen Jungen, der sich in alle hineinversetzen kann - sei es sein Großvater oder eine Schnecke, die gerade verschlungen wird. Dieser mit übermäßiger Empathie ausgestattete Protagonist ist beherrscht vom Wunsch, das Wichtigste für die Nachwelt zu bewahren, seien es Erinnerungen an ein vergangenes Bulgarien oder umgedeutete Motive der griechische Mythologie. Im Interview spricht Georgi Gospodinov nun über Mitgefühl als literarische Kraft, über das Bewahren des Vergänglichen, und darüber, warum der Minotaurus kein Monster ist, sondern eine verlassene, missverstandene Figur.

Das Buch erscheint am 13. Mai.
Physik der Schwermut
Empfehlung
Hardcover
24,00 €

In Ihrem Roman »Physik der Schwermut« geht es um einen Protagonisten, der so einfühlsam ist, dass er die Erinnerungen seines Großvaters nachfühlen oder die Welt aus der Perspektive einer Schnecke erleben kann. Was hat Sie dazu inspiriert, einen so empathischen Protagonisten zu erschaffen?

Ich komme aus einer Gegend, in der man glaubt, dass Schweigen Gold ist – einer Gegend voller unausgesprochener und unterdrückter Geschichten. Wie die Figur im Roman sagt: »Unsere Mütter haben aus ihrem Schweigen köstliche Kuchen gebacken«. Der einzige Weg, die Geschichten dieser Menschen kennenzulernen, besteht darin, unter einem übermäßigen Einfühlungsvermögen zu leiden und dadurch, über das Leid, in ihre Leben einzutreten. Genau das habe ich in diesem Buch versucht

Grafik mit Zitat aus Interview mit Georgi Gospodinov. Text: "Ich glaube nicht, dass es möglich ist, ein Buch zu lesen, ohne zumindest ein bisschen Mitgefühl für diejenigen zu empfinden, über die man liest. Geschweige denn, eines zu schreiben."

Porträtfoto Georgi Gospodinov
Autor:in

Georgi Gospodinov wurde 1968 in Jambol, Bulgarien, geboren.

Der Protagonist Ihres Romans versucht, das Vergängliche und Flüchtige in sogenannten Zeitkapseln zu bewahren, in denen er alles aufzuheben versucht, was für die Gegenwart von Bedeutung sein könnte – ist Ihr Buch selbst eine Zeitkapsel?

Ja, dieses Buch soll eine Zeitkapsel sein – oder zumindest ein kleiner Rucksack mit den wichtigsten Dingen, die wir mitnehmen und durch die Flut tragen können. Die kleinsten und zerbrechlichsten Dinge sind die wertvollsten, die es zu retten gilt.

Grafik mit Zitat aus Interview mit Georgi Gospodinov. Text: "Erinnerungen und Träume – das ist es, was ich bewahren möchte."

In Ihrem Roman ist der Minotauros aus der griechischen Mythologie eine immer wiederkehrende Figur und Metapher – was symbolisiert er in Ihrem Text?

Ich wollte eine Ungerechtigkeit wiedergutmachen. Der Minotaurus ist nicht das Monster, zu dem ihn die Welt und der Mythos gemacht haben. Wenn wir aufmerksam und mit Einfühlungsvermögen lesen, merken wir, dass er ein sehr verängstigtes und verlassenes Kind im Alter von vielleicht zwei bis drei Jahren ist. Er ist ein Mensch mit einem Stierkopf – aufgrund der Sünden anderer.

Grafik mit Zitat aus Interview mit Georgi Gospodinov. Text: "Dies ist die Geschichte eines Monsters, das wir erfunden haben, um unsere eigene Schuld zu verbergen."

Was macht Ihren Roman heute so aktuell?

Die Frage nach Empathie ist heute besonders entscheidend. Wir haben »den Anderen« zu einem Monster gemacht – zu einem Minotauros. Ganz zu schweigen davon, dass Aggression und Entmenschlichung zu politischen Instrumenten geworden sind. Das Gefühl vom Ende und der Katastrophe ist allgegenwärtig.

 

Würden Sie etwas an Ihrem Roman ändern, wenn Sie ihn heute schreiben würden?

Nein, kein Wort. Die Kapsel ist versiegelt. Und außerdem sind unsere Bücher und Geschichten klüger als wir.

Grafik mit Zitat aus Interview mit Georgi Gospodinov. Text: "Wer bin ich denn, dass ich eine Geschichte korrigieren könnte?"

Sind Teile dieses Romans autobiografisch?

So ungefähr 73 % (lacht).

 

Das Interview führte Elisabeth Botros.

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