Seit wann ist Kartoffelkochen Wirtschaft?

Wer kümmert sich eigentlich um die Wirtschaft? In »Das Wir in Wirtschaft« zeigt Feline Tecklenburg, warum Sorgearbeit ins Zentrum unseres Wirtschaftsverständnisses gehört – ob bezahlt oder unbezahlt. Im Interview spricht sie darüber, wer von unserem heutigen System profitiert und wie es anders gehen könnte.
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Seit wann ist Kartoffelkochen Wirtschaft?

Seit es die Kartoffel gibt – oder besser: seit es Menschen gibt, also schon immer! In der Antike war die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen die zentrale Aufgabe von Wirtschaft. Die ursprüngliche Bedeutung von Ökonomie kommt vom griechischen »oikonomia«, was aus den Worten »oikos« für Haus und »némein« für austeilen, verteilen oder zuteilen gebildet wird.

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Wirtschaft heißt wörtlich: Verteilung im Haushalt. Dieses Verständnis von Wirtschaft wurde im Laufe der Geschichte jedoch spektakulär unter den Teppich gekehrt. Patriarchale Machtinteressen brauchten diese Unsichtbarmachung von Care-Arbeit und die Unterdrückung der Care-Arbeiter:innen, also vor allem Frauen."

Warum bekommt man fürs Windelnwechseln eigentlich keine Rente?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, die am Kern des Problems rührt. Weil Windelnwechseln, obwohl existenziell für alle, die geboren wurden, in unserem auf Profit fokussierten Wirtschafts- und Sozialsystem nicht als wertschöpfende Leistung anerkannt wird. Das passiert ja angeblich aus Liebe und weil man die Kinder selbst wollte. Oder den pflegebedürftigen Partner, der möglicherweise auch Windeln braucht.

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Dass Arbeit wie diese die Grundlage einer jeden Gesellschaft ist, wird politisch größtenteils ignoriert und als etwas Selbstverständliches angesehen. Auf dem Rücken all der Menschen, vor allem Frauen, die dann aufgrund von jahrelanger Care-Arbeit in Altersarmut landen."

Was wäre, wenn morgen niemand mehr unbezahlt arbeiten würde?

Das wäre verheerend. Es würden auf einen Schlag sehr viel Leid und Chaos über uns hereinbrechen. Menschen würden hungern, verdursten, verwahrlosen, sterben. Geschlossene Geschäfte und Fabriken. Unterbrechung der globalen Handelsketten. Die Autorin Mareike Fallwickl hat das in ihrem Roman »Und alle so still« beschrieben. Da bestreiken Menschen ihre unbezahlte Care-Arbeit und am Ende versucht der Staat sogar, mit autoritären Mitteln durchzugreifen und die Menschen, vor allem Frauen, polizeilich zu zwingen, wieder unbezahlt Sorgearbeit zu leisten, weil alles zusammenbricht.

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Wir alle sind jeden Tag auf unbezahlte Care-Arbeit angewiesen. Nicht nur Säuglinge oder pflegebedürftige Menschen. Auch die vermeintlich »Fitten« und »Gesunden«."
Illustration verschiedener Formen von Care-Arbeit und Versorgung, darunter Pflege älterer Menschen, Kinderbetreuung, Hausarbeit, Reinigung, Kochen und Unterstützung von Menschen mit Behinderung.

Porträtfoto Feline Tecklenburg
Autor:in

Feline Tecklenburg, geboren 1992, ist Politökonomin. Sie ist Mitgründerin und Co-Geschäftsführerin der Denk- und Handlungswerkstatt Wirtschaft ist Care.

Wer subventioniert eigentlich wen: die Wirtschaft die Care-Arbeit – oder umgekehrt?

Die klassische neoliberale Erzählung geht so, dass wir erst einen gewissen finanziellen Wohlstand erwirtschaften müssen, der dann Sozialausgaben finanziert. Das klingt dann immer so, als würden Personen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, Kinder beim Aufwachsen begleiten oder Menschen die Haare schneiden, eine Art sozialen Luxus produzieren, der freundlicherweise von der Automobil- und Rüstungsindustrie mitfinanziert wird. Es verhält sich aber genau umgekehrt. Nur durch Sorgearbeit sind Menschen fähig, jeden Tag ihrer Erwerbsarbeit nachzukommen. 

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Klar, wir brauchen auch Lebensmittel, Häuser, Medikamente und (erneuerbare) Energien. Aber zuerst brauchen wir die Menschen, die großgezogen und ausgebildet werden, um dann all das zu erforschen, zu entwickeln, auszuführen. Indem unbezahlte und schlecht bezahlte Care-Arbeit all das tut, subventioniert sie eigentlich, was wir herkömmlich als Wirtschaft bezeichnen."

Ist Familie keine Privatsache?

Das war sie noch nie. Die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft unser Zusammenleben organisieren, wurde schon immer von Machtverhältnissen geprägt. Im Mittelalter beispielsweise umfasste die Familie noch viele weitere Menschen, Mägde und Knechte. Das aktuelle Modell der Kleinfamilie, die alles auffängt, was vom Sozialstaat weggekürzt und gespart wird, passt dem Profit-zentrierten Wirtschaftsmodell, in dem wir zurzeit leben, nur am besten in den Kram, weil es kostengünstig die Sorgearbeit in die Kleinfamilie abschieben kann. 

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Deswegen wird da so gerne auf die „Privatsache“ verwiesen. Das ist einfach ein bequemes Argument, um sich nicht politisch damit beschäftigen zu müssen, wer die Care-Arbeit übernimmt."

Ist Teilzeit das Problem – oder die Lösung?

Für alle Menschen, die zurzeit bezahlt und unbezahlt Sorgearbeit leisten, ist es kurzfristig die Lösung, um nicht wegen Überlastung zusammenzubrechen. Langfristig ist es keine, denn mit unserem aktuellen Sozial- und Rentensystem sind vor allem diese Menschen gefährdet, später in Altersarmut zu landen oder heute schon jeden Euro umdrehen zu müssen angesichts steigender Mieten und Lebenshaltungskosten, wie beispielsweise Alleinerziehende oder chronisch Erkrankte. Eine langfristige und echte Lösung wäre deswegen, bei der Erwerbsarbeit beispielsweise eine kurze Vollzeit einzuführen und so den Lebens- und Care-Arbeitsverhältnissen sehr vieler Menschen gerechter zu werden.

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "In Deutschland leisten Frauen im Schnitt 39,1 Stunden unbezahlte Care-Arbeit pro Woche. Das ist bereits ein Vollzeitjob. Da passt keine weitere 40-Stunden-Erwerbswoche drauf, ohne überlastet zu sein."

Dabei sagt die aktuelle Bundesregierung doch gerade, dass wir alle mehr arbeiten müssen?

Weil sie ein sehr enges Verständnis von Arbeit hat und gerade vor allem Erwerbsarbeit fördern möchte, um im absurden Wettbewerb um Wirtschaftswachstum nicht ins Hintertreffen zu geraten. Mit dem engen Verständnis von Arbeit ist die Bundesregierung da übrigens nicht allein. Die meisten denken bei Arbeit an bezahlte und regulierte Erwerbsarbeit. »Ich muss heute noch arbeiten« – wenn dieser Satz fällt, sehen wir die Person das Haus verlassen und einem bezahlten Beruf nachgehen. Wir sehen sie nicht mit dem Kleinkind am Wickeltisch oder mit dem Wischmopp in der Küche. Nicht in einer Sporthalle, wo sie die C-Jugend im Handball trainiert.

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "In Deutschland leisten Frauen im Schnitt 39,1 Stunden unbezahlte Care-Arbeit pro Woche. Das ist bereits ein Vollzeitjob. Da passt keine weitere 40-Stunden-Erwerbswoche drauf, ohne überlastet zu sein."

Und wer soll das alles bezahlen?

Das ist die klassische Frage, die gut gemeint ist, aber immer davon ausgeht, dass Geld für Soziales grundsätzlich knapp sei. Aber diese Geldknappheit ist künstlich. Was knapp gehalten wird, ist der Zugang zu Geld. Durch politische Entscheidungen darüber, wer auf Geld zugreifen darf und wer nicht. Das verändert die Frage. Nicht: Woher nimmt der Staat das Geld für Freibäder, Pflegekräfte und die Schulsanierung? Sondern: Warum gibt der Staat nicht mehr Geld aus für notwendige Aufgaben?

Zitatgrafik aus Interview mit Feline Tecklenburg. Text: "Das »Ganze der Arbeit« wie die Ökonomin Adelheid Biesecker es nennt, wartet darauf, wieder gesehen zu werden. Erwerbsarbeit ist nur eine Form, wie Arbeit sein kann."

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