»Erinnerungen und Träume – das ist es, was ich bewahren möchte«: Georgi Gospodinov im Interview
Das Buch erscheint am 13. Mai.
Physik der Schwermut
Roman
In Ihrem Roman »Physik der Schwermut« geht es um einen Protagonisten, der so einfühlsam ist, dass er die Erinnerungen seines Großvaters nachfühlen oder die Welt aus der Perspektive einer Schnecke erleben kann. Was hat Sie dazu inspiriert, einen so empathischen Protagonisten zu erschaffen?
Ich komme aus einer Gegend, in der man glaubt, dass Schweigen Gold ist – einer Gegend voller unausgesprochener und unterdrückter Geschichten. Wie die Figur im Roman sagt: »Unsere Mütter haben aus ihrem Schweigen köstliche Kuchen gebacken«. Der einzige Weg, die Geschichten dieser Menschen kennenzulernen, besteht darin, unter einem übermäßigen Einfühlungsvermögen zu leiden und dadurch, über das Leid, in ihre Leben einzutreten. Genau das habe ich in diesem Buch versucht
Der Protagonist Ihres Romans versucht, das Vergängliche und Flüchtige in sogenannten Zeitkapseln zu bewahren, in denen er alles aufzuheben versucht, was für die Gegenwart von Bedeutung sein könnte – ist Ihr Buch selbst eine Zeitkapsel?
Ja, dieses Buch soll eine Zeitkapsel sein – oder zumindest ein kleiner Rucksack mit den wichtigsten Dingen, die wir mitnehmen und durch die Flut tragen können. Die kleinsten und zerbrechlichsten Dinge sind die wertvollsten, die es zu retten gilt.
In Ihrem Roman ist der Minotauros aus der griechischen Mythologie eine immer wiederkehrende Figur und Metapher – was symbolisiert er in Ihrem Text?
Ich wollte eine Ungerechtigkeit wiedergutmachen. Der Minotaurus ist nicht das Monster, zu dem ihn die Welt und der Mythos gemacht haben. Wenn wir aufmerksam und mit Einfühlungsvermögen lesen, merken wir, dass er ein sehr verängstigtes und verlassenes Kind im Alter von vielleicht zwei bis drei Jahren ist. Er ist ein Mensch mit einem Stierkopf – aufgrund der Sünden anderer.
Was macht Ihren Roman heute so aktuell?
Die Frage nach Empathie ist heute besonders entscheidend. Wir haben »den Anderen« zu einem Monster gemacht – zu einem Minotauros. Ganz zu schweigen davon, dass Aggression und Entmenschlichung zu politischen Instrumenten geworden sind. Das Gefühl vom Ende und der Katastrophe ist allgegenwärtig.
Würden Sie etwas an Ihrem Roman ändern, wenn Sie ihn heute schreiben würden?
Nein, kein Wort. Die Kapsel ist versiegelt. Und außerdem sind unsere Bücher und Geschichten klüger als wir.
Sind Teile dieses Romans autobiografisch?
So ungefähr 73 % (lacht).
Das Interview führte Elisabeth Botros.