Über die vielen Stimmen eines Romans und einen Hund als Schlüsselfigur: Bestsellerautorin Julie Orringer im Interview
Eine Leseprobe des Romans und das gesamte Interview zum Download finden Sie hier!
Das Buch erscheint am 13. Oktober.
Leseprobe »Ein guter Charakter«
Ein guter Charakter
Roman
Worum geht es in Ihrem neuen Roman?
Dava und Barr Pennington sind Professoren an einer Universität im Mittleren Westen der USA; beide hüten schreckliche Geheimnisse. Dava ist in ihrer Ehe unglücklich und heimlich in eine Kollegin verliebt, Svetlana White, die am Institut für Slawistik lehrt. Angetrieben von ihrer Affäre, verbringt sie ihre Nächte damit, an einem Roman über zwei Frauen zu schreiben, die ein Frauenhaus an der Küste von Maine leiten. Doch dann fällt ihr das Schreiben zunehmend schwerer und ihr Gedächtnis beginnt zu versagen. Untersuchungen zeigen, dass sie an einer früh einsetzenden Alzheimer-Erkrankung leidet; nach einem rasanten Verfall bringt ihr Mann sie in einem Heim für Alzheimer-Patienten unter. Bald darauf entdeckt ihr Mann, der nachts allein im Haus ist, ihr verstecktes Manuskript, das er erst neidisch und dann wütend liest, während er aus der in den Romanseiten beschriebenen Beziehung auf die Affäre seiner Frau schließt. In den folgenden zwei Jahren schreibt er den Roman um und veröffentlicht ihn unter seinem eigenen Namen, was ihm großen Beifall und Erfolg einbringt. Doch anhaltende Schuldgefühle veranlassen ihn, seinen Diebstahl einer unerwarteten Gesprächspartnerin zu gestehen, die andere zur Wahrheit führt.
Wie haben Sie die verschiedenen Perspektiven Ihrer Figuren miteinander verwoben, um Ihren Roman zu schreiben?
Der Roman wird aus der Perspektive verschiedener Stimmen erzählt: Eltern und Kinder, Ehemann und Ehefrau, Liebhaberin und Geliebte, Verräter und Verratene. Jede wichtige Figur hat mindestens einen Abschnitt im Buch, manche sogar zwei; der Wechsel zwischen diesen Perspektiven ermöglichte es mir, Trauer, Verrat und Verlust aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, aber auch die Unfähigkeit der verschiedenen Figuren zu zeigen, die Gedanken und Gefühle der anderen zu verstehen.
Luna, Phoenix und Queen sind die verschiedenen Namen, die ein ganz besonderer Hund in Ihrem Roman im Laufe des Buches erhält – wofür steht dieser Hund?
Diese Hündin steht im Mittelpunkt des Buches; meine Lektorin bezeichnete sie als den »Schlüssel zum Roman«. Als ich mit dem Schreiben dieser Geschichte begann, wollte ich mir unbedingt selbst einen Hund zulegen. Meine Großmutter war gerade verstorben, meine geliebte Schwiegermutter ebenso, und wir alle trauerten; mein Mann und ich beschlossen, dass es an der Zeit war, eine neue Quelle der Freude in unser Leben und in das Leben unserer kleinen Kinder zu bringen. Schließlich bekamen wir einen Hund, und dieser Hund wurde fast sofort zu einem geliebten Familienmitglied – dem kleinsten, albernsten Mitglied der Familie. Diese Hündin wurde zum Trost für alle, zur Vertrauten für jeden von uns; sie brachte uns hinaus in die Welt, verschaffte uns neue Freunde, sorgte für heitere Abwechslung. Ich war immer wieder beeindruckt von ihrer Fähigkeit, genau das zu sein, was jeder gerade von ihr brauchte. Ein Hund ist von Natur aus, unbewusst, großzügig; aber ein Hund ist auch gnadenlos ehrlich, unfähig, eine Notlüge zu erfinden.
Barr, der eine der interessantesten, aber vielleicht auch unsympathischsten Figuren in Ihrem Roman ist, hat seit seiner Jugend das Gefühl, eine besondere Bestimmung zu haben und auserwählt zu sein – glauben Sie, dass dies ein weitverbreitetes Phänomen unserer Zeit ist?
Ich habe zahlreiche Freunde, vor allem Männer, die dasselbe Gefühl von Einzigartigkeit beschrieben haben: Eine leise Stimme habe ihnen immer gesagt, sie seien zu Großem bestimmt. Ich glaube tatsächlich, dass sich unsere Kultur in den letzten Jahren so verändert hat, dass diese Stimme lauter geworden ist, sodass sie manchmal so klingt, als müsse sie recht haben. Ich spreche vor allem von der manipulativen Natur des Kapitalismus, von der Botschaft, die wir durch eine Werbung nach der anderen vermittelt bekommen, die uns entweder sagt, dass wir (a) bestimmte Luxusgüter wie schnelle Autos, unglaublich teure Uhren oder luxuriöse Reisen verdienen, weil wir von Natur aus etwas Besonderes und es wert sind; oder (b) dass wir etwas Außergewöhnliches im Leben erreichen können, für das wir schon immer bestimmt waren, wenn wir nur dieses oder jenes Produkt kaufen, um uns attraktiver, gesünder und leistungsfähiger zu machen.
Insofern wir aus dem Verhalten der künstlichen Intelligenzen uns gegenüber etwas über uns selbst lernen können, scheint klar zu sein, dass wir gelobt werden wollen: KIs sind besonders gefährlich geworden durch ihre Tendenz, unsere beste Meinung von uns selbst zu bestätigen und uns zu ermutigen, das zu bekommen, was wir unserer Meinung nach verdienen.
Das Interview führte Elisabeth Botros.